Architektur und Wohnungsbau in Berlin Gegen die Wohnungsnot: Rehabilitiert die Plattenbauten!

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Architekt

Expertise:

Reinier de Graaf, 51, niederländischer Architekt und Partner von Rem Koolhaas im Architekturbüro OMA sowie dem dazu gehörenden urbanistischen Think Tank AMO.

Die europäische Stadt ist fixiert auf ihr historisches Zentrum. Das ist gefährlich. Berlins Wohnungsnot kann nur beseitigt werden durch eine Emanzipation der Peripherie, die einher geht mit einer Emanzipation der Menschen, die sich die Mitte nicht mehr leisten können.

Mein besonderes Interesse gilt einem verunglimpften Teil der deutschen Baukultur: den Plattenbauten. Bis vor kurzem wurden noch in Marzahn zehnstöckige Häuser zu vierstöckigen gemacht, damit sie „freundlicher“ wirken. Das habe ich nie verstanden. Ich fand die Siedlungshäuser vorher gar nicht unfreundlich, und jetzt könnte man die zusätzlichen Wohnungen gut gebrauchen.

Ich selbst stamme aus einem Plattenbau-Viertel am Rand von Rotterdam. Ich habe es dort nie als beklemmend empfunden, wie oft unterstellt wird. Die städtebauliche Anlage war sehr großzügig. Dass die holländische Fußball-Nationalmannschaft in den 70ern so gut war, lag meiner Meinung nach auch an diesen Siedlungen, wo zwischen die einzelnen Gebäude ein ganzes Fußballfeld passte.

Für mich als Kind fühlte sich das Viertel familiär an, gerade weil sich die Gebäude ähnelten. Niemand musste neidisch sein auf das Haus seines Nachbarn, denn das Haus des Nachbarn sah genauso aus wie das eigene. Der Wohnungsbau damals war eine riesige Investition in die Gleichheit der Menschen.

Die Sozialbauten der 70er sind zu Unrecht verunglimpft

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Die einzige Nostalgie, die ich in mir selbst verspüre, ist eine Nostalgie nach dieser Periode ohne Nostalgie. Ich finde, dass viele der Sozialbauten aus dieser Zeit zu Unrecht als architektonisch überholt gelten. Wenn man moderne Hochhäuser entkleidet, die Fassaden mitsamt ihrer Ornamentik abmontiert, sieht man, dass sie in ihrer Typologie vielen Gebäuden aus den 1960ern gleichen. Die teuersten Wohnungen in Dubai und in Manhattan liegen in quadratischen Türmen: Aufzug in der Mitte, Vorraum, vier bis sechs Apartments drum herum. Genauso sieht der Grundriss vieler Sozialbauten in London aus. Und selbst die Wohnungsgrößen unterscheiden sich nicht. Der Londoner Trellick-Tower von Ernö Goldfinger galt bis in die 80er Jahre hinein als Inbegriff eines Sozialdesasters. Heute werden selbst Kleinstwohnungen darin für Riesensummen verkauft. Wohnungen, die einmal ausdrücklich für arme Leute gebaut wurden, sind nicht mal mehr für Menschen mit normalen Einkommen zu bezahlen. Was für eine Ironie! Angeblich werden wir immer reicher, aber das Existenzminimum der 60er ist für uns unerschwinglich geworden.

Ein Problem ist, dass es fast nirgendwo mehr soziale Wohnungsbau-Programme gibt. In den Niederlanden wurden Gesetze, darunter auch das Miet- und das Tarifrecht, weiter liberalisiert mit der Folge, dass die Mieten rauf- und die Gehälter runtergingen. Wohnen wird immer teurer. Ich habe auch keine Idee, was man tun kann. Außer einer Revolution.

Damit bezahlbarer Wohnraum entsteht, muss zum Teil  industriell gebaut werden

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Damit die Wohnungen halbwegs bezahlbar bleiben, muss man effizient bauen. In Rotterdam ist gerade das Timmerhuis bezogen worden, das ich geplant habe, und das ausschließlich aus vorgefertigten Bauteilen besteht. Dennoch unterscheiden sich alle Wohnungen voneinander – bis auf den Umstand, dass alle eine fast 50 Quadratmeter große Terrasse haben. Man kann in der 15. Etage leben und sich so fühlen, als hätte man ein Haus mit Garten. Im Wohnungsbau muss eine neue Ehe geschlossen werden zwischen der ökonomischen Notwendigkeit von industriellem Bauen und dem menschlichen Bedürfnis nach einer nicht-monotonen Umgebung. Dafür gibt es keinen besseren Ort als Deutschland, als Berlin, mit seiner Kultur zwischen Techno und Öko.

Berlins Wohnungsknappheit kann meiner Meinung nach nur durch eine Emanzipation der Außenbezirke gelindert werden, eine Entwicklung, die Hand in Hand geht mit einer Emanzipation der Menschen, die sich die Mitte nicht mehr leisten können. Früher galt: Wenn ein Gebäude billig zu bauen ist, ist es auch billig zu kaufen. Heutzutage stimmt diese Regel nicht mehr. Die Gebäude im Zentrum sind in dieselben schäbigen Beton-Technik gebaut wie überall sonst. Sie sind einfach nur in einer begehrenswerten Lage.

Wir in Europa halten unsere Geschichte für die wichtigste. Alles Neue ist erstmal randständig. In der städtischen Ordnung bekommt es seinen Platz an der Peripherie. Ich glaube, dass diese Fixierung auf die Stadtmitte gefährlich ist. Alles strömt dorthin. Dieses Wettrennen um die zentralste Position macht die Zentren sehr teuer.

Dass urbanes Leben in die neuen Siedlungen kommt, ist keine Frage von Architektur, sondern eine Frage von Psychologie. Wenn man irgendwo wohnt und immer davon überzeugt ist, dass das Zentrum woanders ist, wird das Neue nie städtisch. Ich habe es in den 1970er Jahren noch umgekehrt erlebt. Damals war das Zentrum von Amsterdam ein Slum: ein Junkie-Paradies. Für uns aus den Vorstädten nicht unbedingt ein Vorbild.

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Wohnungsbau zwischen Ästhetik und Profit: Wie soll Berlin wohnen?

Dieser Text ist Teil der Debatte zu Berlins Wohnungsbauarchitektur auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Die Debatte entstand für Mehr Berlin - Vier Seiten Kunst, Politik und Stadtgefühl im Tagesspiegel am SonnabendWeitere Debattenbeiträge international bekannter Architekten finden Sie hier. Lesen Sie dort unter anderem auch Arno Brandlhuber: Wir brauchen wieder Typenhäuser - wie in der guten alten DDR

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Wer hat Vorfahrt in Berlin - Radfahrer oder Autos? Verkehrsexperten und Politiker diskutieren.

 

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