Sind Universitäten unregierbar? Hochschulen sind wie Indianerstämme nur mit Häuptlingen

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Professor für Sozialwissenschaften an der FH Erfurt im Ruhestand

Expertise:

Ehemaliger Rektor der Fachhochschule Erfurt

Im Prinzip sind Hochschulen unregierbar, sagt Wolf Wagner, ehemaliger Rektor der FH Erfurt. Steuern lassen sie sich nur durch Verführung oder äußeren Druck.

Die Frage nach der Unregierbarkeit deutscher Hochschulen hat mich elektrisiert. Ich war vier Jahre Rektor und sechs Jahre Prorektor an einer deutschen Hochschule, war Dekan und Prodekan und 17 Jahre lang Professor. Ich habe mich in all den Jahren mit der Regierbarkeit deutscher Hochschulen beschäftigt und bin zu einem paradoxen Ergebnis gekommen.

Deutsche Hochschulen brauchen keine Regierung, weil sie auch ohne Regierung halbwegs gut funktionieren. Denn die Hauptaufgabe der Hochschulen, Lehre und Forschung, wird von Professoren und Professorinnen nach eigener individueller Einsicht und Verantwortung erledigt. Mit einem Beamtenverhältnis auf Lebenszeit und Freiheit von Lehre und Forschung sind sie weitgehend sanktionsfrei. Geldleistungen interessieren sie wenig. Ihre Währung ist Reputation. Darum können sie tun und lassen, was sie wollen.

Überlässt man Hochschulen den Professoren, funktionieren sie zwar, aber in der Regel suboptimal 

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Wir alle kennen viele Beispiele von Hochschulen, die über Monate und Jahre ohne Führung waren. Gremien blockierten sich gegenseitig, oder man fand über Jahre keine Nachfolge für eine abgewählte Führung. In all den Fällen haben die Hochschulen weiterfunktioniert, zwar nicht optimal aber immerhin. Viele - auch einige Autorinnen dieser Reihe - meinen übrigens, dass die Hochschulen dann am besten funktionieren, wenn man die Professorinnen und Professoren machen lässt. Als Student, als Kollege und als Mitglied der Hochschulleitung habe ich oft genug erlebt, wie Professoren und Professoren ihre Freiheiten und Privilegien dazu nutzten, ihren dienstlichen Einsatz auf ein Minimum hin zu optimieren und ihre Zeit für andere Projekte zu maximieren. Darum funktionieren Hochschulen, wenn man sie den Professoren überlässt, in der Regel deutlich suboptimal. Regierung täte also not.

Im Prinzip sind Hochschulen unregierbar: Sie gleichen Indianerstämmen nur mit Häuptlingen

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Doch der gleiche Grund, warum Hochschulen letztlich auch ohne Regierung halbwegs funktionieren,  macht sie im Prinzip unregierbar. Deutsch Hochschulen sind in der Regel die sprichwörtlichen Indianerstämme ohne Indianer, nur mit Häuptlingen. Die kollegialen Gremien mit ihrer Professorenmehrheit blockieren jede substanzielle Reform, die ihre angestammten Interessen berühren. Und selbst wenn es zu Beschlüssen kommt, werden sie einfach unterlaufen. Die Bologna-Reform ist dafür ein gutes Beispiel. Man nannte sein Vorlesung, die man schon immer gehalten hat, Modul und prüfte sie einzeln mit einer Klausur ab. So entstanden die allseits beklagten verschulten Studiengänge, weil die Unzahl Module eben auch eine Unzahl Klausuren erforderlich machten.

Steuern kann man Hochschulen in Deutschland nur durch Verführung oder äußeren Druck

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Hochschulen in Deutschland kann man strategisch nur durch Verführung oder äußeren Druck steuern. Verführung mit Geld hat die Exzellenzinitiativen zustande gebracht. Verführung mit der Vision einer besseren Hochschule vor allem in der Lehre scheitert, sobald deutlich wird, dass sie mehr Arbeit und damit Einschränkungen in der Forschung bringen würde. Äußerer Druck durch die Macht der Verhältnisse, durch eine glaubwürdig gemachte Bedrohung durch zukünftige Entwicklungen etwa bei der Demografie, kann mit Glück und großer Überzeugungskraft so etwas wie Governance zustande bringen, ein gemeinsames Ziehen am gleichen Strang.

Früher, als ich Rektor war, gab es noch den äußeren Druck des Ministeriums. Man konnte mit seiner Hilfe erwünschte und sinnvolle  Kompromisse durchsetzen und dabei dastehen als ob man die Hochschule erfolgreich verteidigt hätte. Im Zustand der scheinbar totalen Autonomie wünscht sich manche Hochschulleitung diesen alten Zustand einer gewissen Regierbarkeit zurück.

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