Sind Universitäten unregierbar? Auf die professionelle Verwaltung kommt es an

Bild von Prof. Dr. Ulrike Gutheil Dieter Kaufmann
Bundessprecher Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten

Expertise:

Dieter Kaufmann ist Bundessprecher der Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten Deutschlands und Kanzler der Universität Ulm. Der Betriebswirt war in verschiedenen Positionen in der Stuttgarter Universitätsverwaltung und im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst tätig. 21 Jahre leitete er das Finanzdezernat der Universität Stuttgart und war von 1996 bis 2005 Stellvertreter des dortigen Kanzlers. Prof. Dr. Ulrike Gutheil ist stellvertretende Bundessprecherin und Kanzlerin der TU Berlin. Die Juristin leitet die Zentrale Universitätsverwaltung und damit Dienst- und Fachvorgesetzte der Abteilungen Studierendenservice, Personal und Recht, Finanzen, Gebäude- und Dienstemanagement sowie Forschung. Sie ist Beauftragte für den Haushalt und zuständig für den Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie. Darüber hinaus ist sie zuständig für die Universitätsblibliothek, die Zentraleinrichtung Hochschulsport und das zentrale IT-Dienstleistungszentrum.

Ohne eine gut organisierte Verwaltung und ein wirkliches Wissenschaftsmanagement werden wesentliche Unterstützungsleistungen für die Wissenschaft nicht optimal bereitgestellt, sagen Dieter Kaufmann und Ulrike Gutheil für die Kanzler/innen der Universitäten.

Die Diskussion um die Leitungsämter der Humboldt-Universität zu Berlin spitzt sich auf die Frage nach dem optimalen Organisationsmodell und der jeweiligen Führungs- und Anforderungsprofile in einem Präsidium zu. Universitäten sind keine unregierbaren Einrichtungen. Wobei der Begriff Regierbarkeit hier nicht wirklich passt. Es geht um die Leitung und Führung der Universität und um ein effizientes und förderliches Zusammenwirken der Gremien und der Administration mit den Mitgliedern der Universität. Neben der Humboldt-Universität ist dies in allen über 80 staatlichen Universitäten tagtägliche Aufgabe und Herausforderung.

Das operative Geschäft darf nicht Anspruch von Präsident/innen großer Universitäten sein

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Dies erreichen die Universitäten in der Regel dadurch, dass ein Präsidium gebildet wird, an dessen Spitze ein, von der Hochschule getragener, seinen Aufgaben gewachsener/gewachsene Präsident/in steht. Ein/e Präsident/in, von dem/der erwartet wird, dass er/sie sich "in typische Niederungen der Verwaltung" begeben soll, "etwa indem er sich mit der als reformbedürftig geltenden Verwaltung befasst und die Trennungsrechnung vorantreibt" (wie im Tagesspiegel vom 29.10.2015 von Anja Kühne und Tilmann Warnecke geschrieben) entspricht nicht dem Anforderungs- und Aufgabenprofil eines/einer Präsidenten/in einer großen deutschen Exzellenzuniversität. Das operative Geschäft darf nicht der Anspruch eines/einer Präsidenten/in der Größe der Humboldt- Universität sein. Auch exzellente Persönlichkeiten mit unbestrittenen Führungs- und Managementqualitäten  in der Wissenschaft können bei der Leitungsaufgabe einer Universität nur in einem Team von professionellen Partner/innen bei den strategischen Fragen der Ressorts und den überwiegend operativen Fragestellungen im Verwaltungsbereich erfolgreich sein.

Es gehört mit zu den vornehmsten Aufgaben einer Findungskommission, bei der Suche nach geeigneten Kandidaten/innen für die Aufgaben des/der Präsident/in derartige Persönlichkeiten vorzuschlagen. Dass es für diese Aufgaben genügend geeignete Persönlichkeiten intern und extern gibt, kann daran ermessen werden, dass bisher keine Universität, die diese Funktion nicht besetzen konnte. Eventuelle Verzögerungen oder Schwierigkeiten sind in den Fällen festzustellen, in denen bereits im Vorfeld zwischen den wählenden Gremien sowie in der Findungskommission keine ausreichende Kommunikation über das Anforderungs- und Aufgabenprofil der Bewerber/innen sowie der Vorortgegebenheiten stattgefunden hat, oder wesentliche unterschiedliche Auffassungen über das Aufgabenspektrum oder die bestehenden Rahmenbedingungen erst im Laufe des Verfahrens zu Tage traten.

Diese mangelnde Kommunikation sollte bei einem professionalisierten Verfahren nicht auftreten und verwundert auch, da Universitäten in der Auswahl der Professoren/innen eine große Erfahrung mit der Auswahl von herausragenden Experten/innen besitzen. Dabei sind die Entscheidungsgremien in der Universität in vielen Fällen damit vertraut, sich über die Rahmenbedingungen der zu besetzenden Funktion gegebenenfalls auch unter Hinzuziehung von externen Experten/innen ein klares Bild über die jeweilige Vorortgegebenheiten und die daraus resultierenden Anforderungen zu machen und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Eine der grundlegenden Rahmenbedingungen, die die Gremien klar erkennen sollten, ist, dass auch eine schlagkräftige Universitätsverwaltung, die ihrem Auftrag, Wissenschaft zu unterstützen und zu ermöglichen, nachkommt, eine, wenn nicht gar die wichtigste Infrastruktur für die Universität ist. Ohne eine koordinierte, gut organisierte Verwaltung und ein wirkliches Wissenschaftsmanagement werden wesentliche Unterstützungsleistungen für die Wissenschaft nicht optimal bereitgestellt. Dies trifft für alle Bereiche der Infrastruktur einer Universität zu. Sei es das Personalmanagement, das Haushalts- und Finanzmanagement, das Bau- und Liegenschaftsmanagement, der Bereich der Studierenden- und Prüfungsverwaltung oder sei es der Bereich der IT, die alle diese Bereiche mit zuverlässigen Basissystemen und Infrastruktur zuverlässig unterstützt und sowohl Datenschutz als auch Datensicherheit gewährleisten muss.

Diese Organisationsaufgabe wird in der Universität in der Regel durch die Verwaltung unter Leitung eines/einer Kanzlers/in wahrgenommen. Es geht bei einer/m Kanzler/in also um die Stärke in der Professionalität und um Gestaltung und Einflussnahme im positiven Sinne. Allerdings sollte sich ein/e Kanzlers/in in seiner/ihrer Position immer am richtigen Platz im Team und in der Universität einordnen und tunlichst auch nicht mit Eitelkeiten und Selbstüberschätzungen unterliegen. Dies hat auch mit dem Respekt vor den Mitgliedern und Gremien der Universität, aber auch mit den Persönlichkeiten, die sich der Teamaufgabe in den Präsidien stellen, zu tun.

Anforderungen fürs Hochschulmanagement erwirbt man nicht durch "learning by doing"

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Überdenkt man die Führungskräfte- und Anforderungsprofile der einzelnen Mitglieder von Präsidien, so kristallisieren sich die Profile sehr schnell heraus: Führung, Kommunikation, soziale Kompetenzen, fachliche, aber vor allem auch die Fähigkeit komplexe strategische Prozesse zu begleiten, sind Anforderungen, die man heute zumindest bei den entscheidenden Positionen im Hochschulmanagement mitbringen muss und die man nicht im Sinne von learning by doing erwirbt.

Die Stellung der Position der Kanzler/innen hat in den letzten Jahrzehnten stark gelitten

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Die Stellung der Position der Kanzler/innen der deutschen Universitäten hat in den letzten Jahrzehnten stark gelitten. Lediglich in Bayern und inzwischen auch wieder in Mecklenburg-Vorpommern gibt es Lebenszeitkanzler/innen. In vielen anderen Ländern haben Kanzler/innen lediglich befristete Verträge, teilweise sogar ohne Rückfallposition oder mit der Möglichkeit mit einem Quorum abgewählt werden zu können. Für Kanzler/innen, die auch Beauftragte für den Haushalt sind, und in vielen Ländern darauf angewiesen sind, dass der/die Präsident/in sie/ihn zur Wiederwahl vorschlägt, ist dies mitunter ein heikler Punkt, wenn die eigene Existenz davon abhängt. Dies zieht ein entsprechendes Verhalten der Kanzler/innen in Hinblick auf die Bestrebungen der Wiederwahl nach sich. Die Verhaltensweisen erinnern zum Teil sehr stark an Züge von politischen Beamten/innen, die die Position der Kanzler/in nie sein darf und sein sollte.

Dieser kritischen Betrachtungsweise hält folglich auch das Vizepräsident/in-Modell dann nicht stand, wenn die Amtszeiten der Kanzler/innen an den Amtszeiten der Präsidenten/innen hängen und wie beispielsweise bei der HU nur fünf Jahre lang sind. Für den Fall der Abwahl oder den Fall, dass ein neue/r Präsident/in nicht mehr mit diesem Vizepräsidenten/in weiterarbeiten möchte, geht sämtliches Wissen nach kurzer Zeit wieder verloren. Um beispielsweise notwendige Reformen in Verwaltungen durchzuführen, reicht eine so kurze Amtszeit meist nicht aus. Es ist gut, dass die längst überfällige Debatte zur Qualität der Leitungen von Universitäten geführt wird.

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