Wie zeitgenössisch ist die klassische Musik? "Ohne Bach gäbe es kein Techno"

Bild von Francesco Tristano
Pianist und Komponist

Expertise:

Francesco Tristano ist ein luxemburgischer Pianist, Komponist und Produzent. Der Musiker hat zahlreiche Alben veröffentlicht, darunter Einspielungen von Bachs Goldberg-Variationen. Auf seinem 2007 erschienenen Album „Not for Piano“ präsentiert er eigene Versionen von Techno-Klassikern für Piano solo. Für sein Album „Idiosynkrasia“ arbeitete er unter anderem mit der Techno-Legende Carl Craig zusammen.

Als Pianist und Komponist lässt Francesco Tristano Barock auf Bass treffen und bringt die Klassik damit ins Hier und Jetzt. Im Interview erklärt er, wie die klassische Musik zum Rollenspiel der Vergangenheit wurde und was sie tun muss, um ein breiteres Publikum anzusprechen.

Herr Tristano, es wurde bereits viel und ausgiebig über das Ende der klassischen Musik debattiert. Viel heiße Luft oder ist die Klassik wirklich aus der Zeit gefallen?
Ja und Nein. Tatsache ist, die klassische Musik war auch einmal zeitgenössisch. Sie könnte es auch heute noch sein. Allerdings ist die Terminologie, mit der man über sie fachsimpelt sehr künstlich geworden. Ursprünglich wurde der Begriff klassische Musik im 19ten Jahrhundert benutzt, um die Musik verstorbener Komponisten der vorigen Jahrhunderte zu beschreiben. Danach wurde aber alles unter dem Begriff  Klassik zusammengefasst, was irgendwie reinpasste. Die klassische Musik wurde zu einem Rollenspiel der Vergangenheit. Heute hat Klassik nichts mehr mit zeitgenössischer Musik zu tun.

Wie kann dieses Problem denn gelöst werden?
Man kann versuchen das alte Klassik-Repertoire noch einmal neu zu verpacken und zu vermarkten. Das ändert aber nichts Substantielles. Es wäre ein kosmetischer Eingriff. Die andere Möglichkeit ist, den Horizont der Klassik zu erweitern. Das versuchen Komponisten wie Max Richter, die zeitgenössische Musik komponieren, sich dabei aber stark an Form und Technik der Klassik orientieren. Oder man versucht, eine neue Art von Programm vorzustellen und das Spektrum der Musikgeschichte generell zu erweitern.

Die Klassik hat nichts mehr mit zeitgenössischer Musik zu tun. 

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Die Klassik einfach untergehen zu lassen ist keine Option? Es gibt ja genügend zeitgenössische Musik.
Natürlich könnte man das, aber wir würden etwas Wichtiges und Schönes verlieren. Ich finde es relevant den verstorbenen Komponisten einen zeitgenössischen Kontext zu geben. Dafür brauchen wir aber die Musik der Vergangenheit. Mir ist es wichtig, klassische Komponisten wie Bach oder Frescobaldi auf experimentelle und (quasi -)zeitgenössische Komponisten wie Berio oder Cage treffen zu lassen. Wer sagt denn, man müsse 2017 immer noch das selbe Programm spielen wie 1817?

Genau das passiert aber in vielen klassischen Konzertsälen. Woran liegt das?
Vielleicht befindet sich die klassische Musik in einer zu bequemen Situation. Das Rollenspiel hat sich durchgesetzt. Die Klassik bedient zwar nur eine Nische, aber eine sehr wohlhabende. Zudem wird die Klassik in vielen Ländern subventioniert und unterstützt. Ich finde es aber aufregender Routinen zu durchbrechen.

Diese bequeme Situation befreit die Klassik vom Druck innovativ zu sein. Das geht dann meist zu Lasten von weniger traditionellen Komponisten, denen kein Platz im Programm geboten wird. 
Aber warum? Auch Stockhausen braucht seinen Platz im Philharmonie-Programm. Es geht ja letztlich nicht um Konzepte oder Begriffe, sondern Emotionen.

Die heutige Form der Neoklassik ist reine Vermarktungsstrategie.

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Der Komponist Moritz Eggert, der auch in unserer Debatte vertreten ist, schreibt, dass die Klassik heute sinnlos ist, weil sie sich nicht mehr am Fortschritt, sondern am Kommerz orientiert. Vertreten Sie diese Meinung auch?
Da stimme ich ihm zu, will aber anmerken, dass das nicht nur auf die Klassik zutrifft, sondern auf die gesamte Musikbranche. Es geht halt immer ums Geld. Musik wird zu oft nach ihrem kommerziellen Wert beurteilt. Dabei ist es ironischerweise die weniger wertvolle Musik, die oft am meisten Marktwert hat. Ich denke es wäre wichtig, den Wert der klassischen Musik wieder zu vermitteln – gerade an ein junges Publikum. Als Kind gehörte eine klassische Musikausbildung lange zur Bildung dazu. Heute ist das grundlegend anders: man versucht gar nicht mehr die Musik zu vermitteln.

Der Wert der klassische Musik muss wieder im Schulunterricht vermittelt werden.

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Gleichzeitig findet die klassische Musik in veränderter Form – zum Beispiel unter dem Namen Neoklassik – gerade viel Anklang beim jungen Publikum.
Der Begriff Neoklassik ist ein Neologismus. Strawinsky war Neoklassiker, das war aber vor einigen Jahrzehnten. Es ist eine Vermarktungsstrategie. Es geht nicht mehr um Inhalt, sondern um die Verpackung. Interessant wird es erst, wenn etwas Neues entsteht. Das ist aber schwer, wenn das Neue mit über 500 verschiedenen Aufnahmen von Beethovens Mondscheinsonate konkurriert. 

Ist die Neoklassik nicht einfach eine Form des Crossover?
Crossover entstand in den 50er und 60er-Jahren, als Jazz von den teils illegalen Speakeasy Clubs auf die klassische Bühne wanderte. Heute nimmt das teilweise bizarre Formen an. Wenn jemand Michael Jackson auf einem Cello im Stadion spielt, ist das Crossover. Ein Konzert sollte aber mehr sein als nur Unterhaltung. Es soll im Optimalfall eine lebensverändernde Qualität besitzen. Ich halte es mit Klavier-Legende Friedrich Gulda der einst sagte: „Spiel jeden Ton so, als ginge es um dein Leben“.

Sie sind doch aber selber auch ein Beispiel für Crossover, indem sie klassische Töne in den Technoclub oder elektronische Bässe in die Philharmonie bringen.
Das mag Ihre Meinung sein. Ich persönlich kann nur wenig mit Crossover anfangen. Es ging mir nie darum, die Klassiker in eine neue Hülse zu stecken und zu vermarkten. Die ständige Überraschung befeuert meine Kreativität. Es ist doch schön dem Publikum das zu geben, was es nicht erwartet: ein paar Beats in der Philharmonie oder ein bisschen Barock im Club. Ob das Crosssover ist, will ich bezweifeln.

Geht es Ihnen dabei auch um Musikvermittlung?
Ich hoffe, dass jemand über meine Musik etwas endeckt, das für ihn oder sie neu ist. In vielerlei Hinsicht ist Detroit Techno ja auch nur die logische Weiterentwicklung der Barockmusik. Es gäbe kein Techno ohne Bach. Er war der erste Remix-Künstler. Hotelier Dietmar Müller-Elmau meinte einst in einem Interview "Eine Tradition zu erhalten, heißt weitergehen, nicht stehenbleiben". Ich gehe einfach weiter. 

Das Gespräch führte Max Tholl 
 

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