Ist die klassische Musik überholt? Die Klassik ist nur noch ein faulender Zombie 

Bild von Moritz  Eggert
Komponist

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Moritz Eggert ist Komponist, Pianist, Sänger und Dirigent der Neuen Musik-Szene uns setzt sich nicht nur für das zeitgenössische, sondern auch das klassische Repertoire ein. Für die Neue Musikzeitung betreibt er den „Bad Blog of Musick“, den meistgelesenen Blog zum Thema zeitgenössische Musik in Deutschland.

Was wir heute als klassische Musik verstehe,n ist komplett sinnlos. Als vergammelter Untoter dient sie nur noch dem Kommerz. Wenn sie sich nicht erneuern will, sollte sie in Würde sterben. 

Das, was wir heute als „klassische Musik“ bezeichnen ist nicht tot. Nein, es ist vollkommen sinnlos. Ich muss differenzieren: Klassische Musik, wie wir sie im Moment verstehen und vor allem vermitteln ist sinnlos, künstlerisch abgestorben wie ein nicht mehr funktionierendes Glied, ein Kropf, ein Geschwulst, womöglich am Hintern einer überreichen, dekadenten und gleichzeitig immer dümmeren Gesellschaft.

Die Zeichen sind zu lesen, und sie sind eindeutig. Die klassische Musik ist schon lange gestorben, aber als faulender und vergammelnder Zombie hat sie ein noch langes Leben vor sich. Ich schreibe hier als Akademiker, und viele, viele Akademien bilden zusammen jedes Jahr hunderte von hervorragenden jungen Musikstudenten aus, und viele davon werden den widerlich faulenden Untoten der Klassik immer wieder mit neuem Leben und neuer Energie erfüllen.

Unser heutiges Verständnis der klassischen Musik ist komplett sinnlos.

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Aber mit jedem neuen „internationalen“ Klein-Klavierwettbewerb in der Toskana stirbt die klassische Musik. Mit jedem ARD-Preisträger stirbt die klassische Musik. Und mit jedem Echo-Klassik-Preisträger stirbt die klassische Musik nicht nur, man schleudert sie auf die Erde, tritt sie mit einem grell lackierten Stiefel in die Fresse und dreht den Absatz herum. Und wenn dann noch André Rieu, Max Richter oder David Garrett hinzukommen, wird es eine richtige Leichenschändung, denn dann kommt noch der Tatbestand der Vergewaltigung hinzu.

Ich rede jetzt nicht von schwindenden Publikumszahlen oder leeren Konzertsälen – das ist nicht das Problem. Ich finde es geradezu pervers, die Bedeutung von etwas am kommerziellen Erfolg festzumachen, genauso wie es pervers ist, sozialen Status von Menschen mit deren inneren Werten zu verwechseln. Wir wissen alle, dass ein Politiker, den viele Idioten gewählt haben, nicht notwendigerweise ein guter Politiker ist, und wir wissen auch, dass ein Stadionkonzert vor 60.000 Zuschauern keinerlei künstlerische Bedeutung haben kann, warum messen wir also den Wert von Musik allein an den verkauften Eintrittskarten?

Der Wert der Klassik darf nicht an verkauften Eintrittskarten festgemacht werden. 

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Es hat auch nichts mit den Konzertorten zu tun. Jede Philharmonie, jeder Konzertsaal ist gut investiertes Geld, auch wenn das Budget tausend Mal überzogen wird. Am Ende zahlt es sich aus, wenn es in unseren Städten andere Orte gibt als Multiplexkinos und Einkaufszentren. Unsere Enkel werden uns dankbar sein, genauso wie wir unendlich dankbar sind für die wunderbaren Konzertsäle, Opernhäuser und andere schöne Orte, die uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. Warum soll es schlecht sein, einen Ort zu haben, an dem Menschen vor anderen Menschen musizieren können? Davon kann es gar nicht genug geben.

Jede Philharmonie ist gut investiertes Geld. 

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Ich rede auch nicht vom ergrauenden Publikum, denn das war schon vor 100 Jahren, ach was, 200 Jahren ergraut, und da ging es der Klassik noch ziemlich gut. Nein, man hat die Leiche der Klassik hübsch geschminkt und sie auf einen Thron gesetzt, und vor diesem Thron kriechen die letzten Bildungsbürger dieses Landes und tun Buße, denn sie glauben, dass man dann in den Himmel kommt. Und das ist die Hölle auf Erden.

Es mag Sie überraschen – nachdem ich all dies gesagt habe – dass ich Ihnen ein Geständnis machen muss: Ich liebe klassische Musik. Und zwar aus tiefstem Herzen, heiß und innig. Ich liebe sie nicht, weil sie so schön klingt, sondern weil sie zu den erhabensten Leistungen der menschlichen Kultur zählt.

Es ist dies auch keine enttäuschte Liebe – ich spiele sehr gerne klassische Musik. Ich bin nicht frustriert, ich kann davon leben. Ich habe mein Leben einer Idee von klassischer Musik gewidmet, und dies nie bereut. Und ja, ich möchte auch meinen Studenten diese Liebe nahebringen, rede mit Ihnen über die exquisiten Subtilitäten von Schumann, die himmlischen Inspirationen von Mozart, die überragende Meisterschaft von Strawinsky. Ich wünsche mir auch, dass es diese Musik weiterhin gibt, dass sie verstanden wird, dass sie gut gespielt und vor allem gut und aus den richtigen Gründen geliebt wird. Weil sie Möglichkeiten eröffnet, den Geist erweitert, und unser niedriges Dasein zu transzendieren vermag. Aber ich mag diese Musik nicht mehr „klassische“ Musik nennen, denn für mich ist das keine klassische Plastik, die ich ins Museum stelle, sondern sehr, sehr lebendige Musik, die im Austausch mit einer klingenden Gegenwart am meisten Sinn macht, denn Erinnerung kann nur dann funktionieren, wenn man die Gegenwart kennt. Aber wenn es so weitergeht wie jetzt, wird das irgendwann nicht mehr der Fall sein. Die klassische Musik der Zukunft wird eine schicke Musique d’ameublement sein, einem BMW-Werbespot unterlegt. Das ist schlimmer als das Museum.

Die klassische Musik, so wie sie unsere Kultur seit ca. 60 Jahren behandelt, ist eine kalte und tote Statue. Nein, sie ist wie der abgefallene Arm eine Statue.  Sie kommt mir vor wie amputiert – sie ist nicht mehr Teil der lebendigen, allgegenwärtigen Musikkultur. Ein amputiertes Glied kann in der Medizin nicht lange überleben, außer man näht es schnell wieder an. Es kann sein, dass es bei der klassischen Musik zu spät ist.

Klassische Musik ist nicht mehr Teil unserer klingenden Gegenwart.

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Klassische Musik ist aus einem einfachen Grund nicht mehr lebendig: sie ist nicht mehr Teil unserer klingenden Gegenwart. Sie könnte es sein, aber das wissen die meisten Konzertveranstalter nicht mehr und setzen lieber dieselben drei (natürlich uralten) Stücke aufs Programm, bis in alle Ewigkeit. Musik unserer Zeit kommt darin nicht vor, außer als Crossover mit Popmusik. Dabei gibt es haufenweise tolle Komponistinnen und Komponisten, die tatsächlich noch heute leben. Warum hat man vor ihnen Angst?

Es scheint immer nur zwei Extreme von heutiger Musik zu geben – entweder es ist Musik, die sich an ein so spezifisches Fachpublikum für Neue Musik richtet, dass es außerhalb der heiligen Avantgardezirkel keine Sau mehr interessiert. Oder es ist „neue“ Musik, die vor lauter Anbiederung und dem Wunsch, irgendeinen ominösen „Publikumsgeschmack“ zu bedienen zu einem Guantanamo des Easy Listening wird. Gibt es gar nichts dazwischen? Ich denke schon.

Die klassische Musik kann nicht zeitgemäß sein, wenn sie sich nur am alten Repertoire bedient. 

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Ich bin sicherlich nicht der erste, der dieses Argument ausspricht, aber so lange in Orchesterkonzerten klassischer Musik ca. 1% heutige symphonische Musik vorkommt, und das meistens als erstes Stück vor der Pause, kann sie nicht lebendig sein, denn diese 1% sind nichts Weiteres als dreckiges Alibi. Sie sind das bisschen Putzmittel, das man ab und zu mal auf den Bernstein aufträgt, um ihn vom Staub zu befreien, mehr nicht.

So lange dies so ist, ist die „klassische Musik“ ein Genre, dass sich nicht mehr weiterentwickeln kann, das in endloser Wiederholung erstarrt und atrophiert ist. Ein Genre ohne Hoffnung auf Belebung, egal wie viel die geschminkten Stars von heute auf ihren Facebookseiten posieren und immer mehr Pornostars gleichen.

Spielt Musik von heute, Leute.

50% Altes, 50% Neues, das wäre eine gute Balance. Solange es aber – wie heute in Philharmonien - 99 zu 1 für die Toten steht, ist etwas faul. Vielmehr, es stinkt.

4 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. Bild von Gerald  Mertens
    Autor
    Gerald Mertens, Gerald Mertens ist Volljurist und Kirchenmusiker. Seit 1990 arbeitet er bei der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) in Berlin, seit 2001 als deren Geschäftsführer. Er ist außerdem Leitender Redakteur der Fachzeitschrift „das Orchester“ sowie Fachautor und Lehrbeauftragter für Orchestermanagement an der Freien Universität Berlin und an der Europauniversität Viadrina Frankfurt (Oder).
    In Gießen hat Moritz Eggert jüngst ein eigenes Konzert gestaltet (http://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/art71,240146). Auf dem Programm: Monteverdi, Rameau, Strawinsky und natürlich: Eggert. Irgendwie entlarvend.
  2. von Heiko GEBHARDT
    Komponist und Autor Eggert will sagen, seine Kompositionen werden zu selten gespielt.
  3. von Ralph Krause
    Werter Herr Eggert! In allen Winkeln der Welt wird mit Musik kulturelle Tradition und Identität gepflegt, berührt sie uns seelisch oder erfreut unseren Forschergeist, fährt in die Glieder oder führt uns einfach mit den Menschen zusammen, zu denen wir gehören möchten. Die Gleichzeitigkeit der Vielfalt ist das Wunder von heute - und wieviel außereuropäische Musik kommt dabei bei uns gar nicht vor! Auch Ihre Musik hat in der Vielfalt wohl ihren Platz, auch wenn ich jetzt, nachdem ich Ihren Text hier las, nicht mehr neugierig bin, wie sie wohl klingen mag. Ich liebe die "zeitgenössische Klassik" schon lang, habe mit dem Klangforum Heidelberg vieles kennenlernen dürfen: die Welten von Lachenmann, Sciarrino, Grisey, Xenakis, C.J. Walter und G.F. Haas u.a. zum Beispiel. Immer mit Gewinn. Und nie in Konkurrenz zueinander. Möchten Sie tatsächlich mit so einem unsäglichen Text wie diesem hier, mit wirren Argumentationslinien, würdelosen und Effekt heischenden Worten und abwertenden Aussagen über alle möglichen Menschengruppen in Erinnerung bleiben? Oder üben Sie sich einfach aus Spaß an der Provokation gerade in "academic punk" oder in Trump-artiger Rhetorik, weil das Freax wie Ihnen die meisten PR-Punkte bringt? Sad!

    Ralph Krause
    (Cellist in der Staatsphilharmonie Nürnberg)
    1. von Klaus Fritz
      Antwort auf den Beitrag von Ralph Krause 04.04.2017, 09:30:59
      Herr Krause, wie leicht "kulturelle Tradition und Identität" gerade in der Musik für Zwecke der Gegenwart zu missbrauchen sind, sollte zu allererst klar sein. Die Hochkultur immer enger mit der Kultur der Gegenwart zu vernetzen, wäre ja das dagegen Höchsterrungene. Für die Lebendigkeit wäre freier Geist und Phantasie wünschenswert. Was es gerade nicht braucht, ist die Gebundenheit in institutionelle und gar kirchliche Bande von Versorgtheit und "akademische" Eitelkeit. Ein schwieriger Spagat zwischen Konservativismus und Kreativität ist da gefragt. Der entsteht aber nicht aus dem kompositorischen Nachahmen heute technischer Möglichkeiten mittels klassischer Instrumente, das Instrumente verkommen und die Interpreten zu handwerklichen Idioten werden lässt. Für diese Art Herausforderung an die Musiker stehen auch von Ihnen genannte Komponisten. Niemand braucht die Eitelkeit derer, die es schick finden gerade nicht zu verstehen, was Elektrizität ist. Es braucht aber schon gar nicht die württembergischen Pfarrerssöhnchen, welche sich in den Institutionen verankern und behaupten, sie kennten sich in der aktuellen Wissenschaft und Technik aus. Daraus entspringt kein Kunstansatz sondern Besserwisserei.