Die Zukunft der klassischen Musik  Die Klassik hat kein Nachfrageproblem

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Geschäftsführer, Deutsche Orchestervereinigung (DOV)

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Gerald Mertens ist Volljurist und Kirchenmusiker. Seit 1990 arbeitet er bei der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) in Berlin, seit 2001 als deren Geschäftsführer. Er ist außerdem Leitender Redakteur der Fachzeitschrift „das Orchester“ sowie Fachautor und Lehrbeauftragter für Orchestermanagement an der Freien Universität Berlin und an der Europauniversität Viadrina Frankfurt (Oder).

Von wegen veraltetes Publikum: gerade junge Menschen zieht es in die klassischen Spielstätten. Diese Trendwende zeigt, dass die Klassik auch weiterhin relevant bleibt.

Wie ein Popstar tritt Georg-Friedrich Händel in einer amerikanischen Music Hall vor kreischende, begeisterte jugendliche Fans und dirigiert mit Hingabe das „Halleluja“ aus dem Messias. Die Botschaft am Ende: „250 Jahre in den Charts. Da muss man schon wirklich gut sein.“ Mit diesem kurzen Fernsehspot machte vor ein paar Jahren die Radiowelle Bayern 4 Klassik auf sich aufmerksam.

Konnte man nicht seit Jahrzehnten lesen, dass das Klassikpublikum immer älter und weniger wird und am Ende sogar ausstirbt? Vom „Silbersee im Konzertsaal“ war die Rede oder der Konzertsaal wurde gleich als „Mausoleum für abgenudelte Klänge“ geschmäht. Der Klassik hafte der „Muff des Spießigen“ an. Hat die klassische Musik also tatsächlich keine Zukunft?

Mit der gefühlten Wahrheit ist das so eine Sache. Denn der Blick auf aktuell verfügbare Zahlen, Erhebungen und Statistiken führt zu einer Neubewertung der Lage. Man kann getrost von einer Trendwende im Klassikbetrieb sprechen. Das Statistische Bundesamt Wiesbaden hat im Februar 2017 erstmals einen eigenen „Spartenbericht Musik“ veröffentlicht. Danach besuchen in Deutschland jährlich über 5,2 Mio. Menschen Klassikkonzerte der öffentlich finanzierten Orchester und Rundfunkklangkörper. Das Deutsche Musikinformationszentrum zählt über 500 Musikfestivals in Deutschland, rund 200 davon im Klassikbereich, von denen die größten in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und im Rheingau in jedem Jahr jeweils über 100.000 Besucher anziehen. Insgesamt ermittelte das Statistische Bundesamt 32 Mio. Besuche bei Musikfestivals, davon 5,4 Mio. im Klassik-Segment (Konzert, Oper/Operette, Kirchenmusik). Zählt man aus der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins noch 7,6 Mio. Besuche von Oper, Operette, Tanz und Musical in den Stadt- und Staatstheatern hinzu, kommt man insgesamt auf 18,2 Mio. Besuche im Klassik-Segment. Zum Vergleich: die 1. Fußball-Bundesliga zählte in der letzten Saison 13,2 Mio. Zuschauer.

Klassische Musik hat kein Nachfrageproblem.

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Klassische Musik hat also grundsätzlich kein Nachfrageproblem. Ein zusätzliches Indiz hierfür ist auch der steigende Zuspruch bei Klassik-Open-Air Veranstaltungen. Die einwöchige Veranstaltung „Oper für alle“ der Deutschen Staatsoper Berlin auf dem Bebelplatz wurde im Sommer 2016 von 54.000 Menschen besucht. Mit „Klassik Airleben“ auf der Leipziger Rosentalwiese erreichte das Leipziger Gewandhausorchester 2015 über 50.000 Menschen aller Altersgruppen, insbesondere junge Familien. Zu „Klassik Open Air“ im Luitpoldhain in Nürnberg kommen jeden Sommer nach Veranstalterangabe sogar über 160.000 Menschen. Diese Besucher werden in den offiziellen Statistiken noch nicht einmal erfasst. Der Eintritt frei ist, daher können keine verkauften Eintrittskarten gezählt werden. Auch wenn der Geiger David Garrett mit einem reinen Klassik-Programm in der O2-Arena auftritt, fehlen diese Besucher in der Statistik. Denn die Veranstaltungen kommerzieller Konzertagenturen werden bislang ebenfalls kaum erfasst. Daraus kann man leicht schließen, dass das eigentliche Besucherpotenzial für die Klassik sogar noch größer ist, als bislang angenommen.

Das Besucherpotenzial für die Klassik ist größer als gedacht.

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Auch die Behauptungen der Überalterung oder sogar des Aussterbens des Klassikpublikums stimmen so nicht. Die repräsentative concerti Klassikstudie 2016 hat ermittelt, dass die 20- bis 29-Jährigen (78,7 Prozent dieser Alterskohorte) häufiger in klassische Konzerte gehen als die 50- bis 59-Jährigen (nur 60,7 Prozent). Und wenn man subjektiv in manchen Konzertsälen den Eindruck hat, die älteren Konzertbesucher würden mehr werden, so ist das vor allem ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die deutsche Alterspyramide verschiebt sich insgesamt nach oben. Mehr ältere Menschen im Ruhestand, Babyboomer, die jetzt zu „Best-Agern“ oder „Silver-Linern“ werden, die mehr Zeit haben und in der Regel wirtschaftlich gut situiert sind, bilden einen bedeutenden und eben wachsenden Teil des Klassikpublikums. Das ist eine gute und keine schlechte Botschaft! Man mag einwenden, dass diese große, eher konservative Publikumsgruppe doch irgendwann auch wieder kleiner werden wird. Stimmt. Aber die deutschen Konzerthäuser, Orchester und Musiktheater haben bereits vor rund 15 Jahren begonnen, auch diese Herausforderung anzunehmen. Das „Zauberwort“ heißt Education. Denn das junge Publikum von heute ist das jugendliche Publikum von morgen und das erwachsene von übermorgen.

Eröffnungen neuer klassischer Spielstätten sind Beweis für die Zukunftsfähigkeit der Klassik.

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Ausweislich der seit 2004 erhobenen Konzertstatistik der Deutschen Orchestervereinigung ist die Zahl musikpädagogischer Veranstaltungen (Kinder- und Jugendkonzerte, Schülerkonzerte, Workshops in Schulen, etc.) von 2.141 auf aktuell 5.077 gestiegen, hat sich also mehr als verdoppelt.  Tendenz weiter steigend: allein die neue Elbphilharmonie Hamburg will pro Saison rund 1.000 Workshops anbieten. Ganz aktuelles Beispiel: Beim Projekt „WDR macht Schule – Dackel trifft Mozart“ gingen Mitglieder des WDR Sinfonieorchesters Köln Anfang März für eine Woche auf große Schultour durch ganz NRW. 13 verschiedene Ensembles besuchten parallel fast 100 Grundschulen in 55 Städten und erreichten in einer Woche 20.000 Kinder! Orchester experimentieren längst mit neuen, oft sogar innovativen Konzertformaten: z.B. Film-Livekonzerte, Konzerte mit Computerspielemusik oder das Konzerthausorchester Berlin mit „Mittendrin“, wo das Publikum im Orchester sitzt.

Aktuelle Eröffnungen neuer Spielstätten in Bochum (Musikforum Ruhr), Dresden (Staatsoperette im Kraftwerk Mitte), in Hamburg die Elbphilharmonie, in Berlin der Pierre Boulez Saal oder der neue Saal der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast (April 2017) sind weitere Belege für die Zukunftsfähigkeit klassischer Musik in Deutschland. Es ist also höchste Zeit, dass die Klassik jenes Image bekommt, das sie verdient: Modern, hoch gefragt und kein bisschen langweilig.

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