Wert der klassischen Musik Die Klassik darf nicht zum Zirkus werden 

Bild von Sebastian Nordmann
Intendant Konzerthaus Berlin

Expertise:

Von Oktober 2002 bis Dezember 2008 war Nordmann Intendant und Geschäftsführer der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Von 2008 bis 2013 unterrichtete er als Professor das Fach Musikmanagement / Karriereplanung an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Seit September 2009 ist Sebastian Nordmann Intendant des Konzerthauses Berlin und des Konzerthausorchesters Berlin.

Der klassischen Musik haftet immer noch etwas Elitäres an, was viele Menschen abschreckt. Dabei kann die Klassik auch Massen begeistern, ohne dabei klamaukig zu werden. Das setzt allerdings eine gewisse Bildung des Publikums voraus.

Ob Schostakowitschs Sinfonien, „Das Lied von der Erde“ von Gustav Mahler oder Beethovens letzte Streichquartette: Bei der Vorstellung, diese großartigen Werke im Konzertsaal zu hören, bekomme ich direkt ein Kribbeln im Bauch Das geht bei weitem nicht allen so. Selbstverständlich kann man auch ohne diese spezielle Vorfreude wunderbar leben und hat sie möglicherweise stattdessen in Gedanken an die nächste Übertragung eines Fußballspiels. Aber es liegt in meiner Begeisterung für die klassische Musik, die ich gerne mit möglichst vielen Menschen teilen würde.

Oft heißt es immer noch, die Orte, an denen klassische Musik gespielt wird, seien Elfenbeintürme. Mancher betritt sie nur ungern, vielleicht in der Befürchtung, Inhalte und Abläufe nicht zu verstehen und sich angesichts der Gepflogenheiten als Außenseiter zu fühlen. Gerade langjährige konservative Konzertbesucher  verteidigen ja traditionelle und liebgewonnene Rituale des Konzertbesuchs gegen jegliche Veränderung und fordern eine deutliche Abgrenzung klassischer Musik von anderen Musikstilen.

Viele Orte, an denen klassische Musik gespielt wird, gelten immer noch als Elfenbeinturm.

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Wandel ist mit Angst vor dem Verlust von Gewissheiten verbunden. Wer hätte beispielsweise vor Jahrzehnten gedacht, dass Bob Dylan einmal den Nobelpreis für Literatur erhielte? Was wir heute klassische Musik nennen, war aber immer schon einem Wandel unterworfen – durch kompositorische „Revoluzzer“ wie Beethoven, Wagner, Schönberg und Cage, Entdecker wie Harnoncourt oder Technikaffine wie Herbert von Karajan in Bezug auf die Digitalisierung.

Im 19. Jahrhundert hielt ein jahrzehntelanger Streit zwischen sogenannten „Neudeutschen“ und Traditionalisten die Musikwelt in Atem: Es ging um die Frage, ob Musikdrama und Programmmusik die absolute Musik gefährden. Die damalige Debatte erinnert ein wenig an die heutige Diskussion um die Abgrenzung zwischen E- und U-Musik. Viele Traditionalisten kämpfen für Qualität und Wertigkeit gegen das rein kommerziell Erfolgreiche. Grundsätzlich zu Recht, meine ich. Man sollte aber bedenken, dass beispielsweise Leonard Bernsteins Werke, insbesondere sein enormer Erfolg „West Side Story“, als kommerzielle Musik zunächst keinen Platz im klassischen Opernrepertoire fanden. Bernstein, Gershwin und später auch die Vertreter der Minimal Music galten als Unterhaltungsmusik. Oft jedoch braucht es einen gewissen Abstand für die angemessene Würdigung eines Werks oder gar einer ganzen Stilrichtung. Kommerzieller Erfolg spricht dabei selbstverständlich nicht automatisch gegen Qualität. Heute ist Bernstein einer der meistgespielten amerikanischen Komponisten in den Konzerthäusern weltweit und der Minimalist John Adams Composer und Artist in Residence der Berliner Philharmoniker.

Kommerzieller Erfolg spricht nicht gegen Qualität. 

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Auch unter Klassikhörern suchen jüngere Generationen nach Aufbruch, Fortschritt und Veränderung. Sie finden sie heute bei seit den 1990er Jahren entwickelten Länderfestivals, neuen Loungeformaten und allgemein abseits des klassischen Programmkanons. Das Musikleben ist definitiv im Wandel und es stellen sich viele Fragen: Wer definiert klassische Musik im 21. Jahrhundert? Welches Publikum will man ansprechen? Gehören Jazz, Film- und Weltmusik in den klassischen Konzertsaal? Ist zeitgenössische Musik nur etwas für absolute Spezialisten? Seit ungefähr 10 Jahren existiert das Genre „New Classics“ oder „Post Classics“. Seine Komponisten, etwa Max Richter, bestimmen inzwischen die Klassikcharts mit. Ähnlich verhält es sich mit der nun bereits fast 100 Jahre andauernden Erfolgsgeschichte der Filmmusik. Komponisten wie Johan Williams oder Howard Shore haben hier Zyklen für Sinfonieorchester geschrieben, die Säle mit begeistertem Publikum füllen. Trotzdem dürfen wir dabei nicht die teilweise schwer zu vermittelnde und atonale zeitgenössische Musik aus dem Auge verlieren. Extrem progressive Kompositionsstile hatten es in der Musikgeschichte schon immer schwer und stießen im breiten Publikumsgeschmack eher auf Abneigung. Oftmals helfen auch hierbei neue Formate wie "2xhören", um die Inhalte besser zu vermitteln.

Mittlerweile werden Konzerten nicht mehr ausschließlich am Abend angeboten, sondern fast rund um die Uhr. Matineen, Lunchkonzerte und Late-Night-Formate sind beinahe schon Standard geworden. Auch die 24 deutschen Musikhochschulen haben mittlerweile auf diese Veränderung reagiert und ein neues fünftägiges Festival gegründet, bei dem der Fokus auf Innovation liegt. Höhepunkt war ein Dunkelkonzert mit dem Vision String Quartett, bei dem die Musiker in kompletter Finsternis „Der Tod und das Mädchen“ spielten. Die konzentrierte Atmosphäre und das neue Hörerlebnis haben alle im Saal tief beeindruckt.

Das Publikum braucht eine gewisse Ausbildung um Qualität wertschätzen zu können. 

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Wir wollen kein Spektakel im Konzert, wir wollen Ereignis, aber nicht Event. Wir wollen Kreativität und Erlebnis, aber keinen Zirkus. Im Rahmen der Hochkultur möchten wir Leuchttürme schaffen – Konzerte, mit denen auch ein breiteres Publikum etwas anfangen kann. Qualität ist und bleibt dabei das Maß aller Dinge. Um sie wertzuschätzen und Inhalten konzentriert folgen zu können, braucht allerdings auch das Publikum eine gewissen Ausbildung.

Der unlängst verstorbene große Musiker und Dirigent Nikolaus Harnoncourt, der Mut und Authentizität in hohem Maße verkörpert hat, besaß in dieser Hinsicht seine eigenen Methoden, wie sich bei einer Aufführung von Joseph Haydns „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ zeigen sollte: Zu Lebzeiten des Komponisten brach der unerwartete Fortissimo-Schlag der Pauke im zweiten Satz mit allen Hörgewohnheiten. Vor einem Konzert mit dem Concentus Musicus Wien ließ Harnoncourt heimlich zwei konfettigefüllte Kanonen am Bühnenrand aufbauen. Als das Orchester zur entsprechenden Stelle kam, drückte er den Auslöser und ließ das Konfetti mit großem Knall herunterregnen, um Musikern und Publikum den bei der Uraufführung skandalösen Effekt des Paukenschlags geradezu physisch nahe zu bringen.

Die Aufgabe aller Veranstalter liegt auch zukünftig darin, Trüffelschweine des Klassischen Musiklebens zu sein. Dabei kann es sich um neue Kompositionen mit Anspruch handeln, um spannende oder überraschende Formate, um großartige Interpreten oder um Entdeckungen der Musikgeschichte. Hauptsache es vermittelt nach dem Konzert schon wieder das Bauchkribbeln in Vorfreude auf den nächsten Konzertbesuch

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