Wie kann die Klassik sich erneuern? Die Klassik braucht neue Inhalte 

Bild von Markus W. Kropp
Komponist

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Markus W. Kropp ist Komponist, Pianist und Verleger. Seine Werke schreibt er fast ausschließlich für das Klavier. Er betreibt ein Wiki mit dem Thema "Komponieren & Linux

Die klassische Musik ist noch lange nicht tot oder irrelevant. Trotzdem gibt es zu wenig Erneuerung, um ein junges Publikum dauerhaft anzulocken. Die alten Meister sollten den neuen schrittweise weichen. 

"Ein Klavier, ein Klavier, Mutter, wir danken Dir!" – ein zum Schmunzeln anregender Scherz Loriots. Eine besondere Liebe verband Loriot mit der klassischen Musik und der Oper. Das Interesse hatten die Großmutter, die ihm als Kind Mozart, Puccini und Bach auf dem Klavier vorspielte, und die Plattensammlung seines Vaters mit Aufnahmen von Tenören und Opern-Soli, geweckt. Ist die Klassik nur noch ein Scherz über einen austrocknenden Silbersee? Ich denke – jein.

Junge Menschen an die Kunstmusik heranzuführen ist sehr wichtig, das ist unbestritten. Kunstmusik kann man nicht "einfach so" verstehen wie Popmusik aus dem Radio – dafür ist Sie zu komplex. Vieles wurde in den letzten Jahren von vielen Seiten getan, um Kindern und Jugendlichen die Klassik nahezubringen. Orchester gehen beispielsweise in Schulen, Pianisten erzählen in Schulen von Ihrem Leben. Sie sind lebendige Vorbilder, so wie es die Eltern und Großeltern für Loriot waren. Und das ist gut so, doch noch nicht gut genug: Der Musikunterricht selbst hinkt mit einer nicht zu verleugnenden Beamtendenke hinterher. Er sollte Kreativität fördern und an die zeitgenössische Musik heranführen.

Klassische Musik muss vermittelt werden - man kann sie nicht "einfach so" verstehen.

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Die Schule ist natürlich nur ein Teil des Ganzen. So wurden oft von privaten Initiativen neue Konzertformate wie tonhalleLATE oder der Composer-Slam ins Leben gerufen, die vor allem junge Menschen ansprechen. Diese engagierten Initiativen sollten stärker staatlich unterstützt werden, denn Sie leisten über die Schule hinaus einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Lebendigkeit unserer geliebten klassischen Musik. Österreichische Statistiken aus der Vergangenheit belegen, wie wichtig sie sind : Die Zahl der Konzertbesucher zwischen  14 und 64 Jahren ging dort zwischen 1994 und 2011 um bis zu 50% (!) zurück. Dem gegenüber gab es zwischen den Jahren 2000 und 2011 einen Anstieg der Zahl der über 65-jährigen Konzertbesucher um 20%. Der Silbersee ist also kein rein demographischer Effekt!

Der Silbersee (was für ein glitzerndes, anmutiges Bild!) trägt maßgeblich dazu bei, dass die Besucher- und Festivalzahlen klassischer Konzerte in den letzten Jahren immer weiter gestiegen sind. Und der Silbersee ist das, was er ist: Es sind hochinteressierte, zeit- und geldhabende Konzertgänger und Konzertgängerinnen, die das Konzertwesen durch Ihre zahlreiche Präsenz bereichern. Und es ist gut so, dass Menschen im Alter dieses Interesse und die Zeit haben, ihm nachzugehen. Was für ein Reichtum! Bitte mehr davon! Der Silbersee kann gar nicht groß genug sein!

Das ergraute Publikum tut der Klassik gut. 

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Gute Kunstmusik ist zeitlos und somit jeder Zeit gemäß. Schon Mendelssohn-Bartholdy führte zu seiner Zeit unzeitgemäße Werke auf – er entdeckte Johann Sebastian Bach wieder und verhalf Ihm zu einer bis heute andauernden Renaissance. Ähnliches geschah immer wieder mit den Werken anderer Komponisten vergangener Epochen bis in die Jetztzeit. Dadurch, dass Bachs und anderer Komponisten Musik jede Epoche überdauerte, gehört Sie gleichzeitig jeder Epoche und damit auch unserer Zeit an, worin sich die Zeitlosigkeit von Klassik im allgemeinen zeigt.

Klassische Musik ist zeitlos.

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Aber sagen die "alten" Werke etwas ganz Neues? Wohl kaum – außer die Interpreten tun dies, indem Sie ein neues Licht auf die alten Werke werfen. Wobei mit der 1734. Beethoven-Sonaten-Interpretation wohl so langsam alles ausgeleuchtet sein sollte – und gewisse Dinge zu einem Ende finden sollten. An diesem Punkt sind neue Kompositionen gefragt. Die einzigen, die etwas wirklich Neues sagen können sind die lebenden Komponisten.

Nur die lebenden Komponisten können Erneuerung bringen.

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Doch Ihnen fehlt zum Teil die Eigeninitiative, auf das Publikum mehr zuzugehen. Komponisten der Neuen Musik bleiben gerne in Ihrem Elfenbeinturm und wagen dort krasse Experimente, die wichtig sind und einen Teil unserer heutigen Zeit widerspiegeln. Was für ein Reichtum! Auch davon kann es nie genug geben! Doch der Abstand zum "normalen Volk" ist einfach zu groß, der Elfenbeinturm zu hoch. Zu viele Komponisten entwerfen Ihre eigene Sprache, die nur noch für ein Fachpublikum verständlich ist. Diese selbst entworfenen musikalischen Sprachen können zwar eine aufregende Entdeckung sein, doch bleibt dieser Werktypus dem normal gebildeten Menschen in den meisten Fällen verschlossen. Kein Wunder, dass sich diese Menschen in großer Zahl (leider) abwenden.

Komponisten sollten mehr schreiben, was auch (aber nicht nur) intuitiv verstehbar ist. Und bitte ganz ohne unterkomplex zu werden! Es geht nicht um Anbiederung, auch nicht um das Durchökonomisieren der Kunstmusik. Auch geht es nicht um Geschmack sondern darum in einer musikalischen Sprache zu komponieren, die einem Hörer ein neues Werk eröffnet und nicht verschließt. So könnte es gelingen, zeitgenössische Musik vielen Menschen näher zu bringen und die Quote von zeitgenössischer Kunstmusik in den etablierten Konzerthäusern nachhaltig zu steigern. Wir brauchen einfach neue Inhalte!

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Rainer Schnös
    Die Komponistenszene in Deutschland ist vielfach noch im Elfenbeinturm: es wäre an der Zeit, es aufzubrechen, was natürlich schon geschieht. Verkopfte Kakophonie um ihrer selbst Willen betrachte ich als Sackgasse: alles sollte möglich sein, sonst kann es keine Entwicklung geben.