Bauchgefühl statt Allgemeinwohl 

Für Konservative ist die gleichgeschlechtliche Ehe ein weiterer Schritt vom Abschied aus der guten alten Welt. Wenn Angela Merkel  wirklich die Anführerin der freien Welt sein will, muss sie das aber aushalten. Ihr Nein zeigt, dass sich ihre Politik mehr auf Gott als auf das Gemeinwohl stützt.

Von Alexander Görlach.

Nun auch Deutschland. Die so genannte "Ehe für alle" kommt. Das Land der Reformation und Kant'schen Aufklärung hat sich nun endlich durchgerungen das einzuführen, was in katholischen Hochburgen wie Irland, Spanien und Frankreich schon seit Jahr und Tag gelebte Praxis ist. Nun hat der Bundestag entscheiden, dass die zivile Ehe mit allen Rechten und Pflichten nicht nur von hetero- sondern auch homosexuellen Paaren geschlossen werden darf. Für die Konservativen in der Union ist diese weltliche Ehe für alle ein Affront gegen Gott und die Lehren der Kirche. Kaschiert wird der religiös genährte Zweifel mit dem Verweis auf den besonderen Schutz der heterosexuellen Ehe, den das Grundgesetz garantiere.

Die große Mehrheit der Deutschen, 83 Prozent laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, war schon eine Weile dafür. Allein die Union aus Christdemokraten und Christsozialen waren im Bundestag dagegen. Die Bundeskanzlerin hat noch vor vier Jahren ihr Bauchgefühl als Richtschnur politischen Agierens dafür angeführt, das ihr von einer Öffnung der Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare abgeraten habe. Die Kanzlerin, die heute mit Nein gestimmt hat, und damit ihren Platz als Führerin der freien westlichen Welt leider wieder verloren hat ist als Pastoren-Tochter dann doch mehr einer bestimmten Auslegung der Heiligen Schrift verpflichtet, als den Erkenntnissen von Medizin und Psychologie, die sowohl die Brandmarkung von Homosexualität aufgegeben als auch keinerlei Ergebnisse zu Tage gefördert haben, wonach Kinder, die bei homosexuellen Paaren aufwachsen, Schaden davon tragen.

Hier gehorcht die Union also Gott mehr als dem Menschen. Dabei ist die Behauptung, dass unsere Vorstellung von Ehe und Familie vom Christentum beeinflusst sind, natürlich nicht falsch, aber diese Aussage spiegelt nicht die ganze Wirklichkeit: die Ehe in einer staatlichen Ordnung ist, auch wenn der Staat sich als ein christlicher verstünde, etwas anderes als in einer religiösen Vorstellungswelt. So spricht die katholische Poesie davon, dass die Ehe zwischen Mann und Frau das Abbild der Liebe sei, die Christus zu seiner Kirche habe. Diese katholische Bilderwelt eins zu eins auf die Ehe des Grundgesetzes zu legen, selbst wenn diese etwas mit der christlichen Ehe zu tun hätte, wird nicht funktionieren. Wenn Konservative die christliche Ehe verteidigen, wie der Düsseldorfer MdB Thomas Jarzombek, dann spricht er davon, dass Menschen nicht nur Verantwortung für einander übernehmen, sondern als Mann und Frau ihr Leben auf die Kinderzeugung ausrichten. Das ist nun sehr funktional verkürzt und wenig poetisch. Es diskriminiert natürlich auch heterosexuelle Paare, die keine Kinder bekommen können, und stigmatisiert jene, die zwar verheiratet sind, aber keine Kinder möchten. 

Verantwortung übernehmen ist keine zureichende Beschreibung einer Liebesbeziehung. 

Der Staat operiert mit dem Gleichheitsprinzip als oberstes Gut des Zusammenlebens. Dieses bonum commune ist nicht mit höchsten Zielen, summum bonum, zu verwechseln, die religiöse Ordnungen und Weltanschauungen ihren Mitgliedern offerieren. In der Sprache der Bischofskonferenz der katholischen Kirche ebenso wie der etlicher Unions-Politiker würde aber mit der Ehe für alle Ungleiches gleich gemacht. Also die in der göttlichen, manche sagen natürlichen Ordnung, angelegte Paarlichkeit von Mann und Frau auf Mann und Mann und Frau und Frau ausgeweitet. Was mit religiöser Logik nicht funktioniert, ist in der Sprache der säkularen Welt nicht nur aussagbar, sondern zutiefst fair und gerecht. Liebe ist Liebe, love is love, heißt das Argument in vielen Sprachen. Verantwortung übernehmen, sagen die Konservativen in der Union, das sei noch keine Ehe. Homosexuelle können nur das, weil sie ja keine Kinder haben können (was in sich schon nicht richtig ist). Verantwortung übernehmen allein ist aber überhaupt keine zureichende Beschreibung jeder Liebes- und Lebensbeziehung. Wenn die Politik keine ordentlichen Worte findet, um Liebe und Sexualität zu umschreiben, warum kümmert sie sich überhaupt darum? Ist es die Domäne des Staates, des Gesetzgebers zu definieren, was Liebe ist? Ich meine nicht. Denn wovon man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen, wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein zu recht sagt. 

Das bonum commune, das allgemeine Wohl, ist die eigentliche Logik hinter jeder weltlichen, säkularen Gesetzgebung: sie möchte keine Wertung in die Ordnung und das Zusammenleben der Menschen hineintragen, die die Gleichheit aller vor dem Gesetz, eine der großen Errungenschaften der westlichen Moderne, unterminieren könnte. Das geschieht aber, wenn die einen ihren Bund Ehe nennen dürfen und die anderen nicht. Es darf auch nicht außer acht gelassen werden, dass die zivile Eheschließung, der code civil, sich dezidiert und expressis verbis gegen die religiöse Domäne der Eheschließung gewendet hat. Die Kirchen haben sich gegen die Säkularisierung gewehrt, aber am Ende heiratet man im Standesamt nicht vor Gott, sondern vor den Augen der Welt. Das gemeinsame Zeugnis und das Versprechen stehen im Mittelpunkt.

Für Konservative ist es ein weiterer Schritt vom Abschied aus der guten alten Welt

Woher kommt die fast schon mystische Überhöhung der Ehe in den konservativen Kreisen? In einer Zeit, in der viele Ehen geschieden werden und in Zeiten, in denen selbst für konservativste Spitzenpolitiker ein außereheliches Kind nicht das Karriere-Aus bedeutet? Muss man nicht umgekehrt Homosexuellen dringend davon abraten, diese bürgerliche Verstetigung der Zweisamkeit, manche würden sagen, Hölle des Spießigen, über ihren ansonsten doch als avantgardistisch apostrophierten Lebensstil zu pfropfen?

Für die Konservativen ist die Ehe für alle ein weiterer Schritt vom Abschied aus der guten, alten Welt, in der alles fest gefügt war und in der Unionspolitiker bis in eine nicht weit zurück liegende Vergangenheit lieber der Arm abgefallen wäre, als für eine Bestrafung für Vergewaltigung in der Ehe zu stimmen. Wir wissen heute - weil wir andere Quellen als die Heilige Schrift heranziehen - dass menschliches Zusammenleben komplex ist und vielen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. "Was möglich ist, kommt vor", ist ein Satz, der die Wirklichkeit exakt abbildet, aber gleichzeitig das Menetekel für diejenigen ist, die ihren Lebensweg nur gestalten können, wenn er von der Gesellschaft als der einzig wahre und am Ende noch gottgegebene ist. 

Die Beharrlichkeit, mit der Homosexuelle für eine rechtliche Gleichstellung gekämpft haben, illustriert den Willen, in einer festen und verantwortungsvollen Gemeinschaft zusammen zu leben und dieses Füreinander auch öffentlich bekräftigen zu wollen. Das stützt und unterstützt die Ordnung des Staates und der Gemeinschaft. Gleichzeitig erinnert dieser Kampf daran, dass die Moderne und die Aufklärung nie vollendet sind und Reaktionäre und Reaktion keine Sammelbegriffe aus dem Geschichtsbuch sind.

Alexander Görlach ist Senior Fellow des Carnegie Council für Ethics in International Affairs, Visiting Scholar der Universität Harvard und der Gründer des Online-Magazins www.saveliberaldemocracy.com

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Heiko GEBHARDT
    Wir spielen "Vater, Vater, Kind" nach altbekannten Spielregeln

    Author: "Für die Konservativen ist die Ehe für alle ein weiterer Schritt vom Abschied aus der guten, alten Welt, in der alles fest gefügt war "

    Schicke voraus, dass ich die Entscheidung des Parlaments, die ich begrüsse, überfällig ist. Allerdings fällt es mir schwer, den Abschied aus der guten alten Welt, in der alles fest gefügt war, zu sehen, ist es doch auf der Ebene des Hochzeitspaares gerade der letzte Schritt in eine festgefügte tradierte Welt, ein (Rück-)Zug ins kleinbürgerliche. Ins Spiessige will ich noch nicht sagen, da kommt es doch sehr darauf an, was die beiden Liebes- und Steuersplittingspartner aus ihrer Ehe machen.

    Hat uns schon die Wiedervereinigungsnacht zurück in die 50er Jahre regrediert, eine blöde Situation, die nun durch Nachtreten durch unsere Parlamentarier ein wenig mehr verfestigt wird.

    Insofern hält sich bei mir der Jubel in Grenzen und wenn, dann gilt mein Jubel dem auch überfälligen und befreienden "Ehebruch" der SPD. Da wird die CDU wohl nach der Wahl in eine fortschrittlich-liberal grünverquaste Vielehe einsteigen müssen.
    1. von Eva Kröcher
      Antwort auf den Beitrag von Heiko GEBHARDT 30.06.2017, 19:08:50
      Ist die Ehe wirklich der letzt Schritt auf dem Weg eines Paares in die Kleinbürgerlichkeit? Das wage ich zu bezweifeln, denn hier fehlt dann die Benennung eines antibürgerlichen Gegenkonzepts, und da kann ich keines erkennen. Die Lebenspartnerschaft als bisheriges juristisches Alibi und Ehesurrogat ist als Konzept nicht die antibürgerliche Verheißung, ganz im Gegenteil. Unverheiratet miteinander leben, auch mit Kindern, war mal irgendwann vor 45 Jahren der "revolutionäre" Aufreger, ist es aber längst nicht mehr. Auch unverheiratete hetero- und homosexuelle Landzeitpaare sprechen voneinander als "meine Frau" und "mein Mann", weil alles andere einfach verquaste Wortungetüme oder verpeilte Distanzierungen sind. Die Zweisamkeit in den eigenen vier Wänden, die ja nicht automatisch ein Rückzug sein muß, ist allen gemeinsam. Wie sähe also ein antibürgerliches Gegenkonzept aus, das diese behauptete Kleinbürgerlichkeit einer auf Dauer geplanten Zweierbeziehung durchbricht?