Warum Wahlumfragen immer bedeutender werden

Thorsten Faas erklärt, warum der Einfluss von Wahlumfragen auf das Ergebnis wächst - und damit auch die Tatsache, dass in Ländern wie Berlin sehr viele, in anderen wie Mecklenburg-Vorpommern nur sehr wenige Umfragen durchgeführt werden.

Die politische Landschaft in Deutschland verändert sich. Das ist inzwischen schon eine Binsenweisheit. Ein Blick zurück auf die drei Landtagswahlen vom 13. März – Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt – bestätigt das jedenfalls eindrucksvoll. Aber: Ein Blick zurück auf diese drei Wahlen fördert auch weitere Unterschiede zu Tage, die bisher weniger im Fokus standen: Die demoskopische Begleitung dieser Landtagswahlen fiel sehr unterschiedlich aus. In Rheinland-Pfalz gab es im Jahr vor der Landtagswahl 2016 – ausweislich der vorzüglichen Übersicht bei wahlrecht.de – 21 Umfragen mit Sonntagsfragen. In Baden-Württemberg waren es sogar 23. In Sachsen-Anhalt dagegen „nur“ 13.

Auch mit Blick auf die beiden bevorstehenden Landtagswahlen im September zeichnet sich ein ähnliches Muster ab: In Berlin gibt es bereits jetzt 17 veröffentlichte Sonntagsfragen seit September 2015, in Mecklenburg-Vorpommern gerade einmal vier.

Die Wähler bei der Wahl in Berlin kennen die Stimmungslage besser als jene in Mecklenburg-Vorpommern

Nun könnte man dies mit einem Schulterzucken abtun. Aber damit würde man diesen Unterschieden nicht gerecht. Die Intensität demoskopischer Berichterstattung bestimmt den Kontext, in dem Menschen ihre Wahlentscheidung treffen. Die Wahlberechtigten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wussten zu jedem Zeitpunkt, wie das Rennen – das „Horse-Race“ – um die Staatskanzleien steht. Auch die Berliner kennen immer den aktuellsten Stand. Für Sachsen-Anhalt war dies weniger der Fall. Und für Mecklenburg-Vorpommern erst recht nicht.

Dabei gibt es eine zentrale Rückkopplung zwischen den Veränderungen der Parteienlandschaft und der demoskopischen Begleitmusik: Die sich diversifizierende Parteienlandschaft führt zu erheblichen, sagen wir, „Herausforderungen“ bei der Koalitionsbildung. Grün-Schwarz in Baden-Württemberg, die Ampel in Rheinland-Pfalz sowie Schwarz-Rot-Grün in Sachsen-Anhalt zeugen davon. Klassische Koalitionsmuster mögen zwar noch wünschenswert erscheinen – und zwar sowohl aus Sicht der Bürger als auch der Parteien –, aber sie haben keine Mehrheiten. Und genau das dokumentieren die vielen, vielen demoskopischen Umfragen minutiös. „Keine Mehrheit für Grün-Rot/Rot-Grün“ war eine beliebte Überschrift im Vorfeld der Wahlen im Südwesten der Republik.

Diese unübersichtliche Koalitionslandschaft, über die ich hier schon einmal geschrieben habe, bereitet den Wählern Bauchschmerzen und Kopfzerbrechen. Natürlich wollen sie wissen, wer sie nach der Wahl in ihrem Land regiert. Sie mögen ihre Stimme auch so einsetzen wollen, um ihrer Koalition zur Mehrheit zu verhelfen. Aber wie sollen sie das tun, wenn sie ständig hören, dass klassische Koalitionen keine Mehrheit haben und alles andere in den Sternen steht?

Bei den Landtagswahlen 2016 haben die Umfragen den Sog zu den Parteien der Ministerpräsidenten verstärkt

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben diese Muster letztlich zu einem Sog hin zu den Parteien der Ministerpräsidenten geführt: Kretschmann in Baden-Württemberg, Dreyer in Rheinland-Pfalz. Die Dynamik auf der Zielgerade hat dabei in beiden Ländern ein Ausmaß angenommen, wie wir es vorher kaum kannten. (Übrigens wissen wir auch das aus den vielen Umfragen.) Und der Sog ging jeweils zu Lasten des kleineren Koalitionspartners, der auf dem (zukünftigen) Koalitionsmarkt schlechte Karten hatte. Und daran waren – nur minimal zugespitzt formuliert – die Umfragen schuld, die diesen Kontext geschaffen haben.

Schauen wir noch vorne: Die aktuellste Umfrage für Berlin sieht fünf Parteien im Abgeordnetenhaus. Im Einzelnen stehen die SPD bei 21 Prozent, die CDU bei 20 Prozent, die Grünen bei 19 Prozent, die Linken 18 Prozent und die AfD bei 13 Prozent. Welche Koalition daraus resultieren kann und wird, steht erneut in den Sternen. Stand heute aber gilt: „Große Koalition“ (gemeint ist damit eine Koalition aus SPD und CDU) – keine Mehrheit. Rot-Grün – keine Mehrheit. Andere Zwei-Parteien-Koalitionen – keine Mehrheit. Wie die Berliner darauf reagieren? Keine Ahnung. Überträgt man aber die Erfahrungen aus dem Südwesten auf Berlin, so steht Berlin noch einiges an Dynamik bevor, wenn die Wähler auf die Zielgerade des Wahlkampfs einbiegen. Im Vergleich dazu können die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern praktisch ungestört ihr Kreuzchen machen.

Was besser ist, sei dahingestellt. Aber die Mechanismen und Dynamiken von Landtagswahlkämpfen in Zeiten unübersichtlicher Parteienlandschaften verschieben sich zwischen den Ländern. Und zwar abhängig davon, wie viele Umfragen es dort jeweils gibt und was diese zeigen. Die Verantwortung der Demoskopen wächst. Übrigens auch die Gefahr, dass sie daneben liegen. Aber über diese Pointe der aktuellen Entwicklungen schreibe ich ein anderes Mal.

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