Warum im neuen Bundestag so wenige Frauen sitzen

Im Vergleich zur vergangenen Legislaturperiode sitzen weit weniger Frauen im Bundestag. Die Parteien allein sind nicht schuld, zeigt die Analyse von Thorsten Faas.

Mit 709 Abgeordneten ist der 19. Deutsche Bundestag größer als all seine Vorgänger. Aber obwohl die Gesamtgröße des Parlaments um 78 Abgeordnete gewachsen ist, ist die Zahl weiblicher Abgeordneter um elf auf 218 gesunken. Der Frauenanteil liegt damit aktuell nur noch bei 31 Prozent – so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Ein Wehklagen über diesen niedrigen Anteil von Parlamentarierinnen ist vielerorts zu hören. Wenn man aber daran zukünftig etwas ändern möchte, so gilt es nun, die Gründe für den Rückgang zu verstehen. Tatsächlich kann man nämlich zwei Faktoren benennen, die dafür verantwortlich sind: einen Parteieffekt und einen Wahlsystemeffekt. Schauen wir auf den Anteil an Männern im Parlament, getrennt nach Wahljahr (2013, 2017), Mandatsart (direkt gewählt vs. über Landesliste eingezogen) und Partei.

Im vorherigen Deutschen Bundestag, also unter den 2013 gewählten Volksvertretern, waren 64 Prozent aller Abgeordneten männlich. Allerdings unterschied sich der Anteil deutlich zwischen direkt und über Liste gewählten Parlamentariern: 79,3 Prozent im Vergleich zu 50 Prozent. Gab es 2013 Unterschiede zwischen den Parteien? Ja, allerdings in vergleichsweise engen Grenzen. Von den direkt gewählten Abgeordneten waren zwischen 74 Prozent der SPD- und 82 Prozent der CSU-Abgeordneten männlich. Auch mit Blick auf die Listenkandidaten und -kandidatinnen schwanken die Anteile in recht engen Grenzen um die 50-Prozent-Marke, nämlich zwischen 43 Prozent bei der Linken und bei den Grünen und 59 Prozent bei der CDU. Zwischenfazit für 2013: Über Liste zogen die Geschlechter 50:50 ein, aus den Wahlkreisen allerdings überhaupt nicht – ein klarer Effekt des Wahlsystems.

Ein Grund für den geringeren Frauenanteil ist: Im Bundestag sitzen mehr Direktkandidaten

Und 2017? Grundsätzlich sind die Muster ähnlich, gerade der Blick auf SPD, Grüne und Linke zeigt frappierende Ähnlichkeiten. Über die Listen zogen von diesen drei Parteien mindestens so viele Frauen wie Männern in den 19. Bundestag ein. Unterschiede gibt es dagegen bei der Union, denn für die CSU kam 2017 die Landesliste überhaupt nicht zum Zug. In der Folge besteht die CSU-Landesgruppe also nur aus direkt gewählten Abgeordneten und ist zu 83 Prozent männlich. 2013 waren 82 Prozent der direkt gewählten CSU-Abgeordneten männlich – der Anteil für die CSU-Landesgruppe insgesamt lag aber dank eher ausgeglichener Listenmandate bei 75 Prozent. Auch bei CDU und SPD sind die Fraktionen stärker als 2013 durch direkt gewählte Abgeordnete geprägt: Die CDU hat heute 93 Prozent Direktkandidaten, 2013 waren es nur 75. Die SPD hat heute 39 Prozent direkt gewählte Bundestagsmitglieder, 2013 waren es 30 Prozent. Der wahlsystemische Effekt, wonach Direktkandidaten mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit männlich sind, kommt bei CDU, CSU und SPD 2017 stärker als 2013 zum Tragen und macht diese Fraktionen männlicher. 

Hinzu kommt 2017 noch ein weiterer Effekt: Mit FDP und AfD sind nämlich zwei Fraktionen im neuen 19. Bundestag vertreten, die zwar überwiegend (AfD) oder ausschließlich (FDP) aus über Listen gewählten Abgeordneten bestehen, die aber trotzdem zu 78 Prozent (FDP) bzw. 89 Prozent (AfD) aus Männern bestehen. Pointiert zusammengefasst könnte man sagen: Listenkandidatinnen von CDU, CSU und SPD wurden durch Abgeordnete von AfD und FDP ersetzt, was den Bundestag insgesamt männlicher macht.

Ein Mittel für mehr Frauen im Bundestag: Reißverschluss-Listen

Was heißt das für etwaige Korrekturmaßnahmen? Wenn der 20. Deutsche Bundestag weiblicher werden soll, bräuchte es paritätisch besetzte Listen, „Reißverschluss“-Verfahren etwa, nach denen sich Männer und Frauen auf Listen abwechseln müssen, hätten ohne Zweifel einen Effekt. Konkret kämen AfD und FDP mit ihren Listen so nicht mehr durch, sie müssten viel weiblicher werden. Der wahlsystemische Effekt aber bliebe davon unberührt. Hier müsste man die Parteien zwingen, darauf zu achten, dass Männer und Frauen auch über Wahlkreise zu gleichen Anteilen einziehen. Das passt aber nicht zu den dort wirksamen Entscheidungswegen, schließlich entscheiden die einzelnen Wahlkreisgliederungen autonom. Noch dazu müsste man mitdenken, wie wahrscheinlich es ist in einem Wahlkreis ist, dass eine Frau auch tatsächlich gewählt wird… Es bleibt viel zu tun.

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