Wären Sie gerne Wahlkämpfer?

Im Hinblick auf die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin erläutert Thorsten Faas die Aufgabe des scheinbar inhaltsleeren Wahlkampfes, die Unentschlossenen für sich zu gewinnen. Wahlkampf ist vielschichtig und wichtig für die Demokratie. 

Zwei Landtagswahlen stehen bevor: Mecklenburg-Vorpommern am 4. September (das ist an diesem Sonntag!) und Berlin am 18. September 2016. In beiden Ländern laufen die Wahlkampfmaschinen auf Hochtouren. Auch die Maschinen der Kritiker surren: Die Wahlkämpfe seien inhaltsleer, die Plakate schwach, die Spots und Songs zuweilen peinlich. Solche Kritik mag an der einen oder anderen Stelle berechtigt sein. Und doch ist Vorsicht geboten. Wahlkämpfe sind kein bloßes Ritual, sondern ein fundamentaler Bestandteil unserer Demokratie. Sie sollen die Bürgerinnen und Bürger in den politischen Prozess und die politische Auseinandersetzung (einbe)ziehen. Und machen wir uns nichts vor: Für viele Menschen ist Politik ein eher fernes Phänomen. „Das Leben, nicht die Politik ist wichtig“, so hat es der Mannheimer Politikwissenschaftlicher Jan van Deth einmal formuliert. Die damit verbundene Herausforderung ist beachtlich, nämlich Menschen für etwas gewinnen, von etwas überzeugen, ja in Ansätzen vielleicht sogar begeistern, das sie eigentlich in ihrem Alltag nicht sonderlich interessiert.

Die Zielgruppe des Wahlkampfes sind die politisch Unentschlossenen

Erst recht gilt dies, wenn man sich die Zielgruppe der Wahlkämpfer in Erinnerung ruft: Menschen, die noch unentschlossen sind, die man noch mobilisieren, überzeugen und letztlich für sich gewinnen kann. Es ist ein alter Hut der Wahl- und Wahlkampfforschung, dass diese Unentschlossenen noch weniger politisch und interessiert sind, anders als die Entschlossenen. Warum? Dass politisch interessierte Menschen sich für Politik interessieren, ist nicht wirklich überraschend, sondern trivial. Ihre Bilder von Politik aber sind in der Folge geordneter, ideologischer, ihre Einstellungen stärker in grundlegenden Wertvorstellungen verwurzelt. Sie haben eine politische Heimat – häufig eben auch in einem parteipolitischen Sinne. Und das macht sie für Wahlkämpfer unattraktiv, kann man sie doch bestenfalls in ihren bestehenden Meinungen bekräftigen.

(Natürlich gibt es auch hoch interessierte Unentschlossene, keine Frage. Aber sie sind nun einmal viel, viel seltener und noch dazu nicht auf die aktiven Wahlkampfbemühungen der Parteien angewiesen. Sie suchen sich ihre Informationen selbst – nicht zuletzt auch in Form von Umfragen).

Richtig was zu holen ist bei mittelmäßig bis weniger an Politik interessierten Menschen. Aber die sind so schwer erreichbar. Und genau das erklärt den Erfolg verschiedener Wahlkampfinstrumente, denen politisch interessierte Menschen zuweilen mit einer gewissen Hochnäsigkeit begegnen. Man denke an den Wahlomat. Oder Fernsehduelle. Oder eben auch „einfache Plakate“. „So simpel kann man Politik doch nicht präsentieren!“ Aber warum eigentlich nicht? Auch der Haustürbesuch ist ein probates Mittel, steht doch plötzlich die Wahl (in Person von Wahlkämpfern) vor der Tür, auch bei weniger Interessierten, ob sie dies wollen oder nicht. Genau das ist die wichtige Funktion von Wahlkämpfen, nämlich Bürgerinnen und Bürger in den politischen Prozess und die politische Auseinandersetzung zu ziehen.

Wahlkampf ist schwierig, aber fester Bestandteil unserer Demokratie

Einfach ist die Sache trotzdem nicht. Wahlkampf findet unter Vielkanalbedingungen und mit härtester Konkurrenz von unpolitischen Angeboten im Kampf um die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger statt. Entsprechend vielfältig sind die Bemühungen der Kandidierenden: Der Kandidat soll an der Haustür sein, aber auch in der Bürgersprechstunde, die Kandidatin soll auf Instagram ebenso präsent sein wie auf Vereinsversammlungen, beide sollen den Followern auf Twitter ebenso Rede und Antwort stehen wie den Journalisten. Und das Faszinierende ist: Die Kandidatinnen und Kandidaten versuchen all das tatsächlich! Und schaffen es sogar!

Klar ist jedenfalls: Wahlkampf ist schwierig. Zuweilen könnte man ihn sicher noch besser machen. Aber Wertschätzung hat er (und auch seine wahlkämpfenden Hauptakteure) als feste Institution unserer Demokratie allemal verdient. Oder würden Sie gerne tauschen?

 

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