Schrödingers Schulzzug: Er fährt und steht zugleich 

Der Schulzzug wurde im Saarland von der beliebten Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer gestoppt. Im Bund aber sprechen die Umfragen noch für Schulz. Die rot-rote Regierungsoption hat der SPD im Saarland Stimmen gekostet.

Fährt er noch oder steht er schon, der Schulzzug? Beides! Er ist die Zug gewordene Form von Schrödingers Katze. Die war tot und lebte gleichzeitig. Und so ist es auch mit dem Zug: Er steht und fährt gleichzeitig. Schrödingers Schulzzug quasi.

Was ist passiert? Seit klar ist, dass Martin Schulz anstelle von Sigmar Gabriel die SPD als Spitzenkandidat in den Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 führen wird, hatten demoskopische Umfragen in Deutschland, aber auch in einzelnen deutschen Bundesländern Schnappatmung. Die Stimmungswerte der SPD kannten nur eine Richtung – nach oben. Um bis zu 10 Prozentpunkte legte die SPD in Umfragen zu. Ein demoskopisches Phänomen, das es so in Deutschland noch nie gegeben hatte… „Mit neuer Energie“ raste der „Schulzzug“ durch’s Land, das war die Metapher, die schnell dafür gefunden war.

Nun sind Demoskopen immer darum bemüht, deutlich zu machen, dass solche Umfragen, selbst wenn man sie „Prognosen“ oder „Projektionen“ nennt, nur Momentaufnahmen sind, „Stimmungen“ auffangen, aber keineswegs mit tatsächlichen Wahlergebnissen gleichgesetzt werden dürfen. Und deswegen schauten alle so gebannt auf das kleine Saarland. Hier ging es nicht um Stimmungen, sondern echte Stimmen. Und diese Stimmen sollten den ultimativen Nachweis zur Fahrtgeschwindigkeit des Schulzzuges bringen.

Der Schulzzug fährt in Deutschland, aber nicht im Saarland

Entsprechend eindeutig war vermeintlich die Botschaft des gestrigen Tages: Weil die SPD knapp unter 30% und damit vor allem hinter Umfragewerten, die ihr noch vor einigen Tagen für das Saarland in Aussicht gestellt wurden, geblieben ist, ist der Schulzzug zum Stillstand gekommen. Auch der sonst so optimistische Kandidat selbst wirkte arg zerknirscht und schien sich diese Lesart zu eigen zu machen: Man habe ein Gegentor bekommen, weswegen man jetzt zusammenrücke müsse.

Einerseits lernen wir, dass eine solche Metapher letztlich wohl doch zu unterkomplex ist, um politische Prozesse adäquat zu beschreiben. Im Mindesten müsste man das Bild wohl aber anreichern. Auf dem bundespolitischen Streckenabschnitt scheint der Schulzzug noch immer gut unterwegs zu sein; jüngst veröffentlichte Umfragen zeugen zumindest davon. Auf dem landespolitisch-saarländischen Streckenabschnitt war dieser Zug in den letzten Wochen auch gut unterwegs (die Umfragen im Saarland zeugten ja davon). In der allerletzten Tagen aber, kurz vor Einfahrt in den Bahnhof „Saarbrücken Landtag“, wurde er vom AKK-Express mit Annegret Kramp-Karrenbauer in der Lok (oder gar als Lok?) überholt. Der bundespolitische Schulzzug – er fährt in Deutschland, aber nicht im Saarland. Schrödingers Schulzzug. Und das ist doch bei einer Landtagswahl auch gut so.

Überrascht hat es trotzdem viele, weil die Umfragen im Vorfeld eine andere Wagenreihung zumindest möglich erschienen ließen. Ist die Saarland-Wahl ein neuerliches Beispiel für die zeitgenössischen Probleme der Umfrageforschung? Eigentlich nicht. Schaut man sich die jüngsten Umfragen vor der Wahl an und vergleicht sie mit dem Endergebnis von gestern, passte das an vielen Stellen sehr gut zueinander. FDP und Grüne unter fünf Prozent, die AfD knapp darüber – das alles hatten wir genauso erwarten können im Lichte letzter Umfragen. Aber das gute Abschneiden der CDU, das hatten wir so nicht erwartet.

Der Sog der Ministerpräsidentin

Aber daran sind nicht die Demoskopen schuld. Dafür sind die (einige) Wählerinnen und Wähler im Saarland verantwortlich. Sie haben die letzten Umfragen vor der Wahl gesehen und daraus gelernt, dass sowohl eine Große Koalition unter AKK als auch ein rot-rot-Bündnis unter Führung von Anke Rehlinger im Bereich des Möglichen liegen. Letzteres wollten viele aber nicht, durchaus auch in SPD-nahen Kreisen. Sie wollte ihre beliebte AKK behalten. Ihre Reaktion also? Sie sind im Lichte letzter Umfragen zur CDU gewechselt. Eine strategische Reaktion auf eine veröffentlichte Umfrage, der jetzt der Makel anhaftet, als sei sie immer schon falsch gewesen. Das stimmt aber nicht. Sie mag damals richtig gewesen sein, hat aber Reaktionen ausgelöst. Das ist übrigens genau das Muster, das wir im vergangenen Wahljahr 2016 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gesehen haben: Am Ende gibt es einen Sog hin zu beliebten Ministerpräsidenten, um diese im Amt zu halten, was demoskopische Umfragen zuvor als unsicher präsentieren.

In a nutshell: Der Schulzzug hat die saarländische SPD in die Lage versetzt, über Koalitionsoptionen jenseits der Großen Koalition nachzudenken. Das haben aber Teile der Wählerschaft im Saarland nicht goutiert und sich stattdessen auf den letzten Metern des Wahlkampfs in den AKK-Express gesetzt, der so klar als erster ins Ziel kam. Und so entsteht das Paradox: Schrödingers Schulzzug steht (im Saarland) und fährt (im Bund) gleichzeitig.

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  1. von Wolfgang Böckel
    "Eine strategische Reaktion auf eine veröffentlichte Umfrage, der jetzt der Makel anhaftet, als sei sie immer schon falsch gewesen. Das stimmt aber nicht. Sie mag damals richtig gewesen sein, hat aber Reaktionen ausgelöst. Das ist übrigens genau das Muster, das wir im vergangenen Wahljahr 2016 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gesehen haben". So ist es. Demoskopen haben durch ihre verheerenden Fragetechniken nicht zum ersten und erst recht nicht zum letzten Mal Wähler in ihrem Stimmverhalten massiv beeinflusst. Nimmt man noch den Einfluß von bewusst gestreuten "Alternativen Fakten" einiger Politstartegen dazu, dann wissen wir warum so einige Abstimmungen in letzter Zeit den Auguren ihre eigenen Prognosen um die Ohren geschlagen haben.