Russland versucht den Westen zu hacken

Russland hat versucht, den US-Wahlkampf zu hacken - doch die Gefahr der russischen Cyber-Strategie wird in Deutschland weiter unterschätzt, schreibt Sylke Tempel in ihrer Kolumne "Außenansichten".

Man wird kaum behaupten können, dass diese Zeiten arm an aufrüttelnden Ereignissen wären. Putsch in der Türkei, Terrorattentate, der andauernde Krieg in Syrien, die Bombardierung Aleppos unter den Augen einer Weltöffentlichkeit, die dieser humanitären Katastrophe hilflos und tatenlos zusieht.

Der Westen verkennt die Gefahr, die von Hacks, Leaks und Propaganda aus Russland ausgeht

Es wäre also zu verstehen, dass "geringfügigere" Angelegenheiten in der öffentlichen Debatte schlicht untergehen. Nur: das scheinbar Geringfügige, das nicht auf den ersten Blick Sichtbare, stellt sich im Rückblick oft als etwas Entscheidendes heraus. Zu diesen in der hiesigen Öffentlichkeit kaum als besonders Besorgnis erregend registrierten Ereignissen gehört der Hack des Democratic National Committee, der Zentralorganisation der Demokratischen Partei in den USA, und die Veröffentlichung von Email-Adressen hochrangiger Demokraten - als gezieltes Wahlkampfmittel gegen die Demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Dass sich daraufhin Parteichefin Debbie Wasserman Schultz zum Rücktritt gezwungen sah, wurde eher beiläufig berichtet. Das größere Augenmerk galt den Hässlichkeiten, oder auch nur überkritischen Aussagen, die sich in den gehackten Mails über Clintons demokratischem Herausforderer Bernie Sanders fanden. Dass mehrere Geheimdienste  - und selbst US-Präsident Barack Obama - öffentlich Russland als den Verantwortlichen für den Hack ausmachten - taugte als nicht viel mehr denn eine Randnotiz in den deutschen Medien. In den sozialen Medien war der Verweis auf Russland  wiederum schnell abgetan als ein weiteres Zeichen von "Russland-Bashing". Selbst nachdem Julian Assange, Chef von Wiki-Leaks und selbst ernannter Transparenz-Held, zum Besten gab, dass er gedenke, noch mehr Material zu Hillary Clinton leaken zu wollen - und zwar aus "rein persönlichen Gründen", war das kein Aufreger und kein Grund für auch nur eine Talkshow-Diskussion. Dabei wird  ja sonst keine Gelegenheit ausgelassen, über Leaks, Hacks, amerikanische Übergriffigkeiten und die Verletzung unserer Privatsphäre zu diskutieren.

Russland versucht den Wahlkampf in den USA zu beeinflussen

Natürlich: Donald Trump, dieser Polit-Rüpel mit der Aufmerksamkeitsspanne eines konzentrationsgestörten Fünfjährigen, überschattet (buchstäblich) den gesamten Wahlkampf. Was ist schon ein Hack gegen skandalöse Bemerkungen, die verlässlich immer und immer
wieder mediale Aufregung erzeugen?

Früher, in den hübsch übersichtlichen und geradezu aufgeräumt wirkenden Zeiten des Kalten Krieges, fürchtete man schon mal, dass kommunistische Parteien fremdgesteuert waren oder dass Moskau mit Hilfe "fünfter Kolonnen" Einfluss auf die Politik des Klassenfeindes nehmen könnte oder wollte - was sich ja, auch in die umgekehrte Richtung, keineswegs als falsch
erwies. Direkt in die Steuerungszentrale einer Partei einzudringen, ganz frech und offen den Wahlkampf in einem ja nicht gerade unbedeutenden Land zugunsten des gewünschten Kandidaten zu beeinflussen, das ist schon von ganz neuer Qualität ( - warum Trump Putins Wunsch-Präsident wäre, kann gern an anderer Stelle erörtert werden). Eine solche direkte Einflussnahme ist im Übrigen kein Präzedenzfall. 2015 erlangten russische Hacker über Wochen Zugriff auf Server des Bundestages, sie drangen also mitten ins Herz der deutschen Demokratie ein. Und auch damals? Kaum Aufregung.

Was natürlich zu der Frage führt, warum nicht erkannt wird, was doch offensichtlich ist: dass wir es mit einer ganz neuen Qualität politischer Einflussnahme durch ein anderes, dem Westen (Achtung, Untertreibung) nicht eben freundlich gesonnenes Land zu tun haben. Trotz des Sturms der Ereignisse ist die Nachsicht mit Russland schwer zu begreifen - ob es sich nun um staatliches Doping handelt oder um den Krieg in der Ost-Ukraine, den es ohne Moskau gar nicht gäbe, bei dem sich Russland aber als potenzieller Vermittler geriert. Zwei Faktoren scheinen dafür ausschlaggebend zu sein: Es ist uns noch gar nicht wirklich bewusst, wie sehr sich die Cyber-Welt, die Welt des mehr oder weniger anonymen Hacks - schon zum Schlachtfeld der ideologischen und politischen Auseinandersetzungen entwickelt hat. Und: Im Zeitalter der postmodernen Propaganda, in der alles möglich und nichts mehr "wahr" oder auch nur faktisch ist, gewinnt jener, der am frechsten und am offensichtlichsten lügt und dem es auch nichts ausmacht, auf frischer Tat erwischt zu werden - sei es beim Lügen, Annektieren oder beim Datendiebstahl. Auf diesen Feld führt bislang unangefochten: Wladimir Wladimirowitsch Putin. 

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