Ob für oder gegen Erdoğan - auch das Gegenteil bleibt das Gleiche

Die türkische Community war noch nie derart gespalten wie momentan. Was ist passiert? Was sind die Gründe, die Folgen für die Zukunft? Es braucht eine ganz neue Integrationsoffensive. Alles auf Anfang!

Meine Mutter wollte letztens, dass ich ihr „Staying Alive“ von den Bee Gees auf ihren MP3 Player ziehe. Ich fragte sie woher sie die Bee Gees kenne. Verblüfft über meine Dummheit schaute sie mich an, so nach dem Motto: „Was glaubst du denn was für eine Mutter du hast?“. Okay, dachte ich mir. In der späteren Unterhaltung stellte sich heraus, dass sie sich als Kind zusammen mit meinen Großeltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, die Sendung „Disco“ von Ilja Richter regelmäßig im ZDF angeschaut hat. Was für eine Horrorvorstellung. Ich meine, deutscher geht es doch wirklich nicht mehr.

Was also ist in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten passiert, dass so viele junge, in Deutschland oder Österreich geborene Türken sich nicht mit der deutschen Gesellschaft, Kultur und Politik identifizieren? Wie hat sich die deutsche Identität verändert? Wie die türkische? Was haben Medien damit zu tun? Wieso schaffen es türkische Medien und Politiker, diese Zielgruppe anzusprechen, aber nicht die deutschen?

Gescheiterter Putsch

Was war das bloß für eine Nacht. Ein Handyvideo auf Twitter, in dem ein türkischer Soldat zu sehen ist, der in die Kamera sagt, dass von nun an das türkische Militär die Kontrolle übernimmt. Ein Putsch? Schock! Einen Militärputsch kannte ich bis dahin nur aus Erzählungen und den Fotos und Berichten von Ara Güler. (Ara Güler ist ein türkischer Fotograf armenischer Abstammung. Er gilt als einer der bedeutendsten Fotografen der Türkei.)

LiveStream über Periscope, mit Whatsapp und Facebook hat man sich Nachrichten hin und her geschickt, Statusmeldungen gecheckt. Da zu dem Zeitpunkt meine Schwester in der Türkei war und ich viele Freunde dort habe, wurde aus Schock schnell Angst. In dieser Nacht habe ich kaum ein Auge zugemacht.

Die sozialen Netzwerke waren sehr schnell voll mit Verschwörungstheorien, mit verwirrenden Nachrichten, Fotos von gelynchten Soldaten, hässlichen Personen, die sich über den Putschversuch freuten, und anderen, die behaupteten, alles sei gefaked gewesen.

Nun stand ich da, mit der Erkenntnis, dass jeder seine eigen subjektive Sicht der Dinge liked, teilt und kommentiert. Somit war ich hin und her gerissen zwischen Tweets und Statusmeldungen von Gegnern und Befürwortern der türkischen Regierung, da ich eine sehr durchmischte Freundesliste habe.

Die ohnehin polarisierte "Community" wird sich von nun an noch mehr zersplittern, und es werden neue "Freunde" und "Feinde" entstehen, dachte ich mir.

Zu viel Hass - zu wenig Kommunikation

Und genau das ist passiert. Ein paar Tage nach dem gescheiterten Putschversuch haben sich unterschiedliche Lager gebildet. Öffentliche Denunziationen von Personen, schreckliche Diffamierungen, Listen mit Personen, denen sogar mit dem Tod gedroht wurde. Türkische Abgeordnete, die auf Facebook verbal attackiert wurden. Es entstand eine diffuse Situation, in der  Freunde, Bekannte sogar Familienmitglieder anfingen, sich auf Facebook zu löschen, blockieren und mit einer Anzeige in der Türkei drohten. Zeig mir, was du likest, und ich sag dir, wer du bist.

An einer Bäckerei in Düsseldorf hing wohl ein Plakat mit der Aufschrift: „Kein Zutritt für Gülen-Anhänger“, und in Hagen an der Sultan Ahmet Moschee ein Schild mit: „Vaterlandsverräter raus“. Beide Plakate wurden später wieder abgenommen. Ein Jugendtreff in Gelsenkirchen wurde angegriffen. Der Vater meines Kumpels, der seit 20 Jahren in dem gleichen türkischen Supermarkt einkauft und dort 20 Jahre keine Probleme hatte, wurde von einem Mann angegriffen. Der meinte: "Jetzt habt ihr's endlich geschafft" oder so ähnlich. Der Vater hat die Polizei gerufen, aber niemand wollte eine Zeugenaussage machen. Es ist schon so weit gekommen, dass, wenn man sich nicht klar für etwas entscheidet, man bei vielen schon unten durch ist. Man wird sofort als Linker, Hetzer, AKPler, Putschist oder Verräter abgestempelt. Wie bei George Bush, der kurz vor der Irak-Invasion gesagt hat: "Wer nicht mein Freund ist, ist mein Feind."

Und zu allem Übel durften natürlich unsere Freunde aus der Fraktion „besorgte Bürger“ nicht fehlen. Dunkeldeutschland hatte wieder ordentlich was zum Fressen aufgetischt bekommen. Überall nur noch offensichtlich rassistische und hetzerische Kommentare und zu wenige Stimmen der Vernunft, Versöhnung.

Großdemonstration in Köln

Es ist gut und wichtig, dass Menschen mit türkischer oder auch doppelter Staatsbürgerschaft von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machen. Immerhin hat die Regierungspartei AKP im Jahr 2015 knapp 60 Prozent Wählerstimmen aus Deutschland bekommen. Diese Tatsache darf nicht ignoriert oder kleingeredet werden. Also sind knapp zwei Wochen nach dem gescheiterten Putschversuch zehntausende Menschen in Köln auf die Straße gegangen und haben friedlich nach der Todesstrafe gerufen. Ich hatte allerdings schon das Gefühl, dass viele nur darauf gewartet haben, dass es zu Ausschreitungen kommt, damit sie wieder über die Türken herziehen können. Ist ja auch verständlich, wenn Rockergruppen in Lederkutten an einer Demokratie-Kundgebung teilnehmen. Das muss man sich mal vor Augen führen: Eine kriminelle türkische Rockergruppe geht auf die Straße, um die Demokratie zu feiern. So etwas gibt es nur bei Türken. Die Deutschen können echt viel von uns lernen.

Ach, und „Allahu Akbar“ wurde wohl auch oft gerufen, was bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft mittlerweile zum „IS-Slogan“ geworden ist, was völliger Bullshit ist. Denn „Allahu Akbar“ bedeutet in etwa „Gott ist Groß“ und wird täglich millionenfach in Gebeten von friedlichen Muslimen gesagt.

Keine Panik, die Islamisierung des Abendlandes wird nicht durch die Türken passieren.

Allen, die immer noch Angst vor der Islamisierung des Abendlandes haben, empfehle ich, sich einmal einen Tag lang türkisches Fernsehen anzuschauen. Wo man auch hinzappt: Werbung für Schönheitsoperationen hier, Haartransplantationen für kahle Männer da, günstige Kredite bzw. hohe Subventionen für den Kauf von Eigentumswohnungen und anderen Konsumgüter, halbnackte Frauen und Männer in Musikvideos. Sex, Drugs and Rock`n`Roll auf Türkisch. Also alles total un-islamisch eigentlich. Das heißt, bevor sich Pegida, AfD und Co. wieder in die Hände spucken und über neue Argumente für ihre Hetze freuen, hier mein Tipp: Freut euch nicht zu früh und geratet nicht in Panik, die Islamisierung des Abendlandes wird nicht durch die Türken passieren.

Die Verantwortung der deutschen Politik

Letztens wurde ich angehalten, die Schuld nicht der deutschen Politik zuzuschieben. Ich versuche aber herauszufinden, woran es liegt, dass 15-jährige Kids, die in der dritten oder vierten Generation hier leben, sich mit türkischen Politikern bzw. der türkischen Politik mehr identifizieren als mit der deutschen. Politik bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung zu übernehmen heißt, sich um jemanden zu kümmern. Mit den Sorgen, Problemen, guten wie schlechten Seiten. Wenn ich also die Verantwortung nicht auf deutsche Politiker schieben darf und diese die Verantwortung nicht annehmen, dann werden das eben die türkischen tun.

Es gibt natürlich sehr viele gute deutsche wie türkischstämmige Politiker, die jahrelang hervorragende Integrationsarbeit geleistet haben und noch leisten. Und genau das ist meine Sorge: Wie schnell konnte es dazu kommen, dass diese Arbeit heute bei den meisten null Bedeutung hat?

Aufruf an die deutsche Mehrheitsgesellschaft, Medienschaffende und Politiker: Ihr könnt euch nicht immer die Mesut Özils, Bülent Ceylans und Serdar Somuncus aneignen.

Seht mal zu, wie ihr mit der deutsch-türkischen Version der Pegida klar kommt, denn auch das ist Made in Germany. Ein Neuanfang, denn da ist die Integrationsarbeit mittlerweile, hat aber auch viel Gutes weil ein Neuanfang auch bedeutet, dass man Fehler nicht wiederholt. Auf beiden Seiten. Eine neue Generation braucht eine neue Integration. Es gibt noch viel zu tun und wir stehen wieder ganz am Anfang der Playlist. Ha Ha Ha Ha, Staying Aaaaalliiiiiiiiiiiiiiive.

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