Warum wählen Männer und Frauen immer unterschiedlicher?

Es gibt einen Trend zum Gender Gap beim Wahlverhalten: Männer wählen eher konservativ, Frauen eher links. Schwierig ist das vor allem für die Parteien, die breite Bevölkerungsschichten ansprechen wollen.

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, verkündet das Deutsche Grundgesetz. Auch die europäische Grundrechtecharta unterstreicht „die Gleichheit von Frauen und Männern in allen Bereichen“. Doch gleichberechtigt heißt noch lange nicht gleich. Tatsächlich machen Männer und Frauen von ihren Rechten unterschiedlich Gebrauch – nicht zuletzt in der Politik. Während sich die öffentliche Debatte derzeit vorwiegend mit der geringen Zahl von Frauen in Parlamenten beschäftigt, bleibt unterbelichtet, dass in vielen westlichen Staaten die Unterschiede im Wahlverhalten von Männern und Frauen wachsen.

Am deutlichsten wird dies gerade in den USA. Bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen gehen Meinungsforscher von einem sogenannten „Gender Gap“ von 25 Prozent in der Stimmabgabe für Demokraten oder Republikaner aus. Angesichts der frauenfeindlichen Tiraden des US-Präsidenten mag dies kaum überraschen. Doch auch in Australien liegt der politische kleine Unterschied derzeit bei zehn Prozent, im Vereinigten Königreich bei 12 und in Neuseeland Umfragen zufolge gar bei 16 Prozent. Damit aber hat sich die Genderidentität mittlerweile fast gleichberechtigt neben andere wahlentscheidende Faktoren wie Alter oder Wohnort gestellt.

Noch 2006 betrug der Wahlunterschied zwischen Männern und Frauen in den US-Kongresswahlen lediglich vier Prozent, während neuseeländische Wahlforscher noch 2011 nur begrenzte Abweichungen feststellen konnten. Im Vereinigten Königreich lag der Gender Gap ein Jahr zuvor gar bei null. Man muss ein halbes Jahrhundert zurückgehen, um auf vergleichbar deutliche Unterschiede zu stoßen.

Bei den jungen Menschen sind die Unterschiede besonders groß

Getragen wird der aktuelle Trend besonders von jungen Menschen, wie zuletzt in Kanada deutlich wurde. In den Wahlen des vergangenen Jahres sicherte sich der bekennende Feminist Justin Trudeau seine Wiederwahl. Seine Liberale Partei wurde von Männern und Frauen annähernd gleich unterstützt. Die Polarisierung zwischen den Geschlechtern trat an den Rändern in Erscheinung. Dort neigten junge Frauen in großen Teilen zu den Grünen und den linken Sozialdemokraten, während junge Männer eher die Konservativen unterstützten. Bezogen auf die Linken betrug der Unterschied stattliche 11 Prozent. Wahlanalysen zufolge machten junge Männer ihre Stimmenabgabe dabei viel stärker als junge Frauen von der Steuerpolitik und Wirtschaftsfragen abhängig. Frauen dagegen ließen sich von den Themen Gesundheitssystem, Klimaschutz und Bildung leiten. Diese Hinwendung von Frauen zu linken und ökologische Parteien ist auch historisch ein langfristiger Trend.

Anfang des 20. Jahrhunderts diente die Unterstellung, Frauen würden grundsätzlich anders wählen als Männer, den Gegnern der Gleichberechtigung als ideologische Munition. Nicht zuletzt konservative Kreise fürchteten vielerorts den Verlust von Privilegien durch das Frauenwahlrecht. Nach dem Sieg der Frauenrechtlerinnen jedoch blieb die Revolution an den Wahlurnen zunächst aus. Ein monolithischer Block von Frauenstimmen existierte offensichtlich nur in der Fantasie männlicher Chauvinisten, nicht aber in der politischen Wirklichkeit. Und schon gar nicht traten Frauen als leicht zu verführende Revoluzzerinnen in Erscheinung.

Weiblicher Linkstrend begann in den 1980ern

Wählerinnen neigten vielmehr eher in Richtung konservativ - und zwar quer durch die Gesellschaften. Dieser als „traditioneller Gender Gap“ bezeichnete Umstand ist aus der Lebenswirklichkeit der Zeit erklärlich. Im Durchschnitt hatten Frauen eine niedrigere Erwerbsquote, standen den Kirchen näher und hatten allzu häufig nur Zugang zu kürzeren Bildungswegen. Die Neigung endete erst in den 1980er Jahren im Zuge eines Wertewandels, der auch die Bindungskraft politischer Parteien abschwächte. Überspitzt formuliert, entdeckten viele Frauen die Linke – ein Trend, den Forscher als „modernen Gender Gap“ bezeichnen.

Zu den Ursachen hat die Politikwissenschaft bislang kaum eindeutige Erkenntnisse. Nicht nur weil Generalisierungen mit Vorsicht zu genießen sind, sondern auch weil der Trend nicht global einheitlich verläuft. So scheint der moderne Gender Gap etwa in Indien, der größten Demokratie der Welt, kaum in Erscheinung zu treten. Dort belief sich der parteipolitische Unterschied zwischen den Geschlechtern in den letzten beiden zurückliegenden Wahlen auf gerade mal drei Prozent - und auch das nur bezogen auf eine einzige Partei. Angesichts der Diskriminierung von Frauen auf dem Subkontinent scheint das zunächst paradox. Weshalb fällt der Gender Gap in Auckland und Vancouver stärker aus als in Neu-Delhi und Mumbai?

Werteorientierungen wichtiger als sozialer Background

Plausibel scheint die Erklärung, dass Geschlechteridentitäten in dem Maße wahlrelevant werden, in dem identitätspolitische Fragen die Debatte bestimmen. Denn dabei treten traditionelle Bruchlinien wie Klasse oder Einkommen in den Hintergrund. „Für die moderne Geschlechterlücke“, meint etwa die Luzerner Politikwissenschaftlerin Gesine Fuchs, „sind Unterschiede in den Wertorientierungen wichtiger, insbesondere zu postmaterialistischen Einstellungen und Forderungen der Frauenbewegung.“

Genau diese Entwicklung aber gleicht einem Großtrend in westlichen Demokratien. So diagnostiziert etwa der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama eine fundamentale „Reorientierung der politischen Polarisierungsachse“ mit massiven Auswirkungen auf demokratische Systeme. Während Politik im 20. Jahrhundert durch den Gegensatz zwischen links und rechts ökonomisch definiert wurde, verschiebe sich diese Achse nun in Richtung Identitätspolitik. Dieser Prozess sei umso ausgeprägter, je mehr sich Gruppen ihrer Marginalisierung bewusst würden. Das nicht zuletzt, weil die Polarisierung entlang der Trennlinie zwischen den Geschlechtern von Trump, Bolsonaro & Co bewusst befeuert wird. In der Konsequenz, so etwa Thomas B. Edsall, Kolumnist der „New York Times“, entwickelten sich Wahlen zu „sexualisierten Schlachtfeldern“.

Schwierige Aufgabe für Volksparteien

Dieser Befund mag übertrieben sein, doch für die Stabilität der Demokratie ist diese Entwicklung zweischneidig. Dass gesellschaftliche Gruppen ihre Interessen fokussiert formulieren ist sicher kein Manko. Problematisch ist der wachsende Gender Gap allerdings für Parteien, die vom Anspruch her breite Bevölkerungsschichten ansprechen wollen. So stehen insbesondere die Volksparteien vor der Aufgabe, überzeugende politische Antworten zu formulieren, damit der Grundsatz des Grundgesetzes auch in Zukunft Bestand hat.

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