Klimapolitik? Reden wir auch über das Bevölkerungswachstum!

Weil die extreme Rechte das Thema Bevölkerungswachstum ideologisch besetzt hat, traut sich niemand, darüber zu reden. So entsteht eine gefährlich Leerstelle in der Klimadebatte.

In der aktuellen Marvel-Erfolgsserie Avengers vernichtet der Ultra-Bösewicht Thanos vom Planeten Titan mit einem Fingerschnippen die Hälfte alles Lebens im Universum. Sein Ziel: Ein Gleichgewicht ohne Überbevölkerung und Ressourcenknappheit. Als ihm seine eigene Tochter bei diesem Unterfangen in die Quere kommt, stürzt er sie kurzerhand in einen Abgrund.

Über Überbevölkerung zu sprechen, gilt als tabu, weil die extreme Rechte das Thema nutzt

Der Hollywood-Blockbuster zeigt: Mit Sorgen um das Bevölkerungswachstum befindet man sich, gelinde gesagt, nicht immer in moralisch einwandfreier Gesellschaft. Raunte nicht auch Björn Höcke vom "afrikanischen Ausbreitungstypen"? Clemens Tönnies, Unternehmer und Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04, wurde scharf kritisiert, weil er öffentlich gesagt hatte, statt den Klimawandel mit Steuererhöhungen zu bekämpfen, solle man lieber Kraftwerke in Afrika finanzieren. „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren“, so Tönnies.

Das Thematisieren von Überbevölkerung ist heute meist mit einer politischen Verortung weit Rechts verbunden. Das aber nicht zuletzt, weil das Thema in der progressiven Klimadebatte derzeit nicht einmal eine Nebenrolle spielt.

Im aktuellen Bestseller der deutschen Klimaaktivisten Luisa Neubauer und Alexander Repenning („Vom Ende der Klimakrise“) etwa findet sich zum Bevölkerungswachstum auf rund 300 Seiten kaum mehr als ein Nebensatz. Und das Handbuch der „Extinction Rebellion“ diskutiert zwar Kolonialismus, veganes Kochen, Massentierhaltung und den „direkten Zusammenhang zwischen queerer Politik und Ökozid“ – nicht aber die Frage der Bevölkerungsentwicklung - und das obwohl die „ökologische Grenze der Erde“ betont wird.  Auch das Pariser Klimaabkommen schweigt zum Thema und in den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen findet es sich nicht unter den 17 Prioritäten. Selbst in den Programmen umweltbewusster deutscher Parteien sucht man vergeblich nach umfassenden Stellungnahmen. Der im März in Berlin vorgestellte „Zwischenbericht zum neuen Grundsatzprogramm“ der Grünen zum Beispiel erwähnt zwar „bald zehn Milliarden Menschen“ als absolute Größe, bleibt ansonsten aber vage. Und im Grundsatzprogramm der Sozialdemokraten findet sich im Wesentlichen lediglich der Hinweis auf problematische Konsequenzen, „wenn bald neun Milliarden Menschen so wirtschaften und konsumieren, wie wir im reichen Teil der Welt es bisher tun“.

In der Klimadebatte entsteht eine Leerstelle, wenn nicht über das Bevölkerungswachstum gesprochen wird

Wie merkwürdig diese Leerstelle ist, wird in einem klugen aktuellen Essay des Berliner Philosophen Leander Scholz deutlich. Er setzt sich unter dem Titel „Die Menge der Menschen“ mit der Genese der bevölkerungspolitischen Debatte auseinander und weist nach, dass die ökologische Debatte ursprünglich selbst aus einer demographischen Diskussion hervorgegangen ist.

Tatsächlich: Noch vor nicht allzu langer Zeit war das Thema in aller Munde. Werke wie „Die Bevölkerungsbombe“ des Stanford Professors Paul R. Ehrlich erschienen Ende der sechziger Jahre in einer Millionenauflage. In den Siebzigern prägte der Club of Rome mit „Die Grenzen des Wachstums“ die Debatte und noch 1992 warnte US-Vizepräsident Al Gore: „Kein Ziel ist wichtiger, als die Stabilisierung der menschlichen Bevölkerung.“

Auch die Programme fortschrittlicher Parteien positionierten sich anders. So mahnten die Sozialdemokraten 1989: „Je bedrückender das Elend, desto stürmischer das Bevölkerungswachstum, desto rascher die Zerstörung der Natur“. Und die Grünen wiesen noch 2002 eindringlich darauf hin, dass „anhaltendes Bevölkerungswachstum in einem bedrohlichen Raubbau an der Natur“ mündet.

Das heute so laute Schweigen zum Thema wäre erklärlich, wenn in der Öffentlichkeit Gleichgültigkeit oder in den vorliegenden Daten eine Lösung des Problems zu beobachten wäre. Doch beides ist nicht der Fall.

Eine Umfrage in zehn Ländern zeigt: Eine Mehrheit der Menschen fürchtet das Bevölkerungswachstum

Nach einer Umfrage der schwedischen Global Challenges Foundation aus dem vergangenen Jahr betrachtet eine deutliche Mehrheit in zehn Ländern des globalen Nordens und Südens Bevölkerungswachstum als „katastrophales Risiko“.

Und ein Blick auf die Daten gibt ebenfalls kaum Entwarnung. Zwar ist richtig, dass wirklich apokalyptische Vorhersagen bislang nicht eingetreten sind, denn die Weltbevölkerung wächst längst nicht mehr exponentiell. Doch die Vereinten Nationen gehen nach wie vor von einem Anstieg der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf 9,7 Milliarden Menschen aus. Das wäre ein Plus von rund zwei Milliarden – hauptsächlich in Sub-Sahara-Afrika und in Teilen Asiens.

Über die Interpretation dieser Prognosen ist ein unterschwelliger, aber umso erbitterter Kampf ausgebrochen. Manch einem dienen sie als Beleg, dass jede Verhaltensänderung im industrialisierten Norden von der Zunahme der Bevölkerung im Süden ausgehebelt würde. „Wir weniger fliegen? Sollen doch die Afrikaner weniger Kinder in die Welt setzen!“ – eine Argumentation, die die entscheidende Rolle und die ungleiche Verteilung des CO2-Ausstoßes pro Kopf völlig unberücksichtigt lässt.

Elf Milliarden ließen sich verkraften, meinen manche - wenn wir klimafreundlicher leben

Für andere hingegen liefern die Daten eher ermutigende Botschaften. Das langfristig erhoffte Einpendeln der Weltbevölkerung bei rund elf Milliarden, das die UN immerhin für möglich halten, ließe sich verkraften – so meinen sie. Nur müsste die Menschheit eben endlich klimafreundlicher leben.

Doch unabhängig von der Frage, wie realistisch ein solcher Wandel der menschlichen Lebensgewohnheiten weltweit ist, dürfte diese Sicht die Auswirkungen auch einer begrenzten Bevölkerungszunahme unterschätzen. Auch nachhaltiger wirtschaftende zwei Milliarden zusätzliche Menschen benötigen schließlich Ressourcen und Raum, der schon heute knapp ist.

Verschärfend kommt hinzu, dass die Prognosen nicht immer verlässlich sind, sondern in der Vergangenheit häufiger daneben lagen. In den 1980er Jahren etwa befürchteten die Vereinten Nationen einen massiven Bevölkerungszuwachs in Lateinamerika, der dann niemals eintraf. Zugleich wurde die Entwicklung in Afrika massiv unterschätzt.

Das Problem Überbevölkerung ist nicht so umfassend gelöst, dass sich eine Debatte erübrigt

Die Unsicherheit zeigt: Das Problem Überbevölkerung ist nicht so umfassend gelöst, dass sich eine Debatte erübrigt. Und die Tatsache, dass Intensität und Seriosität der Diskussion in dem Maße abnehmen, wie die Bevölkerungszahlen steigen, ist alles andere als hilfreich.

Wobei Diskussionen unter Experten durchaus stattfinden. Vom 12. bis 14. November etwa begehen die Vereinten Nationen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi das 25-jährige Jubiläum der International Conference on Population and Development. Vor einem Vierteljahrhundert hatte sich die Weltgemeinschaft in Kairo auf ein gemeinsames Vorgehen in Sachen Bevölkerungswachstum verständigt.

Damals wurde das Thema erstmals nicht als ethisch fragwürdiger staatlicher Kontrollversuch von oben diskutiert, sondern als Frage spezifischer sexueller und reproduktiver Rechte insbesondere von Frauen. Die Überlegung: Das Wachstum von Bevölkerungen nimmt ab, sobald Frauen über die Zahl ihrer Kinder tatsächlich frei entscheiden können.

Dieser Ansatz scheint moralisch alternativlos. Doch was damals auch als Ausweg aus einem ethischen Dilemma erdacht wurde, wird heute erneut ideologisch aufgeladen. Nicht zuletzt die extreme Rechte in den USA unter Donald Trump läuft ganz grundsätzlich gegen Familienplanung Sturm - in und außerhalb der Vereinigten Staaten.

Auch deshalb ist klar, dass eine nüchterne öffentliche Diskussion über die Chancen und Risiken der Bevölkerungsentwicklung entscheidend ist. Aus diesem Grund erwähnt der immer wieder zitierte Bericht des Weltklimarats bewusst nicht nur die Bedeutung des Wirtschaftswachstums, sondern auch das der Bevölkerungsentwicklung.

Gerade vor dem Hintergrund der möglichen Instrumentalisierung durch radikale Kräfte ist deshalb zu hoffen, dass sich verantwortungsvolle Politik sachlich mit dem Thema befasst und es eben nicht den Extremen überlässt – egal ob sie Björn Höcke heißen oder Thanos von Titan.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Rolf-Jürgen Czerny
    Eine richtig gute Kolumne, die jedoch einige wichtige Dinge unbeleuchtet lässt:
    So ist zum Einen China mit seiner 1-Kind-Politik, die seit den siebziger Jahren dort propagiert und mehr oder weniger durchgeführt wird. Diese Art der Regulierung des Bevölkerungswachstum hat innerhalb des Landes riesige Ungleichheiten mit sich gebracht. Eines der Probleme ist die fehlende Altenversorgung, die in der Großfamilie aufgefangen wurde. Es gibt dadurch auch noch große moralisch/ethische Probleme innerhalb der dortigen Gesellschaft.
    Zum Anderen verhindert die verhängnisvolle Kirchenpolitik in vielen Ländern eine geregelte Familienplanung. Offensichtlich traut sich weder eine Weltorganisation noch die Führung einzelner Staaten, wenn sie überhaupt willens ist hier eine Diskussion zur Veränderung zu treffen, an die "moralische Institution" Kirche heran.
    Eine weltweite Regelung des Bevölkerungsproblems - und damit auch der gesamten Umweltproblematik - kann erfolgreich nur sein, wenn umgehende sinnvolle und weltweite Aktivitäten eingeleitet werden.
    Da dürfte in erster Linie die UNO mit all ihren operativen Nebenorganisationen gefragt sein.
    Echte positive sind mit ihren Auswirkungen nur langfristig in Generationsschritten machbar und erkennbar.