Die Coronamaßnahmen brauchen Zweifler

Sind die Corona-Maßnahmen alternativlos? Nein, meint unser Autor. Die Politik muss Widerspruch zulassen - um der wachsenden Skepsis zu begegnen.

In kirchenrechtlichen Heiligsprechungen setzte die römisch-katholische Kurie über Jahrhunderte nicht nur auf Inspiration durch den Heiligen Geist, sondern auch auf die Stimme des Teufels.

Bevor ein Verstorbener „zur Förderung des christlichen Lebens“ in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen wurde, musste einem skeptischen Kirchenanwalt als Advocatus Diaboli die Gelegenheit gegeben werden, sämtliche Argumente gegen eine Heiligsprechung ins Feld zu führen. Der „Anwalt des Teufels“ sollte die Kirche vor schwerwiegenden Fehlentscheidungen bewahren – denn die Kanonisation ist unumkehrbar.

Die Coronapolitik braucht einen Advocatus Diaboli

Ein formalisierter Schutz gegen gravierende Fehlurteile: Gerade in Zeiten der Pandemie würde die Politik weltweit von einer solchen Absicherung profitieren. Denn unter Bedingungen der totalen Vernetzung benötigen ausgewogene Entscheidungen den Abgleich mit wohlwollendem Zweifel, um nicht vorschnell den Versuchungen des Gruppendenkens zu erliegen.

Bislang erscheint der Verlauf der Coronakrise fast als eine einzige Abfolge von Kehrtwenden. Gesichtsmasken, Schulschließungen, Grenzschließungen: Zentrale Aspekte der Virusbekämpfung wurden vielerorts zunächst fast einhellig abgelehnt, nur um kurze Zeit später ebenso einmütig als alternativlose Gewissheiten zu gelten. Für Kritik blieb kaum Raum: Zumindest in Deutschland fürchteten selbst Virusexperten das Vorbringen abweichender Meinungen, wie eine Umfrage Anfang Mai belegte.

Zuvor hatte die Politik die Bedrohung durch eine mögliche Pandemie nicht wahrgenommen, obwohl es mit Ebola, Sars und Mers seit Jahren Vorboten gab. Warnungen aus der Wissenschaft blieben marginalisiert und fanden an entscheidenden Stellen kein Gehör. Für den Herausgeber der führenden medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ stellt dies das „größte globale Versagen der Wissenschaftspolitik in dieser Generation“ dar.

Die Bedrohung aus Wuhan wurde zunächst ignoriert

Selbst nach deutlichen Hinweisen auf eine ernsthafte Bedrohung aus Wuhan setzten Entscheidungsträger weltweit zunächst fast unisono auf business as usual. Ende Januar – als chinesische Behörden bereits mehrere hundert Fälle gemeldet und die Verantwortlichen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) längst ein Notfallkomitee zur Einstufung der Bedrohung als „gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“ ins Leben gerufen hatten, wiegelten maßgebliche Stimmen unbeirrt ab.

So versicherte etwa der Bundesgesundheitsminister, es bestehe „kein Anlass zur Unruhe oder unnötigem Alarmismus“. Damit befand er sich zwar inhaltlich auf einem Irrweg, doch international in bester Gesellschaft – nicht nur in Europa, sondern auch in den USA.

Noch Ende Januar sprach der heute so gelobte US-Chefberater Anthony Fauci von einem „sehr, sehr niedrigen Risiko für die Vereinigten Staaten“. Das neuartige Virus sei „nichts, worüber sich die amerikanische Öffentlichkeit Sorgen machen“ müsse. Ganz zu schweigen vom Leugnen jeder Gefahr durch den US-Präsidenten.

Diese Phase der Beschwichtigung kippte bekanntlich fast über Nacht ins andere Extrem. Ende Februar entwickelten sich Formeln wie „Flattening the Curve“ und „Soziale Distanzierung“ in rasender Geschwindigkeit zu weitgehend unhinterfragten globalen Antworten auf das Virus.

Nach dem Ignorieren schwenkten alle Regierungen einmütig um

Die Suchmaschinenanalyse Google Trends veranschaulicht wie die Konjunktur der Begriffe Anfang März weltweit innerhalb weniger Tage exponentiell anstieg. Die politische Antwort auf das Virus breitete sich augenscheinlich schneller aus, als die Krankheit selbst. 

Politisch folgte ein Dominoeffekt, in dem eine Regierung nach der anderen Ausgangssperren und soziale Distanz verordnete – und zwar zum Teil unabhängig von der Frage nach der tatsächlichen Umsetzbarkeit.

Mit wirklichem Rechtfertigungsdruck hatte dabei angesichts weltweiter Verunsicherung zunächst kaum eine Regierung zu rechnen. Im Gegenteil: Sie profitierten von einem einzigartigen Vertrauensgewinn und von je eigenen Versionen eines politischen Burgfriedens im „Krieg gegen das Virus“.

Entscheidungen wurden als unstrittige Umsetzung wissenschaftlicher Objektivität dargestellt

Gestützt wurde der Popularitätszuwachs auch dadurch, dass Entscheidungen vielerorts nicht als Politik dargestellt wurden, sondern als unstrittige Umsetzung wissenschaftlicher Objektivität. Bezeichnend hierfür war in den USA etwa das Bekenntnis des Gouverneurs von Kalifornien der wohl auch in bewusster Abgrenzung zu Donald Trump immer wieder betonte, „Wissenschaft, nicht die Politik weise den Weg“.

Kritik gegen die verhängten Maßnahmen blieb vereinzelt und verfügte kaum über politische Resonanzkörper – öffentliche Versammlungen fanden schließlich nicht statt. Insbesondere die Parlamente wurden als gesellschaftliche Transmissionsriemen von Widerspruch empfindlich geschwächt. Eine Aufstellung der Interparlamentarischen Union zu den Reaktionsmustern auf sechs Kontinenten illustriert den Umfang der parlamentarischen Corona-Auszeit. Das Spektrum reicht dabei von zusammengestrichenen Sitzungskalendern und ausgedünnten Fraktionen bis hin zur nahezu vollständig eingestellten parlamentarischen Arbeit.

Radikaler Widerspruch jedoch suchte sich alternative Kanäle: Von Indien und Südafrika über die USA, Kanada, Australien und nicht zuletzt in Deutschland entstand eine Welle von Corona-Protesten, die auch in diesen Tagen anhält.

Nicht nur in der deutschen Debatte werden diese Gegenstimmen derzeit meist als irrationale Exzentrik, wenn nicht gar als gefährliche Irrwege abgetan. Und tatsächlich verfügt manch ein Protestler augenscheinlich über einen ganz eigenen – und fragwürdigen – Zugang zur Realität.

Die Skepsis gegenüber der Pandemiebekämpfung ist ein globales Phänomen

Doch Abstrusitäten sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Skepsis gegenüber der praktizierten Pandemiebekämpfung mittlerweile zu einem globalen Phänomen entwickelt hat. Die Kritik wird dabei zwar vom radikalen Rand aufgegriffen und instrumentalisiert, doch bei weitem nicht nur von diesem getragen.

Eine aktuelle Umfrage des Edelman Vertrauensbarometers in elf Ländern belegt vielmehr, dass weltweit 24 bis 44 Prozent der Menschen einen grundlegend anderen Umgang mit der Pandemie anstreben – gerade in Anbetracht der ökonomischen Konsequenzen der Lockdowns.

Dieser Art von Widerspruch sollte die Politik nicht durch Stigmatisierung radikalisieren, sondern durch Einbeziehung beantworten. Denn das Abbilden abweichender Meinungen ist nicht nur demokratietheoretisch angemessen, sondern auch grundsätzlich empfehlenswert – gerade in Zeiten, in denen angesichts der nach wie vor bestehenden Unsicherheiten mit Covid-19 keine Seite über absolute Gewissheiten verfügt.

Je breiter die Inklusion auch abweichender Stimmen in der Debatte, desto umsichtiger meist die getroffenen Entscheidungen. Diversität nicht Homogenität führt zu politischer Qualität. Erst sie verhindert den verhängnisvollen Tunnelblick.

Frauen machen sich als Entscheiderinnen besser

Nicht zuletzt die aktuell überdurchschnittlich gute Performance weiblicher Regierungschefinnen im Umgang mit Corona etwa in Neuseeland, Taiwan, der Slowakei und auch in Deutschland bestärkt dieses Prinzip.

Sicher sind Frauen nicht per se bessere Entscheiderinnen. Und längst nicht jede weiblich geführte Regierung segelt derzeit reibungslos durch die Krise, wie nicht zuletzt in Belgien zu beobachten ist.

Doch die Tatsache, dass gerade Gesellschaften mit Frauen in Führungspersonen bislang verhältnismäßig gut durch die Krise kommen, zeigt, dass politische Systeme die grundsätzlich offener sind für Diversität, zu langfristig besseren Entscheidungen neigen.

Frauen, so formuliert deshalb etwa die US-Zeitschrift The Atlantic, sind daher „nicht Ursache, sondern Symptom“ guter Regierungsführung. Das aber gilt nicht nur für die Einbeziehung von Frauen und Minderheiten, sondern auch für politisch-ideologischen Dissens.

Die Idee hinter dem Advocatus Diaboli wird somit zwar ausgerechnet durch eine Lektion in Sachen Gleichberechtigung bestätigt, der sich die katholische Kirche selbst nach wie vor verweigert. Der Sinnhaftigkeit von grundsätzlichem Zweifel in der Politik tut das jedoch keinen Abbruch.

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