Auf die Virus-Krise reagiert die Weltgemeinschaft mit historisch einmalig enger Zusammenarbeit

Covid-19 bringt massive Herausforderungen mit sich. Kooperation ist das Gebot der Stunde. Die Weltgesundheitsorganisation, die Weltbank und der Internationale Währungsfond gehen als gutes Beispiel voran.

Wenn es nach der allgemeinen Stimmungslage in Zeiten des Coronavirus geht, stehen wir kurz vor dem Weltuntergang. Supermärkte werden leergekauft, auf sozialen Medien kursieren Verschwörungstheorien und in der Boulevardpresse beherrschen „Killerviren“ die Schlagzeilen. Diese Erzählung funktioniert, weil sie seit Jahren durch einschlägige Hollywood- und Netflix-Blockbuster allgegenwärtig ist, die das Totalversagen staatlicher Autoritäten detailreich in Szene setzen. Regierungen? In den populären Untergangsphantasien fallen die stets schon im Vorspann wie Kartenhäuser in sich zusammen. Erst der Virus, dann das Chaos.

Staatliche Handlungsbereitschaft eher gestärkt als geschwächt

Covid-19 stellt Staaten vor massive Herausforderungen. Nach allem, was wir wissen, handelt es sich um eine sehr ernsthafte Erkrankung, die gerade für ältere Menschen lebensbedrohlich verlaufen kann. Die Kosten der Behandlungen und der ökonomische Schaden dürften in die Hunderte von Milliarden gehen. Doch klar ist auch: Trotz dieser Herausforderung ist bislang kaum eine Regierung zur rücksichtslosen Devise „Rette sich wer kann“ übergegangen. Zwar untersagte die Bundesregierung den Export von Atemmasken und verschiedene Länder verhängten Reisebeschränkungen. Doch einseitige Schritte sind bislang eher selten. Auf das Virus antwortet die Weltgemeinschaft vielmehr mit historisch einmalig enger Zusammenarbeit. Vom Zusammenbruch ganzer Staaten wie in den einschlägigen Endzeitvisionen herbeifabuliert, kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Bislang hat der Ausbruch staatliche Handlungsbereitschaft eher gestärkt als geschwächt. Auf die Krankheit folgt nicht das Ende der öffentlichen Ordnung, sondern ein noch stärkerer Staat – mancherorts womöglich ein allzu starker Staat, wie manch ein Kritiker meint.

Deutlichstes Beispiel ist das Vorgehen der chinesischen Regierung, die auf die Krise mit nie dagewesenen Quarantäne-Bestimmungen regiert hat. Dieses harte Vorgehen dürfte der Welt entscheidende Wochen Zeitgewinn verschafft haben – das lobt nicht zuletzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Doch Tatsache ist auch, dass das staatliche chinesische Eingreifen keinen Einzelfall darstellt. Auch Japan und Italien haben unverzüglich mit drastischen Maßnahmen reagiert – bis hin zur temporären Schließung ihrer Schulsysteme. Die saudischen Behörden untersagen Pilgerfahrten in die heiligen Städte und weltweit empfehlen Regierungen die Verschiebung von Großveranstaltungen. Sicher muss man fragen, inwiefern technisch Mögliches auch ethisch vertretbar und vor allem sinnvoll ist. Im Hintergrund lauert stets die Frage nach der Verhältnismäßigkeit und der Balance von Sicherheit und Freiheit. Doch klar wird: Regierungen sind alles – aber keine ohnmächtigen Beobachter.

Auch das internationale Staatensystem zeigt sich handlungsfähig. Sicher läuft längst nicht alles reibungslos – nicht zuletzt die Informationspolitik manch einer Regierung scheint eher dem Wunschdenken als der Realität verpflichtet zu sein. Das aber könnte sich langfristig als zeitlich begrenztes Problem herausstellen. Gerade zu Beginn einer Epidemie mag es Regierungen so scheinen, als sei ein offener Umgang mit der Zahl der Infizierten und Toten mit Folgekosten verbunden – etwa weil andere Staaten Reisen in das betroffene Land beschränken und es zu Einbußen beim Handel kommt. Wenn aber ein Ausbruch pandemische Züge annimmt, geht der Grenznutzen staatlicher Beschönigungsversuche fast automatisch zurück. Ist das Virus erst weit verbreitet, profitiert kein Staat langfristig von gesundheitspolitischen potemkinschen Dörfern der Gesundheit.

Auch deshalb hat die Weltgemeinschaft auf Covid-19 durchaus entschlossen und zügig reagiert. Ende Januar verkündete die Weltgesundheitsorganisation eine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ – eine der ersten Eskalationsstufen, die der Behörde zur Verfügung steht.

Finanzielle Unterstützung und weltweite Vernetzung

Nur Tage später hob die Organisation einen „Preparedness and Response Plan“ aus der Taufe, mit dem besonders anfällige Staaten bis Ende April mit 675 Millionen Dollar unterstützt werden sollen. Noch in derselben Woche begannen Staaten, der WHO Finanzmittel für die Virusbekämpfung zur Verfügung zu stellen – die Vereinigten Staaten durch 100 Millionen Dollar, die Europäische Union mit 114 Millionen Euro. Diese Finanzierung auch langfristig sicherzustellen, wird eine der Hauptaufgaben der kommenden Monate sein.

Parallel begann die WHO unverzüglich, Akteure weltweit zu vernetzen, um eine medizinische Antwort auf das Virus anzugehen. Anfang Februar lud die Organisation 300 Gesundheitsfachleute nach Genf, um in einem zweitägigen „Research and Innovation Forum“ einen international abgestimmten Forschungsfahrplan aufzustellen. Im Februar reiste eine multinationale Delegation der WHO nach China, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Diese Schritte sind Bausteine einer beispiellosen grenzüberschreitenden wissenschaftlichen Kooperation, die von den Erfahrungen der Ebola-Krise des Jahres 2014 profitiert. Weltweit publizieren wissenschaftliche Journale Ergebnisse der Corona-Forschung unentgeltlich und ermöglichen so den Austausch von Informationen nahezu in Echtzeit. Das ehrwürdige New England Journal of Medicine etwa begutachtete, editierte und veröffentlichte eine relevante Coronastudie zuletzt binnen 48 Stunden – ein Geschwindigkeitsrekord. Die Forschung nutzt heute soziale Medien und Webseiten und kann sich so viel schneller und umfassender austauschen. Das Wissenschaftsmagazin Science spricht deshalb schon von einem Quantensprung und einer „völlig neuen Kultur der wissenschaftlichen Arbeit“.

Auch beim Geld funktioniert die internationale Zusammenarbeit. Erst diese Woche verkündeten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds einen Notfallfonds für ärmere Mitgliedstaaten in Milliardenhöhe, „um die tragischen Folgen von Covid-19 zu reduzieren“. Die Gruppe der sieben großen Industriestaaten G-7 erklärte am Dienstag ihre Bereitschaft, wirtschaftliche Folgen der Corona-Krise durch staatliche Hilfe und Konjunkturprogramme zu reduzieren.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt dabei, dass internationale Kooperation in Sachen Gesundheit keine Seltenheit darstellt. Schon im Jahre 1851 entsandten europäische Staaten Vertreter zur „Ersten Internationalen Gesundheitskonferenz“ in Paris, in der erstmals Quarantänevorschriften gegen die Ausbreitung von Pest und Cholera erarbeitet wurden. Die Gründung der Weltgesundheitsorganisation 1948 lässt sich auch auf diese Vorläufer zurückführen. Die Bekämpfung von Krankheiten war von jeher ein vielversprechendes Feld der internationalen Kooperation. Der Ausbruch des neuartigen Coronavirus zeigt zumindest bislang, dass die Herausforderung durch mikroskopisch kleine Erreger auf globaler Ebene eben nicht zu panischen Einzelgängen, sondern eher zu größtmöglicher Zusammenarbeit geführt hat. Die Staatengemeinschaft als ohnmächtiges Kartenhaus: Diese Apokalypse jedenfalls dürfte auch in Zeiten des Coronavirus auf Hollywood und Netflix begrenzt bleiben.

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