Sucht die Auseinandersetzung! – Der Katholikentag und die AfD

Der anstehende Katholikentag lädt mit dem kirchenpolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion Volker Münz einen Vertreter einer für Rechtsradikalismus offenen Partei ein. Das ist heikel, aber genau der richtige Weg, AfD-Gedankengut zu entkräften, sofern man gut vorbereitet ist.

Der Mai ist da, der Wonnemonat, doch sonderlich wonnig zumute ist es denjenigen, die sich mit einem bestimmten Podium auf dem anstehenden Katholikentag in Münster beschäftigen, derzeit eher nicht. Vom 9. bis zum 13. Mai findet das alle zwei Jahre angesetzte Laientreffen der hiesigen Katholiken statt.

Ein Podium, welches für den 12. Mai angekündigt ist, sorgt seit Wochen für kontroverse Reaktionen. „Nun sag', wie hast du's mit der Religion? - Die Haltung der Bundestagsparteien zu Kirche und Religion in Staat und Gesellschaft“ lautet der Titel. Anlass für die Empörung vieler ist der Umstand, dass der AfD-Bundestagsabgeordnete Volker Münz einer der Teilnehmer sein wird. Münz ist in seiner Funktion als kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion eingeladen. Mit ihm diskutieren werden Karlheinz Busen (Mitglied der FDP-Bundestagsfraktion), die Bundestagsabgeordneten Kerstin Griese (Sprecherin des Arbeitskreises der Christinnen und Christen in der SPD), Christian Hirte (Vorsitzender des Kardinal-Höffner-Kreises in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion), Christine Buchholz (religionspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke) sowie Bettina Jarasch, die religionspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.

Eine ähnliche Kontroverse gab es im Vorfeld des Evangelischen Kirchentags im vergangenen Jahr. Anlass damals: Eine Diskussion mit der zu dieser Zeit noch amtierenden Bundeskoordinatorin der „Christen in der AfD“, Anette Schultner, Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sowie der Verfasserin dieses Artikels in der Berliner Sophienkirche. Inhaltlich ging es auf dem Podium um die Frage, ob man zugleich Christ und Mitglied in einer Partei wie der AfD sein. Ein Jahr zuvor hatte der Katholikentag, der damals in Leipzig stattfand, noch jede Teilnahme von AfD-Politikern kategorisch ausgeschlossen.

Warum Volker Münz eingeladen wurde

Der Katholikentag ist ein Laientreffen, er wird vom „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ (ZdK) organisiert. Dessen Präsident Thomas Sternberg begründete die Teilnahme von Münz damit, dass alle kirchen- oder religionspolitischen Sprecher der im Bundestag vertretenen Parteien eingeladen worden seien, betonte aber zugleich, dass die AfD mittlerweile eine „Häutung zum Rechtsradikalismus“ vollziehe.

Nachdem bereits der „Bund der Deutschen Katholischen Jugend“ (BDKJ aufgrund der – fraglos manifesten – fortschreitenden Radikalisierung der AfD die Nichtteilnahme von Münz gefordert hatte, initiierten Ende März insgesamt 47 Theologen einen Aufruf zur Ausladung der AfD und begründeten diesen damit, dass „Spitzenfunktionäre der AfD die Erinnerung an den Holocaust (verhöhnen) und den verbrecherischen Krieg der Wehrmacht (verklären)“. Gemeint damit sind zum einen die Forderung des Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ und sein Gerede von einer „dämlichen Bewältigungspolitik“. Beide Äußerungen waren Teil seiner berüchtigten Rede aus dem Januar 2017 in Dresden. Zum anderen beziehen sich die Theologen auf eine Behauptung von Alexander Gauland aus dem letzten September, derzufolge „wir“ nun „das Recht“ hätten, „stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Ohne jeden Zweifel sind das unerträgliche Äußerungen.

Fraglich aber ist und bleibt gerade auch im Lichte solcher Parolen, wie die Kirchen und, was den Katholikentag angeht, ihre Laien mit jenen Mitgliedern der AfD umgehen sollen, die wie Münz dezidiert als Christen auftreten. Bei der Betrachtung dieser Frage sollte man kühl bleiben und sich nicht von Emotionen leiten lassen.

Was ist mit der Ausgrenzung gewonnen?

Fakt ist, dass die AfD bei der letzten Bundestagswahl in Sachsen stärkste Partei war. Fakt ist auch, dass sie in den neuen Bundesländern vielfach fest verankert ist. Aber nicht nur dort. Auch im Westen hat sie längst viele Wählermilieus für sich gewinnen können, darunter viele fromme Christen, die schon lange den Kompass dafür verloren haben, wo konservatives Denken endet und wo rechtes Denken beginnt. Darüber ist inzwischen sogar die CSU ins Trudeln geraten, die sich, statt einen klaren liberal-konservativen Kurs zu zeigen, in Rhetorik und Taten immer stärker der AfD andient – offenbar aus Panik, bei der bayerischen Landtagswahl im Oktober die absolute Mehrheit nicht verteidigen zu können.

Man muss sich also wirklich sehr ernsthaft fragen, wie man mit der Infiltrierung des rechten Gedankenguts weit ins Bürgertum hinein umgehen soll. Dass es selbige gibt, ist nicht zuletzt angesichts der von Vera Lengsfeld initiierten „Erklärung 2018“ evident, welche selbst der neurechte Verleger Götz Kubitschek als „Opposition von rechts sogar im intellektuellen Establishment“ einordnet. Dieser Graubereich irgendwo zwischen rechtem Rand der Unionsparteien und der AfD ist, was das „Salonfähigwerden“ betrifft, sogar das größere Problem. Wer rechtes Gedankengut verbreitet, ohne AfD-Mitglied zu sein, hat es noch leichter, damit Anklang in jenem Teil des Bürgertums zu finden, das für Ressentiments offen ist.

Christen müssen die Auseinandersetzung mit der AfD suchen

Was heißt das nun für den Katholikentag? Im Grunde etwas an sich Einfaches, in der Praxis aber durchaus schwer Umsetzbares. Es muss aktuell darum gehen, gen rechts gedriftete Menschen, allen voran rechte Christen – es geht ja um den Katholikentag! – nicht einfach abzuschreiben. Man denke nur an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Natürlich kann man auf Podien unter sich bleiben, sich dabei unfassbar gut fühlen oder wie mancher Katholik in den sozialen Medien immer wieder die Ausladung von Münz fordern und dabei kaum Widerspruch dulden. Gewonnen ist damit allerdings gar nichts. Man fragt sich, ob solche Leute eigentlich jemals näher mit AfD-Mitgliedern und/oder AfD-Aussteigern gesprochen haben. Dann nämlich wüssten sie, dass die Totalausgrenzung die Radikalisierung vieler Menschen erst recht katalysiert.

Vor allem aber ist die öffentliche Diskussion mit AfD-Mitgliedern eine sehr gute Möglichkeit, genau diejenigen AfD-Sympathisanten und -Mitglieder zu erreichen, die noch irgendwie offen und bereit sind, Dinge zu hinterfragen. Wenn man hingegen unter sich bleibt und die AfD ausschließt, wird kein AfD-Anhänger zuhören oder, wenn doch, das Ganze womöglich als „Linksgrünversiffte unter sich“ verhöhnen.

Natürlich bewegt sich die öffentliche Diskussion mit AfD-Vertretern stets auf einem schmalen Grat. Leicht kann sie im Salonfähigmachen enden. Wichtig ist es, gut vorbereitet zu sein. Das ist gar nicht so schwierig. Die Verfasserin und Landesbischof Dröge hatten in der Berliner Sophienkirche ausgedruckte AfD-Zitate mit dabei und haben Anette Schultner damit konfrontiert. So sollte es auch mit Volker Münz auf dem Katholikentag laufen. Dabei, nota bene, muss allerdings immer die inhaltliche Konfrontation im Vordergrund stehen, also der Diskurs in der Sache. Ein Vorführen der Person verbietet sich, es ist strikt auf die Stärke des Arguments zu achten.

Konfrontiert Volker Münz mit seinen Worten und Taten

Ein Letztes. Namentlich zwei Umstände werden derzeit gegen die Podiumsteilnahme von Volker Münz vorgebracht. Zum einen der Umstand, dass er die „Erfurter Resolution“ unterzeichnet hat, welche im März 2015 von Björn Höcke und André Poggenburg initiiert wurde, um einen Kontrapunkt gegen Bernd Lucke zu richten. Dank der „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann und ihrem AfD-kritischen Buch „Angst für Deutschland“ weiß man inzwischen, dass der Text der „Erfurter Resolution maßgeblich“ von Götz Kubitschek geprägt wurde. Allerdings – und das erfährt man tatsächlich nur – wenn man mit gegenwärtigen oder Ex-AfD-Mitgliedern spricht, haben auch viele eher Gemäßigte die Resolution damals unterschrieben, weil ihnen der autoritäre Führungsstil von Bernd Lucke nicht passte, ohne zu erfassen, welch radikal rechte Rhetorik der Aufruf hatte.

Schwerer wiegt der Umstand, dass Volker Münz, wie der Tagesspiegel-Redakteur Matthias Meisner herausgefunden hat, aktiv in einer rechtsradikalen Facebook-Gruppe namens „Die Patrioten“ gepostet hat. Ein Dementi von ihm gab es nicht. Statt ihn deshalb vom Katholikentag auszuladen, sollte man ihn auf dem Podium damit offen konfrontieren. Ganz generell muss man viel häufiger die harte Auseinandersetzung mit AfD-Vertretern suchen, wie überhaupt mit Rechten oder nach rechts gedrifteten Konservativen. Dabei ist, das klang oben schon an, immer zwischen Haltung und Person unterscheiden, so dass man nicht persönlich werden darf.

Insofern ist das Podium in Münster auch eine gute Gelegenheit, Volker Münz auf seine Statements anzusprechen, die er vor ein paar Wochen im Interview mit der katholischen „Tagespost“ getätigt hat und die hier samt Fragestellung zitiert werden:

„Und wie bewerten Sie dann die Aussagen von Björn Höcke etwa über Afrikaner und zum Holocaust-Mahnmal? Oder jüngst von André Poggenburg am Politischen Aschermittwoch? Sind da nicht längst Grenzen zum Radikalismus überschritten worden? Die ehemalige Vorsitzende der „Christen in der AfD“, Anette Schultner, ist wegen solchen Entwicklungen vor kurzem aus der Partei ausgetreten?

Ich missbillige das, was Höcke gesagt hat. Aber trotzdem ist aus meiner Sicht Höcke kein Antisemit oder Rassist. Auch Wolfgang Gedeon, dessen Position ich ebenfalls nicht teile, ist aus meiner Sicht ein Israel-Kritiker, aber kein Antisemit.“

Warum sollte nicht gerade ein Katholikentag diese Chance zur Nachfrage nutzen? Man sollte ihn also fragen, wie er die angesprochene Äußerung von Höcke zum Reproduktionsverhalten von Afrikanern konkret einordnet und warum bestimmte Äußerungen von Wolfgang Gedeon aus seiner Sicht lediglich „Israel-Kritik“ seien. Es geht ja nicht, wie es bei Münz aber klingt, um eine Gesamteinordnung von Björn Höcke oder Wolfgang Gedeon, sondern um die Bewertung ganz konkreter Äußerungen beider. Also: Sucht die Auseinandersetzung, liebe Mitchristen!

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