Schulz-Story: Der Mensch hinter dem geglätteten Politiker

Eine "Spiegel"-Reportage dokumentiert den Wahlkampf von Martin Schulz und lässt ihn verwundbar und teilweise resigniert erscheinen. Es ist ein Zeichen von Menschlichkeit und gegen die Überinszenierung, die der Politik die Glaubwürdigkeit raubt.

Martin Schulz hat sich auf ein gewagtes Experiment eingelassen. 150 Tage lang durfte ihn Markus Feldenkirchen, Co-Koordinator des Meinungs-Ressorts  beim „Spiegel“, als Reporter während des zurückliegenden Bundestagswahlkampfs begleiten. 150 Tage lang, das sind rund 21 Wochen oder knapp fünf Monate. Feldenkirchen hatte exklusiven Zugang in das, wie er es nennt, „Innere der Kampagne“. Er war bei insgesamt rund 50 Terminen mit dabei, darunter, wie er in einem Video sagt, bei „Vorbereitungen auf Reden, die Vorbereitung des TV-Duells, unzähligen, auch internen Sitzungen in der Parteizentrale“, bei denen über die „großen Linien des Wahlkampfes“ geredet wurde, aber auch „über das kurzfristige Reagieren auf Nachrichten in den Zeitungen“ und das „Reagieren auf die Kampagne des Gegners“.

Herausgekommen ist ein bemerkenswertes Stück Journalismus, eine Titelstory über 17 (!) Seiten, überschrieben mit „Mannomannomann“, einem auf der Wahlkampftour immer wieder vorkommenden Ausspruch von Schulz, irgendwo zwischen Seufzen, Resignation und Wut angesiedelt.

Schulz‘ Wahlkampftour endete bekanntlich in einem Desaster für seine Partei: Gerade einmal 20,5 Prozent fuhr die SPD ein und damit ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik. Und das, obwohl Schulz‘ Wahlkampf so vielversprechend gestartet war. Vom „Schulzzug“ war anfangs die Rede, die Umfragewerte stiegen. Der Kandidat und seine Partei sprühten nur so vor Elan. Kurz: es lief wie geschmiert. Bis es rasant bergab ging. Martin Schulz‘ Höhenflug war, so Feldenkirchen, „ebenso einzigartig wie der spätere Absturz“. Der Reporter erzählt die „Geschichte eines Kandidaten, der auf der Strecke buchstäblich an Angela Merkel verzweifelte und an manchen Genossen ebenso“. Es sei „die Geschichte eines Mannes, der sich im Laufe des Wahlkampfs immer weiter von sich selbst entfernen ließ und der erst nach Schließung der Wahllokale zurück zu sich selbst fand“.

Liest man die 17 Seiten, so stockt einem bisweilen der Atem, so filterlos spricht einem Martin Schulz entgegen. Man hört fast seine Stimme, wenn man die Zeilen aufnimmt. Was ist davon zu halten? Ist das selbstmitleidiges Wehklagen? Nein. Denn als verfolgte Unschuld, die stets die anderen für alles verantwortlich macht, wirkt der Schulz aus der „Spiegel“-Reportage jedenfalls nicht. Feldenkirchen schreibt, dass Schulz „vieles selbstkritisch hinterfragt und reflektiert“ und demgemäß „gern (aus)spricht, was in seinem Kopf vor sich geht“. Und das was er sagt, so ist hinzuzufügen, wirkt eher wie ehrliche Verzweiflung angesichts der erdrückenden Faktenlage, also der sich stetig verschlechternden demoskopischen Werte. Es fallen Aussagen, die wohl bei vielen fallen würden, wären sie in einer solchen Situation: „Ich bin jetzt königlicher Niederlagenkommentator“ (nach der verloren gegangenen NRW-Wahl); „das Leben ist wie eine Hühnerleiter – beschissen“.

"Die Leute finden mich peinlich. Die lachen doch über mich"

Fraglich ist jedoch, ob Schulz, wie man vielfach in den sozialen Medien und Leserkommentarspalten liest, Unaufrichtigkeit vorzuwerfen ist. Etwa weil er im Juli öffentlich für sich als künftigen Kanzler geworben, intern aber zu Mitarbeitern gesagt hatte: „Wir sind im freien Fall“ und „vielleicht bin ich auch der falsche Kandidat. Die Leute sind nett zu mir, aber sie sind es aus Mitleid.“ Er habe „ja nicht den Hauch einer Chance“ zu gewinnen. Am stärksten wird Schulz, so der Eindruck, in der öffentlichen Diskussion die folgende interne Äußerung angekreidet: „Und jeder weiß, der wird niemals Kanzler. Die Leute finden mich peinlich. Die lachen doch über mich.“

Es ist wohlfeil, Schulz genau deshalb der Unaufrichtigkeit im Wahlkampf zu bezichtigen. Was hätte er denn machen sollen? Die Kanzlerkandidatur hinwerfen? Sich auf Marktplätze stellen und sagen: „Ich werde zwar kein Kanzler, aber ich spreche jetzt trotzdem zu Ihnen. Als künftiger Oppositionsmann“? Bis zum Erscheinen des „Spiegel"-Berichts wurde Schulz für seinen Durchhaltewillen gelobt. Er habe dem Wahlkampf die Würde erhalten, hieß es. Jetzt plötzlich soll alles anders sein.

Die „Schulz-Story“ ist vor allem eines: eine Reportage über einen Kandidaten, der immer wieder in seinem Bauchgefühl von Beratern ausgebremst und glattgeschliffen wurde, und zwar so sehr, dass er sich in diesem Wahlkampf offenbar wirklich ein Stück weit selbst verloren hat. Im NRW-Wahlkampf wurde er mehr oder weniger zum Stillhalten verdonnert, um bloß nicht irgendwie Hannelore Kraft in die Parade zu fahren. Genutzt hat das weder ihr noch ihm.

Inzwischen wendet sich das Blatt in der öffentlichen Wahrnehmung

Martin Schulz wusste nicht, wie desaströs das Wahlergebnis der SPD sein werden würde, als er Feldenkirchen zusagte, so eng im Wahlkampf dabei sein zu dürfen. Übrigens ist so etwas gar nicht so außergewöhnlich und kamikazehaft, wie es nun verschiedentlich dargestellt wird. Auch der Autor und Journalist Nils Minkmar – inzwischen ebenfalls beim „Spiegel“ tätig - durfte einen SPD-Kandidaten eng und mit exklusivem Zugang in einem Bundestagswahlkampf begleiten. Nämlich vor genau vier Jahren. Der Kandidat damals hieß Per Steinbrück. Nils Minkmar schilderte das, was er erlebte, in einem sehr lesenswerten Buch mit dem Titel „Der Zirkus – Ein Jahr im Innersten der Politik“. Der Hauptunterschied zu Feldenkirchens Bericht besteht darin, dass Steinbrück nun einmal niemand ist, der seine Emotionen, seinen Sorgen und seine Verzweiflung intern so offen zeigt, wie Schulz das tut. Vermutlich hat deshalb Minkmars hochgelobtes Buch nicht solche heftigen Ausschläge ausgelöst, wie dies nun bei der „Schulz-Story“ der Fall ist.

Schulz hätte, als die Schussfahrt ins Umfragetal begann, jederzeit die Zusage gegenüber dem „Spiegel“ einschränken oder darum bitten können, das Projekt zumindest in dieser sehr offenen Form gleich ganz zu stoppen. Nichts davon hat er gemacht. Er ist nur bei seiner Auflage geblieben, dass die Reportage erst nach dem Bundestagswahlkampf erscheinen dürfe. Mit dieser Entscheidung hat er wenigstens einmal unbeirrbar auf sein Bauchgefühl gehört. Und lag damit, wie sich immer deutlicher zeigt, richtig. Denn inzwischen wendet sich das Blatt in der öffentlichen Wahrnehmung.

Martin Schulz‘ vermeintliche Schwäche, nämlich die Offenheit Feldenkirchen gegenüber in wirklich schwierigen Momenten, gereicht ihm nun zur Stärke, wie die zahlenmäßig immer größer werdenden positiven Reaktionen in den sozialen Medien zeigen. In dem gescheiterten Kanzlerkandidaten zeigt sich für viele ein Mensch. Wie besser ließe sich Politikerverachtung bekämpfen? Endlich ist hier mal einer, der der glattgebügelten Phrasendrescherei zumindest am Ende ein Schnippchen schlägt, selbige offenbar macht und damit über eine charakterliche Ausprägung verfügt, die man entweder hat oder nicht: Aufrichtigkeit.

Vorzuwerfen ist Martin Schulz einzig, und das wird er selbst ohnehin schon genug tun, dass er sich hat glattbügeln lassen, nicht aber, dass er bis zum Schluss als Kanzlerkandidat aufgetreten ist. Bleibt zu hoffen, dass er mit seiner Zustimmung zu der Reportage vielleicht sogar ein großes Fragezeichen hinter jene Art von Spin-Doktoren setzen kann, die Politiker so weichspülen, dass Wähler sich von ihnen abwenden und auf die Schreihälse von rechts hereinfallen.

"Wo steht eigentlich geschrieben, dass Spitzenpolitiker keine Phasen der Schwäche haben?"

Auch ist es nicht überzeugend, Markus Feldenkirchen und dem „Spiegel“ - wie ebenfalls im Netz zu lesen – vorzuhalten, vor allem an einer tollen Story interessiert gewesen zu sein, die Schulz aber de facto eher schadet. Das gibt der Text nicht her. Er ist nicht hämisch geschrieben. Sondern berichtet über das, was war. So direkt wie möglich, aber ohne jedweden abfälligen Unterton. Man kann Klaus Brinkbäumer, dem Chefredakteur, die Worte, die er in seinem Editorial – beim Hamburger Magazin „Hausmitteilung“ genannt - äußert, daher voll und ganz abnehmen: „In Zeiten wachsender Politikverdrossenheit hielte ich es für gut, wenn sehr viel mehr Politiker sehr viel mehr Transparenz und Einblicke zuließen. Damit die Bürger erkennen könnten, dass es sich bei denen da oben um Menschen handelt, mit Stärken und Schwächen, mit Zweifeln und Überzeugungen; und damit die Politiker erkennen könnten, dass es nur der AfD hilft, wenn Imageberater und Pressestellen die Schwächen und die Zweifel verdecken wollen.“

Feldenkirchen selbst schrieb auf „Facebook“, dass Schulz „Mut bewiesen“ habe und bereit war, „sich in allen Momenten beobachten zu lassen, den vorteilhaften wie den misslichen, in Phasen der Stärke wie der Schwäche“. Und schloss mit Worten, die hoffentlich auch den Nerv der Leser dieser Kolumne treffen: „Ich glaube, dass die Überinszenierung von Politik und Politikern inzwischen eine Form erreicht hat, die der Glaubwürdigkeit von Politik und letztlich unserer demokratischen Kultur schon lange schadet. Wo steht eigentlich geschrieben, dass Spitzenpolitiker keine Phasen der Schwäche haben und diese erst recht niemals sichtbar werden dürfen? Und wer glaubt ernsthaft, dass in der Politik nur Kraftprotze rumlaufen, die rund um die Uhr heiter und zuversichtlich sind? Und: Fänden wir das ernsthaft attraktiver?“

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Frank Fidorra
    Ich komme jetzt mal mit einem Beispiel aus einem ganz anderen Bereich: Fernsehkrimis!

    Vor nicht allzu langer Zeit war das Schema: smarter Inspektor trickst fast so smarten Banditen aus und überführt ihn.
    Heute finden wir vielfach Krimis, in denen die Inspektoren und Polizisten vor allem erst mal Menschen sind, mit Fehlern und Schwächen. Und oft sind es gerade die angeblichen Schwächen, die sie erfolgreich machen. Und siehe da: die "Masche" kommt beim Publikum an.

    Die Zeit der aalglatten Politprofis, die immer alles können und gleich alles richtig machen, scheint vorbei zu sein. Die Menschen sehnen sich nach Authentizität, nach Menschlichkeit. Das haben die Politik und ihre Macher noch nicht verstanden. In diesem Metier dauert es offenbar immer ein bisschen, bis Neuigkeiten aus dem Volk wahrgenommen werden.
  2. von Gabriele Flüchter
    Vielleicht sollte mal darüber nachgedacht werden, ob die Kampa - die Wahlkampfstrategie der SPD - noch das Richtige ist für die Zukunft.
    Steinbrück kam merkwürdig rüber in seinem Wahlkampf, unnatürlich und irgendwie gefangen, genauso kam mir Steinmeier als Kanzlerkandidat gesteuert und gefangen vor,
    Schulz jetzt auch.
    Kampa hatte vielleicht einfach ihre Zeit - vielleicht wäre es angeraten, den Bürgern einfach so entgegen zu treten, wie man eben ist, als Politiker.

    Schulz kommt immer dann gut an, wenn er einfach er selbst ist.