Schule kann die Gesellschaft retten - wenn sie gut ist

Dauernd stehen, kaum Pausen, Verantwortung für so viele junge Menschen - und die Aufgabe, sie für Pluralismus zu begeistern und gegen Hass und Hetze zu immunisieren. Ein Loblied auf den oft gebashten Lehrerberuf

Bei kaum einem Beruf ist die Diskrepanz zwischen der tagtäglichen Herausforderung und der Anerkennung durch Außenstehende so groß wie bei Lehrern. Wer „auf Lehramt“ studiert, gilt bereits an der Uni, und zwar vor allem unter angehenden Juristen und Medizinern, aber auch unter Naturwissenschaftlern, nicht selten als jemand, der Sicherheit sucht, es sich einfach macht, keinen großen Ehrgeiz hat und freizeitorientiert ist. Entsprechend schlecht ist das Sozialprestige. Später sieht es häufig nicht besser aus. Der Journalist Alan Posener berichtete schon 2001 in einem Artikel über den fordernden Alltag einer Grundschullehrerin, die in Berlin „Deutsch als Zweitsprache“ unterrichtet und wies dabei darauf hin, dass es in „geselliger Runde keinen Eindruck (macht)“, „wenn sie ihren Beruf nennt“. Immer wieder wird auch verächtlich über die „vielen Lehrer im Bundestag“ gesprochen.

In Umfragen steigt das Image seit 2011

In der empirisch erfassten öffentlichen Wahrnehmung sah es viele Jahre lang nicht viel besser aus. Doch inzwischen ist es zu einer zumindest kleinen Trendwende gekommen. Das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelt seit Jahrzehnten in zeitlichen Abständen das Ansehen bestimmter Berufe. Die höchsten Werte erzielt seit jeher der Arzt. Die Befragten haben jeweils auf die folgende Frage zu reagieren: „Hier sind einige Berufe aufgeschrieben. Können Sie bitte die fünf davon heraussuchen, die Sie am meisten schätzen, vor denen Sie am meisten Achtung haben?“ Der Lehrer kam dabei noch in der „00er“-Dekade ziemlich schlecht weg. 2001 entschieden sich 28 Prozent für ihn, 2003 dann 27 Prozent. Im Jahre 2005 waren es immerhin schon 31, 2008 sogar 33 Prozent. Zu einem Sprung um fast zehn Prozent kam es im Folgejahrzehnt. Plötzlich entfielen bei der Erhebung im Jahre 2011 42 Prozent auf den Lehrer. Mit 41 Prozent im Jahre 2013 blieb die Zahl praktisch konstant. Rein umfragemäßig hat sich also der Ruf des Lehrers deutlich verbessert. Ein Grund, den nach wie vor bestehenden Vorurteilen im Rest der Bevölkerung erst recht entgegenzutreten.

Der Lehrerjob ist mehrfach herausfordernd, das fängt schon mit dem Stehen an

Vor rund drei Jahren machte „stern.de“ darauf aufmerksam, dass „der Lehrerberuf entgegen aller Vorurteile ein sehr fordernder Job“ sei. Denn „30 Kinder zu unterrichten und ihre Begeisterung für den Lernstoff zu wecken“, sei „eine schwere Aufgabe, der nicht jeder gewachsen ist“. Fürwahr. Der Beruf bringt gleich mehrere Anforderungen mit sich, die viele Kritiker sich zu wenig bewusst machen. Das fängt schon mit dem Stehen an. Wer eine sitzende Tätigkeit in einem Büro ausübt, sollte einmal darüber nachdenken, wie es wäre, wenn er seine vormittägliche Arbeit jeden Tag im Stehen erbringen müsste. Auch kann ein Lehrer, um die Konzentration zu stärken, nicht eben einmal so in die Büroküche gehen, um sich einen Kaffee zu holen. Dafür bleiben, wenn überhaupt, nur die „Großen Pausen“. Denn in den „Kleinen Pausen“ sind Lehrer damit beschäftigt, Schülern für Fragen zur Verfügung zu stehen und den nächsten Klassenraum aufzusuchen. Doch auch in den „Großen Pausen“ geht die Zeit nicht selten für organisatorische Aufgaben drauf.

Immer alle im Blick haben, weil: In der Schule werden Weichen fürs Leben gestellt

In der Zeit, in der ein Lehrer vor der Klasse steht, muss er überdies absolut konzentriert sein. Und zwar nicht nur auf eine einzelne Aufgabe, also die Stoffvermittlung als solche. Sondern auch auf alle Kinder bzw. Jugendliche in einer Klasse. Er muss ihre Reaktionen im Auge behalten, sich überlegen, wen er aufruft, wie er die schwächeren Schüler fördert, ohne die besseren zu langweilen. Immer in dem Bewusstsein, dass in der Schule die Weichen für das weitere Leben gestellt werden. Ein engagierter Lehrer, und das sind die meisten, wird seine Schüler motivieren wollen.

Wertgeschätzte Schüler leisten mehr als geringgeschätzte

Ganz entscheidend ist dabei der Faktor Wertschätzung. Wer sich als junger Mensch von seinen Lehrern wertgeschätzt fühlt, wird gerne mitarbeiten und selbständig lernen. Wer hingegen abschätzig behandelt wird, klinkt sich leicht aus, schreibt schlechte Noten und wird vielleicht nicht das Potenzial entfalten, das er eigentlich gehabt hätte. Schlechte Leistungen in der Schule können die berufliche Zukunft verbauen. Ein Lehrer weiß in der Regel um die hohe Verantwortung, die er insofern hat. Und dazu gehört neben der reinen Stoffvermittlung auch ein hohes Maß an Empathie sowie ein echtes Interesse an jedem einzelnen Schüler, das der Lehrer glaubhaft zeigen und vermitteln muss.

Von wegen "fauler Sack"! Mein Lehrer hat so unterrichtet, dass Schule Spaß gemacht hat

Mein Abiturjahrgang feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. Dazu sind auch unsere früheren Lehrer eingeladen. Persönlich blicke ich auf sehr viele äußerst positiv zurück. Namentlich mein Oberstufen-Deutschlehrer hat mein Interesse für Literatur maßgeblich geprägt. Er wusste, wie man Klassiker mit so viel Elan vermitteln kann, dass fast der ganze Kurs daran Spaß hat. So eine Form des Unterrichts erfordert Vorbereitung und damit Zeit, was die Mär von der angeblich so hohen Freizeitrate der Lehrer entkräftet. Und erst recht das despektierliche Gerede von Gerhard Schröder, der 1995 gegenüber einer Schülerzeitung gesagt hatte, dass Lehrer „faule Säcke“ seien.

Klausuren korrigieren erfordert nicht nur Zeit - sondern auch sehr viel Geduld

Tatsächlich ist mit Schulschluss der Arbeitstag nicht vorbei. Lehrer müssen nachmittags den nächsten Unterricht vorbereiten. Auch die Korrektur von Klassenarbeiten und Klausuren kostet viel Zeit, jedenfalls dann, wenn man sie so gründlich ausführen will, dass die Schüler aus den Anmerkungen etwas mitnehmen und verstehen, was sie falsch oder besonders gut gemacht haben. Das braucht übrigens nicht nur Zeit, sondern bei 30 Arbeiten zum selben Thema auch sehr viel Geduld. Laut einer Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft arbeitet jeder fünfte Vollzeitlehrer an Gymnasien mehr als 48 Stunden pro Unterrichtswoche. Zwei Drittel aller Lehrer sind zudem so gut wie an jedem Wochenende beruflich beschäftigt.

Gute Lehrkräfte leisten einen großen Beitrag zur Förderung einer pluralen und lebenswerten Gesellschaft

In Zeiten wie diesen tragen Lehrer zudem entscheidend dazu bei, ein Verständnis von Pluralismus zu vermitteln. Denn vor allem in der Oberstufe müssen Jugendliche lernen, wie man Diskussionen führt. Dazu zählt, gerade bei politischen Themen, auch die Vermittlung dessen, was eine repräsentative Demokratie ausmacht: die Einsicht, dass es so etwas wie eine einzige politische Wahrheit nicht gibt, auch wenn Populisten genau das suggerieren. Wichtig ist auch, Schülern zu erklären, dass stets zwischen einer Meinung und der diese äußernden Person zu trennen ist. In der Sache kann man hart widersprechen, die Person verbal anzugreifen, verbietet sich aber. Wer es als Lehrer schafft, all dies nachhaltig zu vermitteln, leistet einen entscheidenden Beitrag gegen die Verrohung der Diskussionskultur in und außerhalb des Internets. Wer häufiger mit Lehrern spricht, erfährt, dass dieses Thema in den letzten Jahren tatsächlich im Unterricht sehr relevant geworden ist. Auch dafür gebührt ihnen eine größere Wertschätzung.

4 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Uwe R.
    Da müsste man schon genau wissen, ob es zwischen Stadt oder Land sowie akademischen oder nichtakademischen Befragten Unterschiede in der Wertschätzung der Lehrer gab und gibt.

    Meine eigene Erfahrung ist, dass es ein Teil der sogenannten 68er war, die selbst für eine geringere Wertschätzung der Lehrer sorgten. G. Schröder gehört ja auch dieser Generation an.

    Schule muss aber auch nicht die Gesellschaft vor irgendetwas retten. Schliesslich hat Schule einen weltanschaulich neutralen allgemeinen Bildungsauftrag, der Schüler befähigen soll, selbständig Wissen zu erarbeiten und zu beurteilen; das nennt man im Angelsächsischen kritisches Denken.

    Lehrer sind also Vorbild, wie man Urteilsfähigkeit und -kraft ausbildet und anwendet. Wenn sie diesen Auftrag erfüllen, haben sie schon viel erreicht. Genau dafür verdienen sie dann Anerkennung.

    Alles, was darüber hinausgeht, greift schon über den bildungshoheitlichen Auftrag der Länder hinaus und ins Elternrecht und in die elterlichen Pflichten ein und ist deshalb von Übel.

    Denn Lehrer sollen unterrichten [etwas vermitteln; von etwas in Kenntnis setzen; zeigen, wie etwas geht] und nicht belehren. Dadurch steigt die Anerkennung.

    Womöglich geht mit dem Einfluss der 68er Generation auch die schlechte Presse für Lehrer. Am Zustand der Presse selbst können allerdings nur Journalisten etwas ändern.

    Bürger als Leser wollen eben auch nicht belehrt und bevormundet sondern unterrichtet [kundig gemacht, informiert] werden. Die paternalistisch-pädagogisierende Sprache der politischen Korrektheit verböte sich da von selbst.

    Hanns Joachim Friedrichs: "Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein."

    Das war einst journalistischer Standard von nicht oberlehrerhaft schreibenden und berichtenden Journalisten.
    1. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Uwe R. 06.02.2018, 18:54:40
      Ob die Wertschätzung heute noch etwas mit der Wertschätzung der 68er, oder einiger 68er zu tun hat, wage ich zu bezweifeln, ich halte auch mehr davon, die Wertschätzung für Lehrkräfte nicht in der Vergangenheit zu suchen, es geht um jetzt und um demnächst.

      Aus dem Familien- und Bekanntenkreis heraus habe ich den Eindruck, dass es inzwischen in der Öffentlichkeit angekommen ist, wie belastet Lehrkräfte sind und das inzwischen eine Sensibilität für eine größere Wertschätzung für Lehrkräfte da ist. Die Zahlen die Frau Bednarz präsentiert passen zu meinem persönlichen Eindruck.

      Sie schreiben "Lehrer sind also Vorbild, wie man Urteilsfähigkeit und -kraft ausbildet und anwendet" Ich stimme Ihnen zu, dass die Ausbildung von Urteilsfähigkeit und Kraft eine wesentliche Aufgabe eines Lehrers ist und der Lehrer überzeugender ist, wenn er das, was er lehrt auch lebt. Andererseits kann ein Schüler auch viel lernen, wenn der Lehrer sich ihm nicht als persönliches Vorbild präsentiert, sondern sich diesem "in den Weg stellt" - wichtig dabei, ist nur, dass das Verhältnis fair und menschlich bleibt - ob Vorbild oder abschreckendes Beispiel ist dann nicht so wichtig.

      Sie schreiben:
      "Denn Lehrer sollen unterrichten [etwas vermitteln; von etwas in Kenntnis setzen; zeigen, wie etwas geht"

      Hier stimme ich Ihnen zu, das ist ein Teil dessen, was Lehrer vermitteln - aber: in einer Gesellschaft - und es geht in dem Artikel nun einmal um die Bedeutung der Lehrtätigkeit für die Gesellschaft - gilt es auch zu lernen, wie mit anderen Mitmenschen gearbeitet, diskutiert und entschieden werden kann, die sich andere Vorbilder suchen, andere Ideen haben, wie etwas gehen kann. Jeder Mensch stellt sich einem anderen Menschen auch entgegen - auch wenn er ihn schätzt, einfach schon deshalb, weil jeder verschiedene Ideen und Ansprüche hat - demokratische Regeln lernt man miteinander - nicht vom Lehrer alleine, der Lehrer motiviert, moderiert und kontrolliert, ob als Vorbild oder nicht, ist egal.
  2. von Jürgen Jakobs
    Stimmt soweit alles. Aber im Sinne einer fröhlichen Kontrapunktik muss auch über die Schattenseiten gesprochen werden: Lehrer können sich nicht mehr im gewünschten Umfang auf Schüler konzentrieren. Sonderfunktionen - von der IT-Beauftragten bis zur Suchtprävention -, Sprachförderung in allen Fächern, didaktische und pädagogische Experimente (aufgedrückt von Schulverwaltungen), multikulturelle Kompetenzen und vieles mehr belasten. Hinzu kommen die teilweise katastrophalen baulichen Zustände der Schulen sowie die unzureichende Ausstattung der Schulräume mit moderner Präsentationstechnik; so müssen Unterrichtseinheiten oft parallel für Overhead, Whiteboard und Kreidetafel vorbereitet werden. Zudem muss die schülerspezifische Dokumentation (fast zu jedem Zeitpunkt) klagefest sein, denn Eltern sind - auch mit Hilfe von Rechtsschutzversicherungen - klagefreudig geworden. Nicht an allen Schulen funktionieren Lehrerkollegien auch kollegial. Auch zum Thema ungleiche Bezahlung wurde zu Recht schon viel geschrieben. Und was viele Eltern vielleicht nicht wissen: Schulferien sind für Lehrer nicht Urlaub. Berge von Klassenarbeiten und Tests warten auf die Korrektur. Und die Präsenszeiten werden erweitert - zum Teil zur Durchführung von Scheinfortbildungen. Lehrer sein heißt auch Termingeschäft: Zum Ende eines jeden Schulhalbjahres müssen die vorgegebenen Lehrinhalte vermittelt und die Noten festgelegt worden sein. Zeugnisse müssen Lehrer selber schreiben - oft mit vollkommen unzulänglicher Software.
    Das Alles liest sich wie ein (durchaus noch erweiterbarer) Frusttext, ist es aber nicht: Ich bin kein Lehrer.
    Aber wenn Schulen und Lehrer beitragen sollen, unsere Gesellschaft zu retten, gehört mehr dazu als eine durch Umfragen festgestellte höhere Wertschätzung!
    Dieses Thema ist allzu wichtig. Die meisten Probleme sind auch nicht durch die GroKo lösbar. Denn: Bildung ist eine zentrale Aufgabe der Bundesländer - und der Bundesregierung.
    Trotzdem Dank und Grüße an Liane Bednarz!
  3. von Gabriele Flüchter
    Danke Liane Bednarz, für dieses solidarische Plädoyer für die Schule. Persönlich, ich bin Lehrerin im Ruhestand, denke ich, dass die Schule alleine nicht die Gesellschaft retten kann, aber einen wesentlichen Anteil daran haben kann.
    Sie selbst, so klingt es, waren angetan von Ihrer Schule, ich war es als Schülerin von meiner Schule auch und später als Lehrerin auch noch. Im Lehreralltag haben sich viele, auch kleine Dinge geändert, die den Lehreralltag unnötig schwer machen.

    "Stehen" Wer heute nicht dynamisch vor der Klasse steht, sondern gemütlich sitzt, wie es meine Lehrer früher taten, gilt als bequem - warum eigentlich? Das ist doch Quatsch!

    "Immer alle im Blick" - das kriegt kein Mensch hin, auch kein Lehrer - warum der Mythos?

    "Jedem Schüler die gleiche Wertschätzung" - der wichtigste Punkt und die Grundvoraussetzung für gelebten Pluralismus im System Schule, für Gremienarbeiten fehlt aber Zeit, weshalb Entscheidungsprozesse nicht pluralistisch bearbeitet werden können, nur hastig abgestimmt werden.

    Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen für den gesamten Bereich Bildung, das Kleinkind, das schon nicht wertgeschätzt wurde, kommt ja bereits verletzt in der Schule an, kann die Schule alleine die Gesellschaft nicht retten, sie braucht ein größeres Sprungbrett für Kleinstkinder dafür.

    Der gesellschaftliche Wille zur Inklusion - Inklusion aller, nicht alleine beschränkt auf Behinderte - geht den Chancen, die Schule haben kann, durch alle Lebensbereiche, voraus.

    Gerade am Thema Inklusion lässt sich sehen, dass Schule es alleine eben nicht schaffen kann.

    Eine exklusive Gesellschaft kann nicht pluralistisch sein - die Schule kann vor allem bei der Demokratiefähigkeit Testraum sein, und könnte so helfen, Kinder zu Demokraten zu machen - das setzt Mittel voraus und den Willen, Menschen zu bilden, die weniger leicht formbar sind als Untertanen.

    Der gebildete Demokrat ist im Ergebnis ein anstrengender Zeitgenosse, das muss man wollen!