Man darf Trump nicht verharmlosen

Donald Trump agiert wie ein moderner Autokrat, gegen den man die Demokratie verteidigen muss. Noch gibt es aber zahlreiche Trump-Versteher, die versuchen, die Gefahr zu bagatellisieren. Wohin das führen kann, lehrt uns die Geschichte - und das Theater. 

Spätestens seit Donald J. Trumps Vereidigung zum 45ten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist die Krise evident, in der sich die Idee der westlichen, liberalen Demokratie befindet. Dies vor allem auch deshalb, weil Trump sich längst angeschickt hat, einen zwar nicht verfassungsmäßig verankerten, gleichwohl aber wesentlichen Grundpfeiler demokratisch legitimierten Regierungshandelns zu zertrümmern, nämlich das Treffen von Entscheidungen sowie das Agieren auf Basis von nachprüfbaren Fakten.

Bislang erschien der kontinuierliche Einsatz flagranter Lügen durch ein westliches Staatsoberhaupt unvorstellbar. Doch diese Zeiten sind vorbei. Nach einer Auswertung der „Washington Post“, deren wesentliche Ergebnisse die „Bild“-Zeitung zusammengefasst hat, hat Trump in den ersten 35 Tagen seiner Amtszeit satte 133 Lügen aufgestellt. Schlimm genug. Erschwerend kommt hinzu, dass Trump seinerseits Presseorgane, die kritisch über ihn berichten, pauschal als „Fake News-Medien“ bezichtigt. Besonders deutlich tat er dies in einem Tweet vom 17. Februar, in dem er die drei größten amerikanischen Rundfunkanstalten - NBC, ABC und CBS-, den Nachrichtensender CNN sowie die weltweit renommierte Tageszeitung „New York Times“ nicht nur in Großbuchstaben als „versagende“ und „FAKE NEWS-Medien“ beschimpfte, sondern überdies auch als „Feinde des amerikanischen Volkes“ titulierte. Ein bisher für Diktatoren, nicht aber für ein westliches Staatsoberhaupt übliches Vokabular. Damit hat Trump nun auch für den ihm bisher recht wohlgesonnenen, konservativen Sender „Fox News“ den Bogen überspannt. Der dortige „Anchor“-Nachrichtensprecher Chris Wallace reagierte prompt. Er sprach davon, dass Trump damit „eine wichtige Grenze überschritten“ habe und warnte ausdrücklich vor ihm.

Die Verdrehung von Wahrheit und Lüge ist seit jeher ein Instrument der Autokraten 

Nun ist die vor allem über die sozialen Medien verlaufende Ausbreitung von Falschmeldungen schon länger ein Problem. Oftmals geht es dabei um angebliche, von Migranten oder Flüchtlingen ausgeübte kriminelle Handlungen, die tatsächlich aber frei erfunden sind. Prominentestes Beispiel ist der Fall „Lisa“, in dem es um die angebliche Entführung und Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens aus Berlin durch „Südländer“ ging. Schon bald stellte sich das als Ammenmärchen heraus.

Derartige „fake news“ haben ein für eine liberale Demokratie durchaus zersetzendes Potenzial, vor allem dann, wenn sie gehäuft auftreten. Zum einen entsteht durch sie nach und nach ein Klima der Desinformation, das zu Ängsten und zu Verunsicherung führt. Wirklich gefährlich wird es aber, wenn sich gewählte Regierungen solcher Mittel bedienen und damit das ohnehin schon schwindende Vertrauen der Bürger gegenüber der Glaubwürdigkeit offizieller Stellen völlig unterminieren. Trump macht dies ganz bewusst, in dem er die Unwahrheit als Wahrheit verkauft und umgekehrt diejenigen, die genau das anprangern, der Unwahrheit bezichtigt. Nota bene: es geht hier nicht darum, politische Konzepte als „Wahrheit“ zu bezeichnen, wie es die AfD mit ihrem Leitslogan „Mut zur Wahrheit“ so gerne tut, sondern um Tatsachenbehauptungen, für die es keinen Interpretationsspielraum gibt.

Die Verdrehung von Wahrheit und Lüge ist seit jeher ein probates Mittel, um autoritäres Regierungshandeln zu legitimieren, vor allem dann, wenn man so eine vermeintlich zu bekämpfende Gefahr heraufbeschwören kann. Eine fingierte oder übertriebene Bedrohung soll dazu dienen, die Reihen hinter der Exekutive zu schließen und deren Legitimation zu stärken. Immer wieder behauptet Trump beispielsweise, er habe von seinem Vorgänger Barack Obama ein „einziges Chaos“ geerbt, was bereits mit Blick auf die erheblich verbesserten Wirtschaftsdaten der USA falsch ist. Desgleichen stellte er beim Thema Immigration diverse Falschbehauptungen wie etwa diejenige auf, wonach Flüchtlinge angeblich gar nicht überprüft worden seien.

Noch vor wenigen Jahren wäre ein US-Präsident, der sich so verhält, in der öffentlichen Meinung als völlig unglaubwürdig erledigt gewesen. Nicht so anno 2017. Immer noch gibt es die Appeaser, die Trump-Versteher, also all diejenigen, die in den Talkshows der TV-Sender darauf beharren, man solle dem Mann doch „eine Chance geben“, „erst einmal abwarten“, immerhin sei er ja „demokratisch gewählt worden“. All das sagten sie allerdings auch schon, bevor Trump sein Amt übernommen hat. Inzwischen müssten sie längst eines Besseren belehrt worden sein. Dieser Mann wird sich nicht mäßigen. Er tritt bereits jetzt noch einmal radikaler als im Wahlkampf auf und schreckt nicht davor zurück, die Gewaltenteilung in Frage zu stellen, indem er einen Bundesrichter, der seinen „travel ban“ aussetzte, als „sogenannten Richter“ verächtlich und gleich das ganze Justizsystem für künftige islamistische Anschläge verantwortlich machte. Aber auch das reden die Trump-Verharmloser sich irgendwie schön.

Trump kann man nicht beschönigen

Vielleicht sollten sie häufiger ins Theater gehen. Namentlich zwei Dramatiker haben genau beschrieben, wohin eine derartige Verharmlosung der offenkundigen Errichtung autoritärer Herrschaftsformen führt. Im Jahr 1958 wurde Max Frischs Drama „Biedermann und die Brandstifter“ uraufgeführt, das er mit Blick auf die Machtergreifung der Kommunisten in der Tschechoslowakei verfasst hat. Dort gewährt ein Bürger mit dem Namen Biedermann zwei Unbekannten Unterkunft auf dem Dachboden seines Hauses. Obwohl von Beginn an deutlich ist, dass beide das Haus in Brand setzen wollen, findet Biedermann immer neue Ausreden für ihr Verhalten und biedert sich – gewissermaßen getreu seines Namens – an, um sie zu besänftigen. Und das sogar auch noch dann, als längst Benzinfässer auf dem Dachboden stehen. Am Ende steht das Haus in Flammen. Die ganze Naivität Biedermanns zeigt sich in der dritten Szene, in der er Folgendes sagt: „Wenn wir jeden Menschen, ausgenommen uns selbst, für einen Brandstifter halten, wie soll es jemals besser werden? Ein bisschen Vertrauen, Herrgottnochmal, muss man schon haben, ein bisschen guten Willen. Finde ich. Nicht jeder Mensch ist ein Brandstifter. Finde ich! Ein bisschen Vertrauen!“

Ähnlich sieht es in Eugène Ionescos 1959 uraufgeführtem Drama „Die Nashörner“ aus, ebenfalls eine Machtergreifungsparabel, in der die Menschen einer Stadt nach und nach zu Nashörnern mutieren und damit drohen, jeden niedertrampeln, der sich ihnen in den Weg stellt. Auch dort schlagen die Bürger bis auf den Protagonisten namens „Bérenger“ sämtliche Warnungen aus und ergehen sich lieber in beschwichtigenden Äußerungen über die Nashörner wie jene der Figur „Stech“: „Wenn man sie in Ruhe lässt, beachten sie einen nicht. Im Grunde sind sie nicht bösartig. Man kann sogar bei ihnen von einer gewissen natürlichen Unschuld sprechen.“

Passivität, Beschönigungen oder ein naives Entgegenkommen sind genau das, was autoritäre Herrschaft ermöglicht. Darum schrieb Ruth Ben-Ghiat sehr luzide vor rund vier Wochen in “The Atlantic”: “Driven by opportunism, pragmatism, or fear, many begin to forget that they used to think certain things were unacceptable.” („Aus Opportunimus, Pragmatismus oder Angst vergessen viele Leute, dass sie bislang bestimmte Dinge für inakzeptabel hielten.“) In der Tat. So ähnlich fing es in „Biedermann und die Brandstifter” und in den „Nashörnern” auch an.

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  1. von Franz Fuchser
    Die einen verharmlosen die Auswirkungen einer globalisierten Wirtschaft und massenhafter Einwanderung aus fremden Kulturen mit der unsrigen teilweise konträren Wertehierarchien. Um sich an denen, die bislang in der veröffentlichten Meinung Oberwasser hatten, zu rächen, wählen und verharmlosen die anderen selbstherrliche Volkstribunen Donald Trump.

    Ich würde sagen, im Spiel links gegen rechts steht es 1:1, und es wird zu viel gefoult. Die Linken sollten ihre politisch korrekten Sprachverbote und die Rechten ihre zu deren Zerstörung provokant angebrachten Lügen aufgeben. Die Demokratie hätte viel davon, wenn sich alle Kontrahenten wieder auf eine gemeinsame Diskursebene begeben würden und darauf verzichteten, die jeweils Anderen für nicht diskursfähig zu erklären.