Konservative Rosinenpickerei

Annegret Kramp-Karrenbauer ist gegen die "Ehe für alle". Das Problem dabei ist ihre Begründung. Denn beim eigenen Lebensmodell Liberalität bewusst zu pflegen und bei anderen Minderheiten ein Empathiedefizit zu zeigen, ist schlicht Doppelmoral. Damit ist sie im Politikbetrieb nicht allein.

Für die CDU stellt sich seit dem angekündigten Rückzug von Angela Merkel als Parteivorsitzende die Frage, wie sie einerseits eine moderne Volkspartei der Mitte bleibt, andererseits aber auch ihrem konservativen Flügel wieder mehr Raum gibt. Dabei wird es sehr genau darauf ankommen, wie das Spitzenpersonal mit Themen umgeht, die Konservativen unter den Nägeln brennen. Ein solches ist für nicht wenige die Zulassung der „Ehe für alle“. Nach wie vor tun viele sich mit ihr schwer, auch wenn sie seit Ende der letzten Legislaturperiode Gesetz ist.

Das Thema ist sensibel, vor allem auch mit Blick auf die Perspektive homosexueller Unionsmitglieder. In der Diskussion sollten also Unionsspitzenpolitiker Einfühlungsvermögen zeigen und versuchen, die Debatte zu befrieden. Das gelingt nicht allen. Allen voran ausgerechnet Annegret Kramp-Karrenbauer nicht, deren eigenes Familienmodell mit einem Mann, der zu Hause geblieben ist und sich um die Kinder gekümmert hat, während sie Karriere machte, dem Ideal vieler Konservativer alles andere als entspricht.

Sie, die hofft, sich Anfang Dezember auf dem Hamburger Parteitag gegenüber ihren Konkurrenten Jens Spahn und Friedrich Merz als Kandidatin um den Vorsitz der CDU durchzusetzen, ist eine erklärte Gegnerin der „Ehe für alle“ und hat dies seit 2015 mehrfach bekräftigt. Das an sich ist kein Stein des Anstoßes. Denn es ist nicht per se homophob, gegen die „Ehe für alle“ zu sein. Viele Konservative hängen an der traditionellen Vorstellung einer Ehe aus Mann und Frau. Manche begründen das aus einem wörtlichen Verständnis der Bibel heraus, andere stellen auf die Unmöglichkeit der gleichgeschlechtlichen Zeugung von Kindern ab. Man muss diese Auffassungen nicht teilen, auch die Verfasserin dieses Artikels teilt sie nicht, sie sind aber legitimer Teil der Debatte.

Das Problem bei Kramp-Karrenbauer besteht jedoch darin, wie sie ihre Ablehnung der „Ehe für alle“ begründet. Genau damit hat sie dankenswerterweise der Journalist Michael Spreng in der vorletzten Ausgabe der Talkshow von Maybrit Illner konfrontiert.

Exemplarisch sei hier herausgegriffen, was Kramp-Karrenbauer 2015 in einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung über die „Ehe für alle“ gesagt hat:

Es stellt sich die Frage, ob wir grundlegende Definitionen unserer Gesellschaft verändern wollen, und zwar mit womöglich weitreichenden Folgen. (…) Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen.“

Michael Spreng meinte bei „Illner“ zu Kramp-Karrenbauer, dass sie nun eine „gute Gelegenheit“ habe, „mal klar zu stellen“, dass sie „nicht die gleichgeschlechtliche Ehe mit Polygamie und Inzucht“ vergleichen wolle. Doch die Saarländerin hielt an ihrer Position fest. Für sie gehe es um „ein ordnungspolitisches Argument“, sprich die Frage, ob man weitere Ausweitungen der Diskussion in Kauf nehme, wenn man der Ehe, die „durch die Geschlechtlichkeit und die Anzahl der Personen“ definiert gewesen sei, wie durch den Bundestag geschehen „die Geschlechtlichkeit wegnimmt“. Dabei verwies Kramp-Karrenbauer darauf, dass die „Jungen Liberalen“ Ende 2017 genau eine solche Anschlussdiskussion, konkret über die Aufhebung des Polygamieverbots geführt haben, erwähnte aber nicht, dass dies nur den schleswig-holsteinischen Landesverband der „Jungen Liberalen“ betraf. Damit stützt Kramp-Karrenbauer ihre Ablehnung der „Ehe für alle“ auf mögliche bzw. tatsächliche Extremäußerungen einiger weniger, ohne, und das ist das Entscheidende, zu sagen, dass diese genau das sind: extrem und abwegig.

Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert, der ebenfalls bei „Illner“ anwesend war, wies als selbst homosexueller Mann zutreffend darauf hin, dass es bei der „Ehe für alle“ in Wahrheit um nichts anderes gehe als dass er und „viele andere ihre Partner heiraten können“ und dass er sich schon etwas befremdet fühle, Äußerungen wie die von Kramp-Karrenbauer und damit auch von einer Partei hören zu müssen, „die sich gerade meint zu modernisieren.“

Vor allem aber war es Michael Spreng, der nicht locker ließ und mehrfach auf Kramp-Karrenbauers fragwürdige Begründung zurückkam. Diese jedoch verweigerte jedwede inhaltliche Diskussion darüber und blieb trotzig dabei, dass dies nun einmal ihre Position und es zudem konservativ sei, zu einer eigenen Meinung zu stehen, auch wenn diese „vielleicht dem Zeitgeist“ widerspreche. Spreng ließ sich davon nicht beirren und warf der Saarländerin vor, das ihre Begründung „mit der Inzucht, mit der Polygamie“ „eben nicht konservativ, sondern reaktionär“ sei. Zu ergänzen wäre: respektlos. Und noch dazu fast ebenso geschmacklos wie eine Karikatur, welche die rechtsgerichtete Wochenzeitung „Junge Freiheit“ anlässlich der Freigabe der „Ehe für alle“ im Bundestag veröffentlicht hatte, die allerdings noch weiter ging, weil sie auch Sodomie ins Spiel brachte. Die Karikatur nämlich zeigte ein Schild mit der Aufschrift ‚Ehe für alle-Anmeldung‘, vor dem eine Schlange mit Anstehenden abgebildet war, darunter ein muslimischer Mann mit vier Frauen in Burka und eine ältere Frau, die einen Käfig mit einem Kanarienvogel in der Hand hielt.

Die Art und Weise, wie Kramp-Karrenbauer ihre Ablehnung der „Ehe für alle“ begründet, ist auch deshalb ärgerlich, weil sie selbst wie erwähnt nicht gerade ein konservatives Familienideal lebt. Dagegen ist an sich nichts zu sagen, das muss jeder für sich selbst entscheiden, aber Kramp-Karrenbauer, die es nun „konservativ“ findet, bei ihrer gegenüber Homosexuellen respektlosen Haltung zu bleiben, sollte eigentlich wissen, wie wenig angesehen ihr Lebensmodell bei vielen Konservativen ist und zumindest in der Theorie auch entsprechende Sprüche kennen, die sich Frauen, die so leben wie sie, regelmäßig anhören müssen. „Rabenmutter“ ist nur der bekannteste davon. Gerne fallen auch abfällige Sätze über Männer, die zu Hause bleiben.

Mit dieser Art der Rosinenpickerei passt Kramp-Karrenbauer übrigens ganz gut zu ihrem Konkurrenten um den Parteivorsitz, Jens Spahn. Dieser freilich hat sich gegenüber dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ über Kramp-Karrenbauers Auftritt bei „Illner“ empört. Er habe „aus voller Überzeugung für die Öffnung der Ehe gestimmt“, sagte Spahn, der selbst homosexuell ist und seinen Partner 2017 geheiratet hat. Wenn seine Ehe, so Spahn, „in einem Atemzug mit Inzest oder Polygamie genannt wird, trifft mich das persönlich“. So weit, so nachvollziehbar.

Auffällig allerdings ist, wie wenig empathisch Spahn ist, wenn es darum geht, auf Kosten von anderen Minderheiten als Homosexuellen Stimmung zu machen. Man erinnere sich etwa daran, als er sich über die angeblich zu vielen englisch sprechenden Restaurantbedienungen in Berlin aufregte, davon sprach, dass er Kopftücher auf den Berliner Straßen „ertragen“ müsse oder forderte, dass die erste Frage eines neuankommenden Flüchtlings nicht lauten dürfe, „wo kann ich einen Antrag stellen“, sondern „wo kann ich anpacken“. Unvergessen auch, wie Spahn sich darüber echauffierte, dass Muslime in seinem Fitnessstudio nicht nackt, sondern mit Unterhose duschen, obwohl das Phänomen inzwischen auch unter deutschen Männern verbreitet ist.

Man schaue also stets genau hin, wenn Politiker Modernität und Liberalität immer dann bewusst pflegen und herausstellen, wenn es in ihren persönlichen Kram passt, während sie gegenüber anderen Minderheiten ein Empathiedefizit zeigen oder gar Ressentiments schüren.

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Matthias Och
    Vielen Dank, Frau Bednarz, für Ihre Stimme konservativer Vernunft.

    Das Problem scheint mir auch gar nicht darin zu liegen, was AKK vorbringt, sondern darin, was sie nicht vorbringt: Nämlich dass die Sachgründe für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare tatsächlich vollkommen andere sind, als sie dies bei einer Argumentation (wollte man sie denn tatsächlich führen) für eine Ehe für mehrere oder eine Ehe mit Blutsverwandten wären. Mit diesem Verschweigen erreicht sie vor allem eines: Sie aktiviert die mulmige Angst bestimmter Teile der Bevölkerung vor dem "Dammbruch" und einer vermeintlichen Gefahr des zwangsläufig hierauf folgenden unaufhaltsamen Verfalls der gesellschaftlichen Ordnung.

    Diese Angst wird aber eben nur beschworen, Gründe für die Berechtigung dieser Angst kann sie keine nennen. Denn ihr gebetsmühlenartig abgespultes "ordnungspolitisches" Argument ist kein Argument, es ist so, als würde sie warnen, dass, wenn man beim Autofahren an dieser Kreuzung abbiegt anstatt strikt geradeaus zu fahren, man in Zukunft an jeder Kreuzung abbiegen müsste und niemals wieder geradeaus fahren könnte - oder doch zumindest in arge Erklärungsnöte kommen würde, warum man nicht abbiegt.

    So spricht eine, die sich eben nur an ihrer überkommenen Vorstellung festklammert, die aber keine konservative Vision davon hat, wie Gesellschaft in Zukunft aussehen soll oder gestaltet werden kann.

    Diesem verzagten und mulmig menetekelnden Bild kann man entgegensetzen, was Jan-Marco Luczak im Bundestag bei der Debatte zur Öffnung der Ehe sagte: "Ich bin für die Öffnung der Ehe, aber nicht, obwohl ich Christdemokrat bin, sondern gerade weil ich Christdemokrat bin: Es geht um konservative, bürgerliche Werte."
  2. von Hans Ans
    " tatsächliche Extremäußerungen einiger weniger, ohne, und das ist das Entscheidende, zu sagen, dass diese genau das sind: extrem und abwegig"
    Ja, wirklich eine "schrille Minderheit" diese Menschen, die solche Forderungen stellen oder?
    Wirklich eine Leisung, sie fordern die Diskriminerung von anderslebenden mit den selben Worten wie jene die sie dafür kritisieren.
    Die Folgerichtigkeit der Aussage von AKK nicht zu erkennen kann wohl nur als Zeugnis von geistiger Armut verstanden werden, insbesondere da der Hinweis auf nachfolgende Erweiterungen erstmal ja gar nicht wertend ist. Ihrer Reaktion nach zu urteilen sehen sie aber anscheinend Personen die mehr als einen Partner lieben ähnlich wie Zoophilie oder saudiarabische Partnerschaftsverhältnisse.
    Ich halte eine wertfreie Förderung aller Verantwortungsmeischaften die den Erhalt der Gesellschaft fürdern für prinzipiell sinnvoll, völlig egal ob zwischen gleich oder ungleichgeschlechtlichen oder 2 oder mehr Personen.
    Auf Liberale von Ihrem Schlag kann man getrost verzichten.
  3. von Wolfgang Bischoff
    Völlig falsch verstandene konservative Wertebewahrung!

    Richtig verstandener Konservativismus ist durchaus gut und wichtig in einer Gesellschaft, denn er verhindert als Korrektiv schlecht durchdachte Experimente, die als Fortschritt verkauft werden sollen. Jede gesunde demokratische Gesellschaft muss sowohl eine konservative als auch eine progressive Seite beinhalten - das beflügelt den demokratischen Diskurs.

    Nur sollten sich beide Seiten niemals destruktiv verhalten. Ein gesunder Konservativismus kann ja schließlich auch genauso konstruktiv sein wie gesunde Progressivität!

    In diesem Fall gehen die konservativen Gegner der "Ehe für Alle" jedoch deutlich über die Grenzen ihrer gesellschaftlichen Kompetenz hinaus, die ihnen in einer Demokratie mit guten Gründen gesetzt werden, denn das Thema berührt die persönlichen Gefühle von Menschen, auf die diese nach dem Grundgesetz einen menschlichen Anspruch haben - ohne Ansehen der Person, des Geschlechtes, der Religion oder ethnischen Herkunft.

    Sexuelle Präferenzen, Liebe, Zuneigung und das Ehe- und Treueversprechen stehen jedem Menschen gleich zu, solange die jeweiligen Lebenspartner miteinander übereinstimmen und keine strafgesetzlichen Verletzungen oder Gefährdungen vorliegen! Man kann Liebe nicht einordnen nach dem Muster "für die Einen ist das richtig, für die Anderen jedoch nicht"!

    Wovor haben diese destruktiven Konservativen eigentlich Angst beim Thema "Ehe für Alle"? Ihnen wird doch weder etwas weggenommen, noch wird ihnen etwas aufgezwungen. Nichts wird sich verändern, außer daß alle Menschen das Recht auf ein Eheversprechen haben werden.

    Zudem begreifen die Konservativen nicht, daß sie mit ihrer Haltung die Ehe als solche regelrecht abwerten, weil diese dann zu einer selektiven Institution wird. Niemand würde z.B. darauf kommen zu fordern, daß Juden in Deutschland nicht heiraten dürfen. Das ist krass ausgedrückt, aber der Schritt dahin ist dann nur noch ein kleiner!
  4. von Martin Gubener
    Ich mag diese CDU-Frau nicht, stelle aber fest: Sie hat ein Argument. Die Autorin aber hat keins: reaktionär, respektlos, nicht modern usw sind keine Argumente.
    1. von Wolfgang Bischoff
      Antwort auf den Beitrag von Martin Gubener 26.11.2018, 18:15:14
      AKK hat ein Argument - zugegeben. Nur stammt ihr Argument aus einer längst vergangenen Kulturepoche, die keineswegs mehr den gesellschaftlichen Realitäten entspricht.

      AKK zeigt ihr wahres Gesicht - das Gesicht einer reaktionär-konservativen Frau, die sich nicht damit abgeben kann und will, daß sie von den gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen längst überholt wurde.

      Sie verpasst dabei die Chance, daß ein gesunder und gut begründeter Konservativismus durchaus konstruktiv und hilfreich für eine demokratische Gesellschaft sein kann. Das sollte sie allerdings aber eigentlich wissen, als Frau in ihrer politischen Position, denn noch in der jungen Bundesrepublik Deutschland während der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts hätte man ihr die Position am Küchenherd empfohlen, und eine politische Karriere wäre ohne die schriftliche Erlaubnis ihres Ehemanns ein Unding gewesen.

      Und hier beim Thema "Ehe für Alle" nimmt sie genau die selbe Position ein wie die damals rückständig-konservativen Männerfreunde in der Politik - egal aus welchen Parteien, und natürlich mit einzelnen Ausnahmen!

      Das erkenne ich nun einmal als deutlich absurd!

      Die Einstellung dieser Politikerin trägt nicht zu einer konstruktiven Diskussion bei. Diese Frau ist eine Bremserin!

      Dagegen ist Angela Merkel ja geradezu ein Musterbeispiel für konstruktive Progressivität!