Gott will es - nicht

Die AfD postet einen Satz aus der Bibel und stößt damit auf Kritik - auch in den eigenen Reihen. Wie rechte Parteien das Christentum für ihre Zwecke mobilisieren.

Im Februar dieses Jahres hat mit der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung erfreulicherweise eine auch konservativen Strömungen verbundene Institution ein Thesenpapier zu der Frage publiziert, wie rechtspopulistische Parteien mit dem Thema Religion umgehen. Autoren sind die Politikwissenschaftler Oliver Hidalgo und Philipp W. Hildmann sowie der Soziologe Alexander Yendell. Luzide stellen die drei Autoren fest, dass dem Thema „Religion“ in der „politischen Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus“ eine „Schlüsselrolle“ zukomme, da Rechtspopulisten „das Christentum primär aus strategischen Gründen in Anspruch“ nehmen. Stets laufe eine solche Instrumentalisierung auf das Ziel hinaus, „das ‚Abendland‘ gegen ‚Fremdgläubige‘ zu verteidigen“. Namentlich die „Inanspruchnahme des christlichen Erbes gepaart mit strikt antiislamischer Rhetorik“ sei ein „Hauptmerkmal“ von Rechtspopulisten.

Dieser Erkenntnis ist nicht neu, es ist aber wichtig, dass sich nun auch CSU-verbundene Milieus damit befassen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass der CSU-Parteivorsitzende Markus Söder vor rund einem Jahr mit der Anordnung, in jeder bayerischen Amtsstube ein Kreuz anbringen zu lassen, selbst den Eindruck erweckt hat, das Kreuz als abendländischen Identitätsmarker zu verzwecken. Daneben, das ist zu ergänzen, nehmen Rechtspopulisten wie auch radikale Rechte gerne Bezug auf historische Abwehrmaßnahmen gegenüber dem Islam. So hat etwa Alexander Gauland, der Co-Vorsitzenden der AfD, der die AfD selbst allerdings nicht für eine christliche Partei hält, bereits im April 2016 gegenüber der „Zeit“ gesagt, dass er „nicht in einer muslimischen Gesellschaft leben“ wolle. Denn dafür habe man „schließlich 1683 die Türken vor Wien nicht aufgehalten“.

Es ist eine Kreuzritter-Parole

Neuerdings mischen sich unter Rechten beide Ansätze, also die generelle Instrumentalisierung des Christentums einerseits sowie die Bezugnahme auf historische Kämpfe gegen den Islam andererseits. Jüngstes Beispiel ist ein Facebook-Posting der AfD Saalekreis. Ostersonntag lud sie ein Foto eines Flyers mit dem Slogan „Gott will es!“ hoch. Direkt darunter stand: „AfD stärkste Partei im Osten“. Bei „Gott will es“ handelt es sich um die deutsche Übersetzung des Schlachtrufs „Deus vult“, mit dem die Kreuzritter ins Heilige Land zogen. Außerdem waren auf dem Flyer eine Figur des auferstandenen Jesus mit einem Kreuz im Arm sowie Verse aus dem Johannes-Evangelium zu sehen. Überschrieben war das Posting wie folgt: „Keine Amtskirche und keine verstaubten Kleriker tragen das Wort Gottes nach außen. Nur die Zeichen sind es, welche davon zeugen, was Gott will: AfD stärkste Partei im Osten!“

Interessanterweise zeigt sich die AfD Saalekreis, die das Posting ein paar Tage später wieder löschte, in gedanklicher Hinsicht damit näher an islamistischen Gottesstaatbefürwortern dran als ihr lieb sein dürfte. Denn wer bewusst den Eindruck erweckt, sich auf einem neuerlichen Kreuzzug gegen den Islam zu befinden und damit Gottes Willen umzusetzen, steht islamistischen Fundamentalisten ideell nicht allzu ferne. Hauptgrund für die Löschung des Postings dürfte innerparteiliche Kritik gewesen sein, vor allem seitens des kirchenpolitischen Sprechers der AfD-Bundestagsfraktion, Volker Münz. Dieser hatte gegenüber der evangelikalen Nachrichtenagentur „idea“ – deren, das sei nebenbei bemerkt, Vorstandsvorsitzender Helmut Matthies sich erst im letzten Herbst von Beatrix von Storch hat interviewen lassen - angegeben, dass er das Posting „nicht gutheißen“ könne. Der Vorsitzende der AfD Saalekreis, der radikal rechte Islamwissenschaftler Hans-Thomas Tillschneider, der eng mit dem „Flügel“ um den Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke verbunden ist, wiederum gab gegenüber „idea“ an, sich bei Münz für die „unangemessene Grafik“ entschuldigt zu haben.  Dennoch postete der AfD-Kreisverband AfD Saalekreis genau vier Tage nach Ostersonntag wiederum auf Facebook einen Flyer mit dem Bild einer Kreuzritterfigur und dem Slogan „Wahlkreuzzug für Deutschland“.

Deus Vult gegen Allahu Akbar

Wirklich verblüffend ist indes der Umstand, dass ausgerechnet Volker Münz so empört auf das erste Posting reagiert hat. Denn er, der eigentlich als gemäßigter Vertreter der AfD gilt, hatte selbst keinerlei Hemmungen, in dem von ihm mitherausgegebenen und im letzten Herbst im deutlich rechts stehenden ARES-Verlag erschienenen Sammelband "Rechtes Christentum?", einen  Essay der identitären Theoretikern Caroline Sommerfeld mit dem Titel „'Gegen allahu akbar hilft nur deus vult' oder: Christentum und Identitäre Bewegung“ aufzunehmen. Mehr noch: gemeinsam mit seinen zwei Co-Herausgebern Felix Dirsch und Thomas Wawerka, die beide gelegentlich in Götz Kubitscheks „Sezession“ publizieren, wo nun auch Sommerfelds Text online erschienen ist, schrieb Münz im Vorwort Folgendes: 

„Sommerfeld veranschaulicht, wie ein als 'ecclesia militans' aufgefasstes Christentum, historisch im 'tausendjährigen Abwehrkampf gegen den Islam' konkretisiert, zur lebendigen Quelle einer 'großen Erzählung' und zur metapolitischen Ressource für die Ausbildung einer Haltung, einer Orientierung und schließlich bestimmter Aktions- und Protestformen werden kann. Leidenschaftlich wird auf die vorkonziliare katholische Tradition zurückgegriffen, selbstbewusst wird sie sich angeeignet und mit Verve umgesetzt." „Ecclesia militans“ also. Auf die Frage, wie Sommerfelds Text zum offiziellen Abgrenzungsbeschluss der AfD gegenüber der „Identitären Bewegung“ passe, sagte Münz in einem Interview mit einem „Chrismon“-Redakteur und mir, dass er an dem Beitrag „nichts Verwerfliches ­finden“ könne. Wie das zu seiner jetzigen Reaktion passt, verstehe, wer will. Aber wer weiß, vielleicht ist sogar Volker Münz die „Deus vult“-Rhetorik inzwischen zu viel geworden. 

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  1. von Rudi Sharping
    Schon ein oberflächlicher Blick in Frau Sommerfelds Text auf der Website "Sezession im Netz" hätte Frau Bednarz darüber belehren können, dass es sich nicht um den Text handelt, der in "Rechtes Christentum?" veröffentlicht wurde.
    Ganz offensichtlich liest Frau Bednarz nicht einmal die Texte, über die sie schreibt und die doch eigentlich in ihr "Spezialgebiet" fallen. Welcher Ansicht man über die Sache auch immer sein mag: Das ist schlechter Journalismus.