Die Neurechten haben den Heimat-Begriff nicht gepachtet 

Wenn Neurechte von „Heimat“ sprechen, meinen sie meist eine ethnisch-kulturell homogene Identität. Eine „echte Heimat“ kann für sie nur rein deutsch sein. Gerade deshalb ist es wichtig, ihnen den Heimat-Begriff nicht zu überlassen. 

Im Oktober des vergangenen Jahres widmete sich die Titelgeschichte des „ZEIT“-Magazins dem Thema „Heimat“. Die Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing machten Heimat als das aus, was Menschen prägt, sie nicht loslässt, mithin als eben jenen „Sehnsuchtsort“, der sie für viele ist. Gerade kurz nach Weihnachten lohnt sich die Lektüre, jedenfalls dann, wenn man für ein oder mehrere Tage Eltern und Großeltern besucht hat und damit oftmals an den Ort zurückgekehrt ist, an dem man aufgewachsen ist.

Brost und Wefing weisen darauf hin, dass Heimat lange „etwas Selbstverständliches“ war, der Begriff inzwischen jedoch „aufgeladen wie nie“ ist, „ideologisch erhitzt“. Wie wahr. Man muss inzwischen sehr genau hinsehen, zu welchem Zweck das Wort jeweils verwendet wird. Als plakative Beispiele nennen Brost und Welfing einerseits den gänzlich unverfänglichen sächsischen „Landesverein Heimatschutz“, der Wanderungen, Fotoausstellungen und Baumpflanzaktionen veranstaltet, sowie die „Initiative Heimatschutz“ andererseits, welche „gegen die sogenannte Überfremdung durch Flüchtlinge“ demonstriert.

Es gibt inzwischen eine regelrechte Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über angestammte Begriffe zwischen dem Teil der neurechten Szene, der sich selbst als solche bezeichnet, also dem Zirkel rund um den Verleger Götz Kubitschek und Menschen, die sich gegen die rechtsideologische Aufladung eben dieser Termini zur Wehr setzen. Im Mittelpunkt stehen „Heimat“, „Identität“, „Patriotismus“ und das Adjektiv „konservativ“. Wie sehr die Neue Rechte bereits seit den 1970er-Jahren versucht, letzteres für sich zu kapern, war Gegenstand der ersten Ausgabe dieser Kolumne.

Heimat als Synonym für eine ethnisch-kulturell homogene Identität

Der Versuch der Begriffsbesetzung ist Teil einer Doppelstrategie. Während die Neue Rechte unentwegt unserer liberale pluralistische Demokratie mit einer Diktatur verähnlicht und in unterschiedlichen sprachlichen Varianten die große Erzählung von der „Kanzlerdiktatorin“ verbreitet, welche das (ethnisch verstandene) „deutsche Volk“ im Verbund mit weiteren „Volksverrätern“ und der „Lügen“- bzw. „Lückenpresse“ durch „Fremde“ „austauscht“, spricht sie über sich selbst in möglichst harmlos klingenden Zuschreibungen wie „Patrioten“ und reklamiert den Einsatz für „Heimat“ und „Identität“ für sich. Allerdings versteht sie darunter etwas anderes als die meisten Menschen außerhalb der Szene, nämlich vor allem eine Heimat mit wenigen Zuwanderern und Flüchtlingen sowie eine möglichst ethnisch-kulturell homogene Identität.

So verwendete Martin Sellner, das bekannteste Gesicht der von mehreren Landesverfassungsschutzämtern sowie vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachteten „Identitären Bewegung“, jüngst auf Götz Kubitscheks Blog „sezession.de“ zwar den Begriff „Heimat“ nicht, schrieb dafür aber Folgendes: „Die Auslegung von Ideen und Begriffen wie Herkunft, Volk, Identität, Staat, Migration etc. darf weder altrechten Rassisten noch opportunistischen Verfassungspatrioten überlassen werden.“ Nun ist Sellners Abgrenzung gegenüber altrechten Rassisten, die in den Leserkommentaren allerdings auch auf einigen Widerspruch stieß, gewiss richtig, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die Neue Rechte mit ihrer Anknüpfung an das Gedankengut der Konservativen Revolution und ihrem Ideal einer möglichst großen ethnisch-kulturellen Homogenität die Errungenschaften unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung untergräbt.

Ist Deutschland eine „falsche“ Heimat für Deutsche?

Interessant ist in diesem Zusammenhang, mit welcher Herablassung Sellner von „opportunistischen Verfassungspatrioten“ spricht. Auf ihrer Webseite behaupten die „Identitären“ gar, sie seien die „erste freie, patriotische Kraft, die sich aktiv und erfolgreich für Heimat, Freiheit und Tradition einsetzt“. Das kann man nur ernsthaft von sich behaupten, wenn man unter diesen Begriffen etwas anderes versteht als außerhalb der neurechten Szene üblich. Aus Sicht der allermeisten Bürger werden genau diese Ideale jedenfalls schon seit Jahrzehnten durch die CSU vertreten.

Fast schon putzig wird es, wenn im Begriffskampf das Wort „echt“ hinzugezogen wird. Björn Höcke, der AfD-Fraktionsvorsitzende aus Thüringen, hat gerade erst den folgenden Spruch zum Titelbild seiner Facebook-Seite gemacht: „Ich wünsche mir ein Deutschland, das wieder eine echte Heimat für Deutsche“ ist. Wie soll man das verstehen? So, dass Deutschland derzeit eine „unechte“, „falsche“ Heimat für Deutsche ist? Ernsthaft? Höcke fordert bekanntlich eine „Obergrenze von minus 200.000“ für Flüchtlinge, also eine, wie viele Neurechte das nennen, „Remigration“. Journalisten sollten Höcke unbedingt einmal fragen, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund es denn hierzulande nur noch geben dürfe, damit das Gebiet zwischen Flensburg und Zugspitze wieder eine „echte Heimat“ ist, anstatt die pathosgeladenen vagen Äußerungen des studierten Gymnasiallehrers einfach nur hinzunehmen.

Die Neurechten haben den Heimat-Begriff nicht gepachtet 

Äußerst empfindlich reagieren Neurechte übrigens bisweilen, wenn Menschen anderer politischer Provenienz ihre Heimatverbundenheit zeigen. Gut zu sehen ist dies am Beispiel des neuen österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen, der sich im Wahlkampf zünftig auf Volksfesten zeigte und seither immer wieder als „Neo-Patriot“ bezeichnet wird, was durchaus abfällig gemeint ist.

Am besten geht man mit all dem gelassen um und lässt sich von der engstirnigen Begriffsauslegung der Neurechten nicht weiter beeindrucken. Schon gar nicht beim Verständnis von „Heimat“. Wer wie ich in der Nähe des Ruhrgebiets aufgewachsen ist, kennt schon von Kindesbeinen an Schulklassen, in denen Kameraden mit Migrationshintergrund selbstverständlich waren. Ihnen ist meine kleine westfälische Heimatstadt nicht weniger „Heimat“ als mir. 

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  1. von Gabriele Flüchter
    Danke für den motivierenden Beitrag zum Thema. Man müsste meiner Ansicht nach die Höckes und wie sie alle heißen, so lange mit Fragen nach ihrem Heimatbegriff belangen, bis sie auf ihre diskriminierenden Festlegungen selbst keine Lust mehr haben.
    Ich sehe es so, dass es der AfD und anderen, die glauben, den Heimatbegriff für andere Menschen festlegen zu können, viel zu leicht gemacht wird.
    Die Parteimitglieder sprechen zu viel mit ihren Parteikollegen und streiten zu wenig mit ihren Parteigegnern. Als Sigmar Gabriel, z. B., in Dresden tat -mit dem Gegner sprechen - schlug ihm allerdings ein sehr scharfer Wind entgegen.
    Das Sprechen mit dem Gegner scheint irgendwie geächtet zu sein, ich verstehe nur nicht, warum?
    Vielleicht, weil die Argumente des anderen nicht bekannt sind und befürchtet wird, diesen nicht begegnen zu können?
    Oder weil der Gegner Dinge sagt, dem der andere doch zustimmt, sich das aber nicht zurechnen lassen will?