Die Dauer-Provokation der AfD zieht nicht mehr

Die stagnierenden Umfragewerte der AfD sind keine Überraschung. Die Wähler haben längst begriffen, dass die Miesepetrigkeit der Partei nicht zum deutschen Lebensgefühl passt. 

Seit Monaten dümpelt sie nun schon in den Umfragen vor sich hin, die AfD. Nach der „Sonntagsfrage“ des Meinungsforschungsinstituts „Emnid“ vom 3. Juni 2017 steht sie wie bereits Ende Mai derzeit bei acht Prozent. Bei der „Sonntagsfrage“ wird ermittelt, wen die Befragten wählen würden, wäre am folgenden Sonntag Bundestagswahl.

Am Ende der Vormonate April und März kam „Emnid“ jeweils noch auf einen Wert von neun Prozent für die AfD. Ende Januar waren es hingegen elf, zum Schluss des Dezembers 2016 gar 13 Prozent. Seit der Dresdner Rede von Björn Höcke, dem Vorsitzenden der Thüringer AfD-Fraktion, und den nachfolgenden innerparteilichen Querelen um das gegen ihn durch den Bundesvorstand der Partei eingeleitete Parteiausschlussverfahren ist der Höhenflug indes vorbei. Die Zehn-Prozent-Grenze hat die Partei in den „Emnid“-Umfragen seit Februar nicht mehr erreicht. Ebenso sieht es beim Meinungsforschungsinstitut „Allensbach“ aus.

Bei „Forsa“ war die Partei zuletzt am 8. Februar, bei der „Forschungsgruppe Wahlen“ am 17. Februar mit jeweils zehn Prozent zweistellig. Die „Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung (GMS)“ wiederum verzeichnete am 9. Februar mit elf Prozent zum letzten Mal ein zweistelliges Ergebnis. Nur bei „Infratest Dimap“ und „INSA“ sieht es etwas besser aus. „Infratest Dimap“ zufolge lag die AfD in den Umfragen vom 23. Februar bis zum 13. April bei elf Prozent, rutschte dann auf zehn Prozent ab und wurde sodann am 18. Mai mit neun Prozent einstellig. Bei „INSA“ unterbot sie mit neun Prozent Anfang April die Zehn-Prozent-Marke, erklomm diese jedoch bei allen weiteren Umfragen in diesem Monat erneut. Am 2. Mai ging es wieder runter auf neun Prozent, dann bei zwei weiteren Befragungen hoch auf zehn. Am 22. Mai sackte die Partei auf schlappe acht Prozent herab. Die letzte „INSA" - Umfrage vom 29. Mai sieht sie nun bei 9 Prozent.

Die Provokationen der AfD führen trotz Medienresonanz zu keinem Wählerzulauf

Bei allen Unterschieden im Detail ist die Stagnation evident. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil führende Vertreter der AfD sich vor allem im April und Mai große Mühe gegeben haben, mit markigen Sprüchen und schrillen Provokationen aufzufallen. So behauptete Jörg Meuthen, der Co-Bundesvorsitzende der Partei, auf dem Kölner Parteitag am vorletzten April-Wochenende Folgendes: „Gerade in jüngerer Zeit gehe ich sehr bewusst durch die Straßen meines Landes und meiner Stadt. Und wenn ich an einem Samstagmittag im Zentrum meiner Stadt unterwegs bin, mit offenen Augen, und ich gucke hin, wissen Sie, was ich dann sehe? Ich sage das wirklich ohne jede Übertreibung und mit großem Erschrecken: Ich sehe noch vereinzelt Deutsche“. Besagte Stadt ist nicht etwa Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln. Sondern, man höre und staune: das beschauliche badische Karlsruhe. Miriam Hollstein, Politikredakteurin der nicht gerade der Multikulit-Verklärerei verdächtigen „Bild am Sonntag“, twitterte daraufhin: „Meuthen behauptet: er sehe in Karlsruhe ‚nur noch vereinzelt Deutsche‘. Ich als gebürtige Karlsruherin sage: SCHWACHSINN!!!!! #afdbpt17“. Am letzten Wochenende war auch die Verfasserin dieses Textes in Karlsruhe und kann das voll bestätigen.

Das eigentlich Skandalöse an Meuthens Spruch liegt allerdings auf einer tieferen Ebene. Denn woher will der Mann wissen, wer „Deutscher“ ist? Unterstellt er Menschen mit Augen und Haaren, die dunkler als die seinen sind, etwa, dass diese keine Deutschen seien, ohne auch nur eine Sekunde daran zu denken, dass viele von ihnen hier geboren wurden und nicht selten auch über die deutsche Staatsangehörigkeit verfügen? Immerhin: Umfragemäßig gebracht hat Meuthen diese Äußerung nichts.

Auch der Versuch Alice Weidels - neben Alexander Gauland Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl - , auf dem Kölner Parteitag mal so richtig draufzuhauen, hat trotz der immensen Medienresonanz offenbar zu keinem Wählerzulauf geführt. Wie in der Mai-Ausgabe dieser Kolumne näher analysiert, meinte sie frank und frei und mithin ohne jede Einschränkung sagen zu müssen, dass die „politische Korrektheit auf den Müllhaufen der Geschichte (gehöre)“. Desgleichen war auch Beatrix von Storch emsig auf Twitter wie auf Facebook, stets bemüht, den hohen Ton der ihr so eigentümlichen Scharfmacherei zu halten. Nachzulesen ist das hier und hier.

Die AfD predigt ein Schwarz-Weiß-Denken

Natürlich ist die Integration der Flüchtlinge nicht immer einfach, auch gibt es bei bestimmten Delikten einen Anstieg in der Kriminalität. Aber, und das ist die gute Nachricht, zeigt die deutsche Bevölkerung einen pragmatischen Umgang mit den Problemen, die es nun einmal gibt und verfällt nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken, wie die AfD es predigt.

Seit gestern ist nun bekannt, dass auch die AfD zumindest in Teilen erkennt, dass ihr Kulturpessimismus abschreckt, dass die Miesepetrigkeit nicht zum Lebensgefühl der Deutschen anno 2017 passt. Wie das Magazin „Stern“ in seinem Online-Auftritt exklusiv berichtet hat, schreiben die Entwickler der vom AfD-Bundesvorstand „abgesegneten“ Kampagne für die Bundestagswahl der Partei einiges über ihren „aktuellen Zustand“ ins Stammbuch. Und zwar so deutlich, dass manche Parteifunktionäre das so wenig ertragen können, dass sie gleich auf eine zweite Kampagne ausweichen. Laut „Stern“ heißt es im Analyse-Teil der Bundesvorstands-Kampagne wörtlich: „Image: Dunkeldeutschland-Partei, die 'Angstmacher' (AfD = Angst für Deutschland), (…), kurzum: NICHT GESELLSCHAFTSFÄHIG. Damit unwählbar für die bürgerliche Mitte." Und: „Der sympathisierende Wähler erkannte in Köln erstmals das Bild einer zerstrittenen Partei, deren Machtkämpfe zum Selbstzweck geworden sind."

Eine oberflächliche Imagekorrektur mit den von der Werbeagentur angedachten und ebenfalls im „Stern“ beschriebenen bunten Plakaten dürfte da kaum helfen. Längst weiß der deutsche Wähler, das zeigen die eingangs zitierten Umfragen, mit wem er es zu tun hat. Mit einem bitteren Bonbon. Darüber wird auch die schönste blaue Hochglanzverpackung mit großer roter Wahlkampf-Schleife nicht mehr hinwegtäuschen können.

Der Text wurde nachträglich angepasst. Im Original-Text war nicht eindeutig klar, auf welche Stadt Jörg Meuthen sich auf dem Kölner Parteitag bezog. Meuthen meint mit "meine Stadt" seinen Wohnort Karlsruhe. 

 

7 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Bang Ji
    Es scheint schon mehr als nur makaber, dass die jungen Menschen in diesem Neuen Deutschland nicht im Stande zu sein scheinen, die Differenzen zwischen der heutigen Praxis der Neuen Sozialen Marktwirtschaft nach Kohl, Genscher, Lambsdorf, Waigel, Schröder, Fischer, Clement, Eichel, Riester, Merkel und Konsorten und der einmal so erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft nach Eucken, Müller-Armack und Erhard zu realisieren.
    Ich frage mich, ob diese jungen Leute so doof oder aber einach nur zu faul sind, um diese über ihre Zukunft entscheidende Differenz zu studieren und politisch mit einem richtig großen, realen Widerstandsshitstorm in allen Städten, auf allen Straßen und vor allen Dingen vor allen heutigen Klientel- und Lobbyinteressenvertretungsparlamenten zu beantworten.
    Aber diese Frage werden die jungen Menschen schon selbst beantworten, in dem sie entweder zu jenen allerdümmsten Kälbern werden, die sich ihre Metzger und Schlächter selber wählen und ihre Leben in den heute so beliebten Zwangsarbeits- und Sklavenarbeitsplätzen der real-existierenden Investitionskapitalplanwirtschaft unserer Geldherrschaftsdiktatur zerstören zu lassen.

    Die heute noch immer als parlamentarische Demokratie begriffene Klientel- und Lobbyinteressenvertretungsdemokratur ist nichts anderes als das, was die global strategists der Citigroup Corporation Inc., N.Y. zwischen 2000 und 2005 als PLUTOCRACY als neues Gesellschaftssystem und als PLUTONOMY als neues Wirtschaftssystem entwickelt hatten. Systeme, in denen die Menschen heute nur noch als Humankapital definiert und entsprechend entrechtet, entwertet, entmenschlicht und schlussendlich final ihrer Existenz beraubt werden.

    "Deutschland soll leben, auch wenn wir sterben müssen.", nur eben als Version 4.0 in der Neuen Sozialen Marktwirtschaft.
    Besitzstands- und Erbbesitzterrorismus als Gesellschaftswirklichkeit und scheinbar merkt es keiner.
  2. von Andreas Rabe
    Liebe Frau Bednarz,

    "Denn woher will der Mann wissen, wer „Deutscher“ ist?"

    Sehr witzig. Das ist doch lebensweltlich irre eine solche Frage zu stellen. Natürlich kann man allen möglichen Staatsfremden die deutsche Staatsbürgerschaft aushändigen, aber wir wissen doch genau wer Teil unseres Volkes ist, und dazu zählen natürlich auch österreischische Staatsbürger und Volksdeutsche im Osten.

    Das deutsche Volk ist ja ein generationenübergreifender kultureller Strom, der nicht mit der Bevölkerung von Staaten identisch ist. Sicherlich gibt es Fälle, wo man nicht erkennt, wer Franzose, Deutscher, Mann und Frau ist. Aber aufgrund unsicherer Identitäten dürfen wir unsere Identität nicht madig machen lassen.
  3. von Ruben Ballutschinski
    Sehr geehrte Frau Bednarz,

    Ihrer Analyse kann ich nicht folgen. Hauptpunkt hierbei ist, dass der Flüchtlingstrom von Orban, Österreich und weiteren Balkanstaaten erfolgreich und antithetisch zu Frau Merkel gestoppt worden ist.
    Momentan erfolgt der Zustrom wie vor August/September 2015 über das Mittelmeer und ist das Problem Italiens. So wie seit Jahrzehnten zuvor sterben heute wieder viele Flüchtlinge auf dieser Überfahrt. D h. mit dem Stoppen des Flüchtlingsstroms ist der status quo ante wieder hergestellt worden.

    Es hat im September 2015 eine neue Politik des "Wir schaffen das!" gegeben bzw. ist von Frau Dr, Merkel ausgerufen worden und von ihr nicht mit Leben gefüllt worden. Ein Jahr später - nach dem Bau der ungarischen Mauer - hat sie selbst eingräumt, dass sich diese Politik nicht wiederholen darf. Kurzum: Frau Dr. Merkel ist katastrophal gescheitert. Sollte es die AfD in den Bundestag schaffen, hat Merkel es auch noch geschafft das Straußsche Paradigma, dass es keine Partei rechts von der CDU geben dürfe, einzureißen.

    Mit dem Abebben des Zustroms nahmen auch die Umfragewerte der AfD ab.Mitnichten gibt es eine wie von Ihnen gefolgert gute Nachricht:

    "Aber, und das ist die gute Nachricht, zeigt die deutsche Bevölkerung einen pragmatischen Umgang mit den Problemen, die es nun einmal gibt und verfällt nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken, wie die AfD es predigt."

    Wenn dem so wäre hätte es das Anschwellen der AfD nie gegeben oder geben dürfen. Der Bürger ist heute wieder glückllich darüber, dass die Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken oder von fernen Mauern abgehalten werden. Würde Frau Merkel heute beschließen im Jahr 2017 eine sechsstellige Zahl an Flüchtlingen mit dem alten Slogan aufzunehmen, die AfD wäre ganz schnell wieder im sicheren zweistelligen Bereich.

    Man macht sich etwas vor, wenn man sich einredet, dass die bundesdeutsche Gesellschaft weltoffen, antirassistisch und demokratisch gefestigt ist.
  4. von Bernd Sobisch
    Für den Zerfall der AfD sind die inneren Parteiquerelen verantwortlich. „Markige Sprüche", dienen der Profilierung, allgemein üblich in Politikerkreisen. Jedweder Partei. Da wird viel Blödsinn abgesondert. Warum auch nicht? Zu den intelligentesten Mitmenschen zählen diese leute wahrlich nicht. „Dauerprovokationen" ist viel zu pauschal und nicht generell zutreffend. Das abgebildete Plakat beispielsweise, gibt eine vernünftige Position wieder. Oder ist der Inhalt automatisch falsch, nur weil einem die Verfasser nicht genehm sind?
  5. von Peter Müller
    Miesepetrigkeit? So nennt man das also inzwischen, wenn die Politik Probleme aufgreift, die die Menschen umtreiben?

    Die AfD stagniert in den Umfragen, weil sie Höcke nicht los wird und auf dem Parteitag in Köln ein desaströses Bild abgegeben hat. Die AfD hat das Bürgertum verschreckt, statt es abzuholen und erreicht demnach nur noch ein Bruchteil der 25%, die möglich wären.

    Aber man muss auch einfach mal darüber nachdenken, was für Persönlichkeiten sich einer jungen, umstrittenen Partei anschließen: Das sind Streithansel, Quertreiber, Dickköpfe; Leute, die andere Meinungen nicht interessieren. So wie bei den Grünen damals, so wie bei der Piratenpartei damals. Aber es ist halt ein Unterschied, ob man als kommunistischer Müsli-Spinner, ahnungsloser Nerd oder Nazi verunglimpft wird.
    1. von Bernd Sobisch
      Antwort auf den Beitrag von Peter Müller 08.06.2017, 10:17:24
      Sehr geehrter Herr
      Peter Müller
      Exakte und zutreffende Analyse. Dem kann ich nur zustimmen.

      MfG Bernd Sobisch
  6. von Reinhard Selke
    Aber nein, aber nein

    "Die Wähler haben längst begriffen", sie haben nicht, denn es gibt sie nicht. "Die Wähler" sind keine homogene Masse, sondern eine Ansammlung mehr oder minder geglückter Individuen. Manipuliert von vielen Seiten, von der Familie, dem sozialen Umfeld, den Medien und der Politik. Fremdbestimmt durch Abläufe im Gehirn, die nicht steuerbar sind.

    "die Miesepetrigkeit der Partei nicht zum deutschen Lebensgefühl passt. "
    Ach ja, die Miesepetrigkeit, auch so eine subjektive Kategorie. Kombiniert mit dem "deutschen Lebensgefühl", das noch schöner nach subjektiver Vorstellung klingt.

    Konkret ist bei der AfD kein Anwachsen zu bemerken, eher ein leichtes Nachlassen. Es gibt sie noch, die Wähler, die sie wählen wollen (nicht "die Wähler" s.o.). Es gibt viele Wähler, sie nicht wählen wollen.
    "Das eigentlich Skandalöse" ist, dass die eigene Oberflächlichkeit im Formulieren (s.o.) anderen vorgehalten wird. Wer meint, das "deutsche Lebensgefühl" bestimmen zu können sollte nicht jemandem vorwerfen, "Deutsche" zu erkennen. Beides ist gleichermaßen sinnig oder unsinnig.