Die AfD als "Vollenderin" der friedlichen Revolution?

In Ost und West wird anders über Deutschland gedacht. Auch daraus speist sich die Zustimmung zur AfD in den neuen Ländern. Die Partei dockt dort rhetorisch an DDR-Zeiten an - und vergleicht sich und ihre Anhänger mit denen, die schon im Stasi-Staat nicht sagen konnten, was sie denken.

Vor ein paar Tagen fasste Renate Köcher, die Leiterin des „Instituts für Demoskopie Allensbach“ in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die Ergebnisse einer jüngsten Studie zum Identitätsgefühl der Ostdeutschen zusammen. Diese zeigen deutlich, dass es zumindest partiell weiterhin so etwas wie eine spezifisch ostdeutsche Mentalität gibt.

Der Studie zufolge sieht „knapp jeder Zweite in Westdeutschland, aber nur gut jeder dritte Ostdeutsche die Entwicklung im Osten seit 1990 als Erfolg“ an. Zudem empfinden sich lediglich 44 Prozent der Letzteren primär als Deutsche, 47 Prozent hingegen sehen sich in erster Linie als Ostdeutsche. Demgegenüber betrachten sich 71 Prozent der Westdeutschen vorrangig als Deutsche.

Diese Zahlen gilt es ernst zu nehmen, weil sie eine zentrale Erklärung dafür bieten, warum die AfD in Ostdeutschland so große Erfolge erzielt und bei den anstehenden Landtagswahlen am 1. September in Sachsen und Brandenburg sowie am 27. Oktober in Thüringen voraussichtlich jeweils deutlich über 20 Prozent der Stimmen erhalten wird.

Keiner Partei gelingt es derzeit so gut wie ihr, an spezifisch ostdeutsche Stimmungslagen anzudocken und diese zu eigenem Nutzen zu vertiefen. Ganz oben rangiert dabei die ständige Verähnlichung der heutigen Lage in der Bundesrepublik mit derjenigen in der Spätphase der DDR. Sattsam bekannt sind die eher plumpen DDR-Analogien, wie sich sie etwa durch diverse Reden von Alexander Gauland ziehen. Da ist die Rede von „Blockparteien“ (gemeint sind die etablierten Parteien), einer „Art Politbüro“ (gemeint ist die Merkel-Regierung) oder der AfD als „das aktuelle Neue Forum“.

Der Streit um die sächsische Kandidaten-Liste und die gefälschte Volkskammerwahl von 1989 werden gleichgesetzt

Doch das ist nur die Oberfläche. Tatsächlich berührt die AfD das Identitätsgefühl der Ostdeutschen in anderer, subtilerer Form noch viel intensiver. Das geschieht auf zwei Ebenen. Zum einen knüpft die Partei sehr geschickt an persönliche Lebenserfahrungen sowie kulturelle Erinnerungsräume vieler Ostdeutscher an. Zum anderen setzt sie sich neuerdings als Hüterin und vor allem als Vollenderin der friedlichen Revolution in Szene. Beide Ansätze sind ausgesprochen wirkmächtig.

An kulturelle Erinnerungsräume knüpften AfD-Vertreter etwa an, als sie nach der Zurückweisung eines Teils der Kandidatenliste für die  sächsische Landtagswahl durch den Wahlausschuss Anfang Juli Parallelen zur gefälschten letzten DDR-Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 zogen. Mittlere und ältere Generationen im Osten haben daran jederzeit aktivierbare Erinnerungen.

Bereits im Mai dieses Jahres rief Maximilian Krah, stellvertretender Landesvorsitzender der Sachsen-AfD und mittlerweile Mitglied des Europäischen Parlaments, in einem Video des neurechten Vereins „Ein Prozent“ Freiwillige zur Beobachtung der damals anstehenden Europaparlamentswahl sowie auch der kommenden Wahl in Sachsen auf. Und zwar mit diesen Worten: „Mit Filzstift und Lineal gehen wir zur Wahl. Das war 1989 der Fall. Damit wurde sichergestellt, dass die Nein-Stimmen nicht wegradiert werden und man blieb nachher im Wahllokal und passte auf, dass sie nicht verschwanden. Heute haben wir www.wahlbeobachtung.de“

Björn Höcke, das Gesicht der radialen Scharfmacher in der Partei, weckte bereits mit seinen zahlreichen Demonstrationen auf dem Erfurter Domplatz im Herbst und Winter 2015/16 Erinnerungen an die Endphase der DDR. Damals nämlich fanden auf dem Domplatz ebenfalls große Demonstrationen statt, am 9. November 1989 sogar mit rund 80.000 Menschen. In seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ beruft Höcke sich zudem beim Thema „Umgang mit Mythen“ positiv auf den regimekritischen DDR-Schriftsteller Franz Fühmann. Die meisten Westdeutschen dürften das eher überlesen.

Die "Angst vor offenen Worten" - ein Motiv von heute wie von damals 

Beim brandenburgischen Wahlkampfauftakt der AfD in Cottbus Mitte Juli berichtete Höcke wiederum von einem „besorgten Bürger", der ihm jüngst geklagt habe, „mittlerweile Angst“ zu haben, „am Mittagstisch mit meinen Kindern noch ein offenes Wort zu wechseln, aus Sorge davor, dass sich die Kleinen in der Schule verplappern könnten.“ Auch so weckt man ganz persönliche Erinnerungen vieler an das eigene Leben in der DDR. Geschickt kommentierte Höcke diesen Bericht mit den Worten, dass es „schon wieder soweit“ sei und „sich schon wieder so wie in der DDR“ anfühle. Dafür habe man „nicht die friedliche Revolution gemacht“. Dementsprechend schloss Höcke seine Rede später mit dem Aufruf „Vollenden wir die Wende, es ist an der Zeit.“

„Vollende die Wende“ heißt auch die-Landtagswahl-Kampagne der brandenburgischen AfD. Auf ihrer Homepage steht „Werde Bürgerrechtler!“ und „Es ist Zeit zu vollenden, was 89 begonnen wurde:“ Desgleichen gibt es Plakate mit Sprüchen wie „Vollende die Wende – die friedliche Revolution mit dem Stimmzettel“ oder „Schreib Geschichte 1989/2019 – Vollende die Wende!“.

Der Soziologe David Begrich, dem ich die Sensibilität für das Thema dieser Kolumne verdanke, wies unlängst im „Freitag“ darauf hin, dass die AfD „in den ostdeutschen Bundesländern permanent an die Erfahrung des Systemumbruchs des Jahres 1989“ appelliere, dabei aber „die inhaltlichen Konturen der gewünschten Vollendung der Wende unscharf“ halte, so dass sich jeder zum Nutzen der AfD „selbst ausmalen kann, was ihr Inhalt sein solle“. In Ostdeutschland, so Begrich in einem weiteren Text im „Freitag“, treffe diese Rhetorik „30 Jahre nach der Wiedervereinigung den Nerv jener Menschen, die den Eindruck haben, für sie gäbe es keinen Ort politischer und kultureller Repräsentation im vereinigten Deutschland.“

Es fehlt das Paroli der etablierten Parteien

Fragt man sich nach den Gründen, warum sich diese Mentalität so hat verfestigen könne, drängt sich das Bild einer Art Staffelübernahme auf. Die AfD profitiert im Osten heutzutage von der Nostalgie und Sehnsucht nach einer Art „Kümmerer“-Partei. Den Grund dafür hat nicht zuletzt die PDS Anfang der 90er mit einem Image des Sich-Kümmerns und der Vertretung spezifisch ostdeutscher Belange bereitet. Mit ihrem Fokus auf Sozialpolitik kann die AfD im Osten auf diese Weise subtil an die Idee des sozialistischen Kollektivs anknüpfen, das dort von den Kreisen rund um Björn Höcke vielfach um ein völkisches Kollektiv ergänzt wird. Heraus kommt eine völkische Sozialpolitik, die gegen den Individualismus in einer globalen Marktwirtschaft ausgespielt wird.

Die etablierten Parteien müssen der „Wende-Vollender“- Rhetorik der AfD dringend Paroli bieten und zwar durch eine positive Betrachtung des im Osten Geleisteten. Gewiss, es gibt dort viele Probleme, darunter die Abwanderung in den Westen, die ungleichen Lebensverhältnisse und gebrochene Biographien. Aber es gibt auch eine spezifisch ostdeutsche Erfolgsgeschichte, eine, wenn auch langsamer als erhofft, vielfach gelingende Transformationsgesellschaft, sanierte Städte und eine optimistische Mentalität.  

14 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Gabriele Flüchter
    Guten Tag Herr Kube,
    zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Wie oft bin ich schon an dem Denkmal zur Erinnerung an Ihren Tod vorbeigelaufen und mir ist nichts weiter dazu eingefallen. Ich bitte um Verzeihung. Bei GFluchter, Twitter - vielleicht hätte Ihnen Social Media ja auch gefallen? - sehen Sie ein Bild von meinem Lebenslauf, als Sie starben mit 17, trug ich den roten Pullover und hatte Dauerwelle, das galt als "In" damals, Ihre Haarfrisur ist ja auch ganz schön peppig, Sie gleichen auf meinen Neffen, der ist auch gerade 17 geworden und macht seinen Führerschein.

    Sie verbrachten Ihre Kindheit in Ruhlsdorf bei Teltow, das lese ich an dem Denkmal kurz vorm Teltower Damm, am Teltowkanal. Ich lebte als Kind in Rosendahl bei Coesfeld, das ist nicht weit von der niederländischen Grenze. Als Sie starben, war ich vier, ich mochte gerne auf dem Mäuerchen beim Nachbarn sitzen und Enten zugucken.


    Sehr früh fingen Sie schon an zu arbeiten im VEB Industriewerk Ludwigsfelde, ich machte noch Abi und dann eine Lehre bei der Sparkasse (das brave Bild in beige trifft die Phase in etwa) Ich lernte da sehr viel und die Devise war "Egal, was Sie für einen Fehler machen, als Auszubildende werden Sie dafür nie kritisiert" - und genau so war das auch. Anders als Sie eckte ich nicht an, obwohl ich immer und sehr gerne widersprach. Ich kriegte aber die Kasse schlecht passend und so ließ ich das mit der Bank wieder und studierte Wirtschaft, ich war schon 23, als ich damit anfing, Sie dagegen wurden am Mauerstreifen einfach so erschossen, nur, weil Sie weg wollten. Das ist Grund genug, die DDR nicht gut zu finden. In meinem Geschichtsbuch (Band 4) kommen nur zwei jüngere Leute zu Wort, Hans und Sophie Scholl, sie sagen: "Im Namen der deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen."
    (Aus dem letzten Flugblatt der "Weißen Rose", 1943)


  2. von Gabriele Flüchter
    An Rutgers van der Loeff Basenau stellt in ihrem Buch "Pioniere und ihre Enkel" (Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1959) Zitat, S. 48/49 "Vor anderthalb Jahren habe ich einem polnischen Jungen New York gezeigt [...] Er war mit seiner Mutter angekommen, und erst noch ein paar Wochen in Quarantäne gewesen. Er war 17, seine Mutter 50, und sein Vater war im Krieg umgekommen. Sieben Jahre lang hatten sie sich nicht gesehen, waren sie beide, ständig wechselnd, immer in verschiedenen Lagern gewesen. Durch die Suchstellen für D.P.s. hatten sie sich endlich gefunden. Dann mussten sie noch ein halbes Jahr oder länger in einem D.P.-Lager bleiben. In Bremen habe ich sie kennen gelernt, dort arbeitete ich in einem Durchgangslager für D.P.s., die sich nach Übersee einschiffen wollten. Sie kamen erst spät an die Reihe [...] Welch ein Anblick - all die Menschen, auf deren Gesichtern sich Furcht und Hoffnung malten und die wie eine große Herde die Laufplanke herunterdrängten, hinein in ein fremdes Land...Sie hatten schon so viel durchgemacht. Was würde sie hier erwarten?"

    Als ich 17 war, war ein "Wohnhochhaus in Chicago" das Bild auf meinem Geschichtsbuch (Diesterweg, Spiegel der Zeiten, Band 4) Herausgegeben von einer Arbeitsgemeinschaft von Geschichtslehrern. Über Chicago steht nichts drin in dem Geschichtsbuch, ich verstand das Bild lange nicht, erst als ich anfing Wirtschaftsgeschichte zu studieren, verstand ich es. Noldes Blumenbilder verstand ich sofort, denn in dem Geschichtsbuch wird mir Heinrich Himmlers Ideologie von den Pflanzengärten, für die er den Osten "unverrückbar" zwangsbesiedeln wolle (noch 1944 sprach Himmler so) durch Zitate nahe gebracht.

    Der Krieg wurde verloren, die Grenzen verrückt.
    Mein Urgroßvater Emil Franke kam 1946 im Durchgangslager Lette an, er starb dort 1948, das Standesamt nannte das Lager "Flüchtlingsaltersheim", seine Tochter Anna lebte in Lippstadt, Emil junior in Thüringen, sein Alfons starb im "Seuchenlazarett" Inslerburg

  3. von Gabriele Flüchter
    Ich stimme Frau Bednarz zu, wenn Sie schreibt, dass die AfD, an individuellen Lebenserfahrungen anknüpft, welche Lebenserfahrung kam im Osten, aber auch im Ruhrgebiet z. B. öfter vor, als anderswo?
    Die Erfahrung, seine wirtschaftliche Existenzgrundlage zu verlieren, wer nicht von Haus aus und immer schon reich war, erfährt schlaflose Nächte deswegen, puren Stress, der schwer auszuhalten ist.

    Nun sehen aber die "Köpfe" der AfD gar nicht so aus, wie Menschen, die am Rande der Existenz kämpfen, Frau Weidel optisch immer noch schweizerische Bankmanagerin, der optische Prototyp der Karrierefrau, Alexander Gauland könnte, ohne optische Änderungen als Landlord im Kino auftreten, das passt nicht für individuelle Lebensgefühle der Getriebenen, der wirtschaftlich verängstigten, es ist das Werbeangebot an die anderen, die mit dem Geld, denn auch solche braucht ja jede Partei, die nicht insolvent werden will.

    Björn Höcke ist nicht so leicht zuzuordnen. Er sieht aus, wie alle unauffälligen Typen aussehen, adrett, schlank, wenn der elektrische Blick nicht wäre - als Lehrer vertritt er eine Kaste, die nicht sexy ist - die Anknüpfung an die Existenzängste vieler Bundesbürger, vor allem aber nicht nur im Osten - ist der Status des "ungebrochenen vom System Ausgespuckten".


    Als "Alternative" muss die AfD vage bleiben, was direkte Geschichtsbezüge angeht - einen Wiedergänger Adolf Hitlers will wohl kaum jemand und einen Wiedergänger Erich Honeckers auch nicht, und Honecker war ja von den Nazis gefangen gewesen - die AfD aber ist "Jäger".


    Ich denke, die AfD hat es im Osten leichter, weil der strukturelle Rassismus der DDR-Geschichte weit weniger aufgearbeitet ist, als der struktuelle Rassismus der Nazi-Herrschaft, dieses Vakuum lässt einige Luft für gefährliche Phantasien über alternative Diktatoren, die versprechen, die Ängste der Menschen zu beseitigen zu können.


    Der Beitrag von Frau Bednarz setzt genau richtig an, nochmals ganz herzlichen Dank dafür.
  4. von Peter Schulz
    Was für ein grauenhafter Unsinn. Es wird der AFD gefallen.

    Dilettantische soziologische Erklärungen mit der sich Frau Bednarz hier wiederholt versucht:
    Rechtsextremismus als Folge von Wolfspopulation, Treuhand und Windrädern. Der verängstigte Deutsche, der traurige Deutsche, der überforderte Deutsche.
    Und jetzt kommen noch die (angepassten, armen) Deutschen dazu, die schon im Stasi-Staat nicht sagen konnten, was sie denken.

    Übrigens die Bednarz.logik wenn es um "Mit Rechten reden" geht: sobald ein Nazi schlecht über andere Nazis redet, darf man ihn nicht mehr wegen seiner Mord- und Gewaltfantasien kritisieren, sondern muss ihm gut zureden und ihn motivieren:

    Passend zum 20. Juli hatte Sie sich mit Michael van Laack, einem strammen Nazi und Antisemiten, befreundet, der seine Seite (widerlich genug) mit Dietrich Bonhoeffer "Von der Dummheit" schmückt.
    Sie fand es außerordentlich mutig dass er sich angegeblich, heroisch, gegen Höcke stellte, und würdigte dies mit einem eigene Thread auf ihrer Seite, bedankt sich bei dem "Lieben Miachel".
    Alle Warnungen dort vor Miachel van Laack (wie z.B. von Ruprecht Polenz) begegnete sie als unbegründet oder gleich mit blockieren.
    Erst als Michael van Laack sich dort öffentlich als "religiösen" Antisemiten erklärte (Bednarz "Erklärung wäre gut, denn der Begriff wirkt sehr erschreckend und macht mir Angst") und verteidigte, löschte Sie diesen Thread, ohne weiteren Kommentar, bleibt aber Miachel van Laack treu als Freund verbunden.
    Zumindest auf van Laacks Account vermeldet sie, dass sie den Thread gelöscht hätte weil sie Antisemitismus nicht duldet.


    Pech nur dass das alles dokumentiert ist, z.B. hier bei ihrem Kollegen Duve:
    https://twitter.com/sduwe/status/1151930407543291910
    und
    https://twitter.com/sduwe/status/1152584145220067328

    1. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Peter Schulz 29.07.2019, 17:57:16
      Was hat ihr "Freundschaftsbegriff" mit dem Artikel hier zu tun, Herr Schulz?

  5. von Reinhardt Gutsche
    1990 stand AfD noch für „Allianz für Deutschland“


    In der „Zeit“ meinte Jens Jessen vor zwei Jahren, es sei „Kennzeichen jeder Revolution, dass sie die Strukturen der gestürzten Welt spiegelbildlich wiederholt.“ Dieser wie in Stein gemeißelte Satz beträfe dann natürlich auch die sog. Friedliche Revolution 1989 und wäre ein Erklärungsmuster für das deutsch-nationale Grummeln in den Nachfolgeländern der DDR, man habe nicht die alte UdSSR zum Teufel gejagt, um sich in der „EUdSSR“ wiederzufinden. Das ist zwar hanebüchener Unsinn, aber nur Ausdruck eines ähnlichen „spiegelbildlichen“ Ohnmachtsempfinden gegenüber einer übergestülpten Macht, wie man sie mit den Straßenprotesten der Feierabendrevolution im Herbst 1989 gerade loswerden wollte.

    Insofern ähneln die Dresdner abendländischen Spaziergänger und südost- sächsischen AfD-Wähler den jubelnden Massen im Dezember 1989 vor der Semper-Oper, die unter dem Meer schwarz-rot-goldener Lochfahnen dem Kanzler zuriefen: „Helmut! Nimm uns an die Hand und führe uns in‘s Wirtschaftswunderland!“ An EU-Fahnen kann sich da niemand erinnern.

    Die damaligen Schlachtrufe „Wir sind das Volk“ und mehr noch „Wir sind ein Volk“ im Lichte der späteren Entwicklung nicht post festum als „populistisch“ und „nationalistisch“ zu lesen, fällt schwer. Insofern hat sich „der Osten“ nicht geändert, nur glaubten damals die Neo-Völkischen unter den Friedlichen Feierabend-Revolutionären ihre Sache in der damaligen AfD, der „Allianz für Deutschland“ (nicht für Europa!) gut aufgehoben. Allmählich dämmerte es ihnen wohl, daß das alles doch wohl nicht so gemeint war. Den meisten von ihnen ist es zwar wirklich, wie von Kohl versprochen, besser ergangen, aber sie wollen nur nicht den damaligen paternalistischen Hätschelstatus mit den Neuankömmlingen teilen.

    1. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Reinhardt Gutsche 29.07.2019, 16:31:40
      Was soll das heißen "Der Osten hat sich nicht geändert"?
      Das ist doch kein Stillleben, sondern Leben von Menschen, die vereinigte Bundesrepublik, 80 Millionen, seit 29 Jahren gestalten die das zusammen - wie kann man da sagen "Der Osten hat sich nicht geändert?"
      Meine Biografie wäre nicht meine Biografie ohne das Miteinander mit Menschen aus Sachsen und Brandenburg, gemeinsames Leben verändert doch das Land schon lange.
  6. von Gerd Golm
    AfD als Vollenderin der friedlichen Revolution mit Schusswaffeneinsatz an der Grenze?
    Und auch sonst scheinen sich die Anhänger in der AfD oft nicht bewußt zu sein, wie stark sie der offiziellen DDR-Ideologie immer noch anhängen. Wie wurden z.B. Flüchtlinge in der DDR bzw. aus der DDR angesehen? Und wie bei der AfD heute? Wie oft wurde im DDR-Jargon das Wort 'Volk' gehämmert? (z.B. Volksarmee, Volkspolizei. Volksolidarität als Versicherung, Volksbetriebe etc. etc.) Und wie oft hämmert di AfD das Wort und die Ideologie vom angeblichen einheitlichen Volk? Welche Rolle spielte in der DDR der Grenzschutz? Und welche Rolle spielt er heute in der AfD? Kriminalität war nach DDR Ideologie in der DDR kaum vorhanden und wenn dann kam sie aus dem Ausland. So spielte die DDR-Fernserie ""Das unsichtbare Visier" " oft an der Grenze: Es wurde in dieser von der Stasi mitproduzieren Fernsehserie das Bild vermittelt, die Kriminalität käme hauptsächlich aus dem Ausland. Und wo sie die AfD heute die meiste Kriminalität wenn nicht bei den (oft auch vermeintlichen) Ausländern? In dem Defa-Film "Chronik eines Mörders" (mit Domröse) in der es um Nazi-Ärtzeverbrechen geht, werden Verbrechen der Nazis nur auf dem Territorium der BRD und Polen thematisiert, nicht aber auf dem Gebiet der DDR. Und wo arbeitet heute die AfD die Verbrechen der Nazis auf? etc. etc. Fazit: Wenn, dann ist die AfD heute die aktuelle Vertreterin der offiziellen DDR-Ideologie. Allein den Antifaschismus hat sie fallen lassen um die Faschisten mit in ihr Boot zu holen, welches aber vorher schon auch von vielen schlecht getarnten Neonazis besetzt war.
    1. von Eike Bornemann
      Antwort auf den Beitrag von Gerd Golm 29.07.2019, 13:38:27
      Sorry, aber Sie bringen da was durcheinander. Die Serie "Das unsichtbare Visier" spielte nicht an "der Grenze". Nicht mal annähernd. Die Handlung war komplett ! im Ausland angesiedelt, z. Bsp Südafrika, Argentinien, Italien, Bundesrepublik. (Wo auch sonst? Protgonisten waren schließlich MfS-Ausland-Agenten.)
    2. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Gerd Golm 29.07.2019, 13:38:27
      Was sollte ein Björn Höcke davon haben, der DDR-Ideologie anzuhängen, was sollte Nikolai Nerling davon haben?

      Vergleichen Sie bitte diese Demagogen mit Erich Honecker. Ich kann nicht den geringsten Zusammenhang entdecken.
      Auch die Lehrkräfte, die ich in Sachsen antraf, hatten keine Ähnlichkeit mit Lehrer Höcke und Lehrer Nerling.

      Ihre These verstehe ich deshalb nicht.
    3. von Gerd Golm
      Antwort auf den Beitrag von Gabriele Flüchter 29.07.2019, 20:09:32
      Vielleicht hätte ich besser von Versatzstücken der DDR-Ideologie schreiben sollen, von denen die AfD die meisten aufweist. Ein autoritärer Sozialismus bzw. derern Anhängerschaft und Nazi- bzw Neonazitum können eben doch einiges gemein haben. Als Mitglieder des in Frankfurt ansässigen Instituts für Sozialforschung Anfang der 30er Jahre einer ihrer Studien erfuhren, dass immer mehr aus der Arbeiterschaft und unter den Angestelleten bereit waren sich einer autoritären Führerschaft zu unterwerfen, mithin vom linken ins rechte Lager wechselten. verlagerten sie vorausschauend ihr Institutskaptial ins Ausland. George Orwell zielte mit seiner Kritik in "Animal Farm" und "1984" auf die Zeitströmungen seiner Zeit, sowohl faschitische wie auch autoritär sozialistitische Systeme und Bewegungen. Heutzutage sind die übergreifenden Strukturmerkmale immer noch deutlich zu erkennen, eben die in der AfD zu finden sind wie sie in der DDR zu finden waren. Von denen hatte ich hier oben einige herausgestellt.
    4. von Gabriele Flüchter
      Antwort auf den Beitrag von Gerd Golm 30.07.2019, 13:45:58
      Danke Herr Golm, Sie haben da ein Wissen, da bin ich weit von entfernt. Auf einen Punkt möchte ich eingehen, denn ich komme gerade aus der Ausstellung "Emil Nolde" im Hamburger Bahnhof, wo sich am Ende eine kleine Diskussion ergab. Mehrere Besucher, wohl ost- wie westdeutscher Herkunft standen vor zwei Bildern. Eines hatte Helmut Schmidt als er Kanzler war im Büro hängen gehabt, eines hatte Angela Merkel bis vor Kurzem im Büro hängen gehabt, wie auch der Tagesspiegel schrieb, hat sie es dann abgehängt.

      Erinnerungsräume, von denen Frau Bednarz schreibt, haben ja viele Menschen auch vom Umgang mit Kunst, in Ost wie West.

      Einer fragte, was man denn jetzt machen solle? Hängen lassen oder abhängen, was ist richtig, die Frage kam auf.

      Eine lobte Angela Merkel fürs Abhängen, einer fand die Diskussion gut, dass man das heute so diskutieren könne, das wäre ja früher nicht möglich gewesen.

      Ich plädierte für Hängenlassen und erklären, warum man es aufgehängt hatte. Persönlich hatte ich, nachdem ich eine Beuys-Biografie gelesen hatte, einen inneren Konflikt, ob ich "La rivoluzione siamo noi" (Poster) hängen lassen solle in meiner Wohnung.

      Warum schreibe ich das hier? Ihr Satz: "dass immer mehr aus der Arbeiterschaft und unter den Angestelleten bereit waren sich einer autoritären Führerschaft zu unterwerfen" bewegt mich.


      Die Besuchergruppe wirkte nicht unterwürfig, auch der die Führung machte, keineswegs, auch ich nicht - ein freiheitlicher Moment - nebst einer Ausstellung mit Neuem, bisher weggeschlossenen.


      Aber: Über das Zeigen selbst ist keine Einigkeit - der nunmehr "weiter rechts gesehene Nolde" soll nach Meinung mancher wieder weggeschlossen werden, da er nicht für die Öffentlichkeit geeignet wäre.

      Die entscheidende Frage aber ist doch: Wer bestimmt das? Ich glaube, dass Menschen, die lernen, dies für sich selbst zu bestimmen und zu vertreten, solche sind, die
      weniger in Gefahr sind, sich einer "autoritären Führerschaft" zu unterwerfen.


  7. von Gabriele Flüchter
    Noch einen Zusatz:

    Persönlich habe ich später, schon in Berlin, ich war jetzt Anfang 40, meine Arbeitskollegin, mit der ich zusammenarbeitete, war Anfang 30 - aufgewachsen auf der anderen Seite vom Mauerweg - wir liefen da mal zusammen lang.

    Es war die einzige Partnerarbeit, die jemals gelang und es muss, denn ich bin etwas schwierig im Direktkontakt, an der Souveränität meiner jungen, in Ostdeutschland aufgewachsenen Kollegin gelegen haben.

    Im sächsischen Referendariat muss es am Hauptseminarleiter gelegen haben, an der Souveränität des Dr. Isberner, dass ich mutig blieb und kreativ und ausprobierte, trotz jeder Menge Streitereien.

    Es ist also möglich, zwischen Ost- und Westdeutschen, gemeinsam etwas zu lernen und zu lehren, ohne Heldenkram und ohne Ausgrenzungen, ohne rechtsradikale Verführer.

    Am Beispiel Nikolai Nerling erfahre ich, dass es möglich ist, sich gegen rechtsradikale Verführer mit rechtsstaatlichen Mitteln zur Wehr zu setzen.

    Was in der Bildung vorbildlich geht, müsste doch überall gehen.
  8. von Gabriele Flüchter
    Besten Dank für den sehr anregenden Beitrag, Frau Bednarz. Ich bin schon fast offline, aber auf Ihren Beitrag hatte ich mit Spannung gewartet.

    Ich stimme Ihnen zu, dass es einigen Funktionären innerhalb der AfD besonders gut gelingt, Ängste und Stimmungen einiger Ostdeutscher aufzugreifen und populistisch zu nutzen für die eigenen rechtsradikalen Positionen.

    Bei Björn Höcke sehe ich das so, er war berufsbezogen, Kollege von mir, ein Lehrer, "ziemlich beliebt" soll er gewesen sein, zeitweise sogar "Vertrauenslehrer", so lese ich es bei Social Media - Höcke kann das, er kann "Menschen da abholen, wo sie stehen", aber er hat Ziele, die nicht staatliche Bildungsziele sind, sein Ziel ist die Alleinherrschaft der AfD, im Idealfall unter seiner autoritären, rechtsradikalen Führung.
    Höcke ist kein Ostdeutscher, auch Jörg Meuthen ist es selbst ja nicht, Meuthen hat zu spüren bekommen, wie es läuft für einen, der Björn Höcke kritisiert, Abwahl als Abwatsche! Meuthen ist aus Essen, Björn Höcke aus Lünen.
    Wie kommt es, frage ich mich manchmal, dass gerade Leute, die selbst gar nicht aus dem Osten des Landes kommen, so gut ankommen bei Teilen der ostdeutschen Bürger - haben sie am Ende einen "Glauben" an das, was "Wessies" sagen und zweifeln an der Qualität dessen, was eine Ostdeutsche, wie Angela Merkel, sagt?

    Auch Nikolai Nerling, der Berliner Grundschullehrer, der mir mit rechtsextrem gefärbter "Pädagogik" viral auf der Leipziger Buchmesse begegnete, versteht es zu "verführen", ähnlich wie Höcke, Meuthen versucht eher logisch zu erklären - damit haben Bildungstäter wie Björn Höcke und Nikolai Nerling keine Arbeit, sie umgehen diese auf dem Weg eines
    Heldengebahrens, Mischung aus Robin Hood, Rambo und Dressman.


    Ein etwa Mitte 50jähriger Sachse fragte mich vor 23 Jahren: Woher haben Sie Ihr Selbstbewusstsein?

    Ich weiß es nicht,ich glaube,es ist meine gelebte Freiheit meine eigene Macht, ich war ihm untergeben, aber er fühlte sich mir unterlegen, das war nicht zu ändern