Der neurechte Traum von der Assimilation

Die AfD fordert Assimilation anstatt Integration. Es geht dabei nicht um eine kulturelle Anpassung, sondern darum, das „Fremde“ aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Gehen Neurechte etwa nie zum „Italiener“?

Seit einiger Zeit sind in der AfD immer häufiger Forderungen nach einer „Assimilation“ von Migranten zu hören. Die Co-Vorsitzende der Partei, Frauke Petry, sagte etwa Ende Mai gegenüber dem Deutschlandfunk: „So lange zu dem Islam Scharia und Koran gehören (…), so lange ist der Satz: ‚Der Islam gehört nicht zu Deutschland‘ für uns zutreffend. Wenngleich wir sagen: Muslime, die diese Religion anders leben, die sich in Deutschland assimiliert und integriert haben und die erkannt haben, dass sie die problematischen Inhalte gar nicht mehr selbst verkörpern können, die gehören für uns selbstverständlich zu Deutschland. Und das haben wir immer gesagt, und dabei bleiben wir auch.“ 

Ganz abgesehen davon, dass Frauke Petry offenbar allen Ernstes ein Problem damit hat, dass der Koran zum Islam gehört, hat die AfD-Parteispitze keineswegs immer schon von Assimilation gesprochen. Von Bernd Lucke ist eine solche Äußerung nicht überliefert. Anders sieht dies bei Björn Höcke, dem Rechtsausleger der Partei, aus. Er sagte bereits im Oktober 2014, also rund ein Jahr vor der Flüchtlingskrise, gegenüber der im Vergleich zu ihm moderat neurechten „Jungen Freiheit“, man müsse in der Einwanderungspolitik „von der Vorstellung der Integration weg - und hin zum Leitbild der Assimilation kommen“.

Das durch als antisemitisch eingestufte Äußerungen auffällig gewordene AfD-Mitglied Wolfgang Gedeon spricht gar davon, dass Migranten zur „kulturellen Assimilation“ gezwungen werden müssen, weil andernfalls ein „politisch-kultureller Verdrängungsprozess“ drohe.

Was heißt „Assimilation“ konkret?

So solitär wie das Reden von „Assimilation“ selbst in der AfD einst war, so sehr gehört es heute zum Jargon von Frauke Petry, jedenfalls dann, wenn es um Muslime geht. Ein weiterer Beleg dafür, wie sehr sie ganz gezielt den neurechten Parteiflügel umwirbt, um ihre eigene Machtposition zu festigen. Kaum verwunderlich geht es auch Björn Höckes geistigem Zwilling, dem radikal neurechten Verleger Götz Kubitschek, nicht um eine bloße Integration, sondern um Assimilation. Gegenüber dem Deutschlandfunk definierte er jene wie folgt: „Assimilation heißt An-Ähnelung, Anpassung bis hin zu einer Art Unverwechselbarkeit.“

Höcke wurde in dem bereits erwähnten Gespräch mit der „Jungen Freiheit“ noch deutlicher: „Assimilation bedeutet, dass sich die Einwanderer der Gesellschaft anpassen – was nicht heißt, im Privaten ihre Herkunftskultur aufzugeben, aber diese eben unseren äußeren Verhältnissen anzugleichen. Nur so kann Einwanderung gelingen.“ Der jüngst der AfD beigetretene Publizist Nicolaus Fest passt insofern bestens zu seiner neuen Partei, denn aus seiner Sicht muss man „das öffentliche Zeigen und Ausüben“ des Islams gleich ganz „verhindern“.

Was heißt „Assimilation“ konkret? Sehr viel. Assimilation bedeutet, dass muslimisches Leben in der Öffentlichkeit verborgen bleiben muss, dass weder Kopftücher noch Moscheen zu sehen sind. Auch in ihrer Muttersprache dürften Zuwanderer sich dann im öffentlichen Raum nicht mehr unterhalten, was einmal mehr zeigt, wie bizarr der noch weiter gehende Vorstoß der CSU war, demzufolge Migranten auch in ihren eigenen vier Wänden Deutsch sprechen sollen. Da Höcke ganz generell von „Einwanderern“ und nicht nur von Muslimen spricht, heißt Assimilation konsequent zu Ende gedacht auch, dass Juden, die z.B. aus Osteuropa eingewandert sind, die Kippa nicht öffentlich tragen dürften, dass Sikhs den Turban ablegen und vermutlich auch das darunter liegende lange Haar abschneiden müssten und dass eine Inderin keinen Sari in einer deutschen Stadt tragen könnte. Assimilation bedeutet in aller Konsequenz überdies, dass nicht nur Döner- und Keba-Buden, sondern auch griechische, mexikanische und überhaupt alle Restaurants „fremder“ Küche schließen müssten. Man fragt sich an dieser Stelle, ob die Neurechten tatsächlich so konsequent sind und nie zum „Italiener“ gehen. 

Die Assimilation wird nichts nutzen

So grotesk das alles klingt, so wenig ist es zum Lachen. Die Geschichte hierzulande hat gezeigt, dass selbst die Assimilation am Ende nichts nutzt, wenn eine Gesellschaft sich dem Hass auf das „Fremde“ hingegeben hat. Immer wieder konvertierten viele Juden zum Christentum, ganz überwiegend zum Protestantismus „Assimiliert und immer noch nicht gleich“, lautete 2010 ein Artikel von Ludger Heid in der „ZEIT“ zu diesem Thema. Er beschreibt darin, wie zahlreiche Juden durch die Annahme des Christentums einen „gesicherten Platz in der tonangebenden Gesellschaft finden (wollten)“. Heid zufolge „betrachteten (sie) die christliche Identität oft als einen Weg, um ‚innerlich deutscher‘ zu werden – die Börnes, Heines, Mendelssohn Bartholdys und all die anderen.“ Wie vergeblich diese Form der Assimilation war, beschreibt Heid so schonungslos wie treffend: “genutzt hat sie ihnen nur scheinbar. Die verworrenen antisemitischen Gedankengänge ließen nicht zu, dass Juden zu gleichberechtigten Staatsbürgern wurden“. Oftmals wurde den konvertierten Juden sogar unterstellt, sich nur zur Tarnung angepasst haben. Ähnlich argumentieren heute diejenigen, die behaupten, man dürfe Muslimen nicht trauen, weil sie dem Prinzip der „Taqiyya“, also der „erlaubten Täuschung“ anderer folgen. Ein „Ammenmärchen“, wie der Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker betont.

Auch anno 2016 wird die Assimilation nichts nutzen. Wer das „Fremde“ ablehnt, wird immer einen Grund finden, genau dieses in einem Menschen zu sehen, ganz egal, wie angepasst jener ist. Er wird stets den dunkleren Teint sehen und den Akzent hören, unabhängig davon wie gut jemand die deutsche Sprache beherrscht. Und deshalb hat das Konzept der Assimilation in einer pluralistischen Gesellschaft nichts zu suchen. 

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.