Den ländlichen Raum nicht zum AfD-Gebiet werden lassen 

Rechtspopulistische Parteien können bei der Landbevölkerung punkten, indem sie sich volksnah und engagiert geben. Die anderen Parteien dürfen den ländlichen Raum nicht aufgeben, sondern müssen um ihn kämpfen. 

Es ist Anfang August, es ist Sommer. Bisher ist der Wahlkampf kaum in Schwung gekommen. Vielleicht wird das anders, sobald die Leit-Talkshows des Landes wieder auf Sendung gehen. Im Moment jedenfalls wirkt das politische Geschehen seltsam sediert. Selbst wenn man wie die Verfasserin in einer Großstadt lebt. Wie viel stärker mag dieser Eindruck auf dem Land sein?

Ohnehin fragt man sich, wie sehr die etablierten Parteien die Landbevölkerung im Blick haben. „Spiegel Online“ titelte gerade erst letzten Sonntag: „Wie wir leben wollen - Stadt und Land driften auseinander.“ Und wies darauf hin, dass „CDU, CSU, SPD, Grüne und Linke nun eingreifen (wollen)“. In ihren Wahlkampfprogrammen fänden „sich viele Vorschläge, um die Stadt-Land-Schere zu schließen“. Das wird auch Zeit, denn die AfD hat dieses Thema schon lange für sich entdeckt. Bereits in den Landtagswahlprogrammen der Partei im Spätsommer 2014 für Sachsen („Politik für den ländlichen Raum“), Thüringen (themenübergreifend) und Brandenburg („Langes Leben im ländlichen Raum“) fanden sich ausführliche Vorschläge für die Gestaltung des ländlichen Raums. Mit denen, das zeigen die damaligen Erfolge, die Partei offensichtlich punkten konnte.

In der Öffentlichkeit findet das Thema „Rechtspopulismus und ländlicher Raum“ hingegen bisher nur spärliche Beachtung. Dabei gibt es dazu viel zu sagen. So schreibt Ulrich Kasparik, evangelischer Pfarrer und ehemaliger Staatssekretär im Forschungs- und im Verkehrsministerium, in dem von Wolfgang Thielmann herausgegebenen und im Neukirchener Verlag erschienenen Buch „Alternative für Christen? - Die AfD und ihr gespaltenes Verhältnis zur Religion“ unter dem Titel „Man kennt sich“ davon, wie die Partei „die Herzen auf dem Land (gewinnt) – da, wo niemand offen redet“.

Kaspariks Gemeinde besteht, wie er selbst sagt, aus 20 kleinen Dörfern im Uckerland. Eindrücklich beschreibt er, wie es der AfD „vor allem“ durch Social Media“ gelinge, „sich in den Dörfern in den Köpfen der Menschen zu verankern“. Denn dort spielen, so der Geistliche, „Postings von Menschen, die ‚man kennt‘, eine signifikante Rolle“. „Auf dem Land“, so Kasparik weiter, war „schon immer entscheidend, wer etwas sagt.“ Wer also „den Ton angibt und dabei AfD-Gedankengut äußert“,  wirke „bis weit ins familiäre Netzwerk hinein.“. So entstünden „beinahe komplett geschlossene soziale Systeme“ zu denen Politiker „so gut wie keinen Zugang“ fänden und „Landpastoren leider auch eher selten – es sei denn, sie bemühen sich darum.“

Ein Korrektiv dazu gebe es kaum, da „über politische Sachverhalte“ in den Dörfern „nicht offen“ gesprochen werde. Zudem seien die etablierten Parteien auf dem Land „schwach vertreten und schlecht organisiert“. Der Umstand, dass mit der Schließung vieler „Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Arztpraxen oder Kinos“ genau diejenigen Orte verschwinden, an denen ein Austausch mit Andersdenkenden stattfinden könnte, mache es nicht besser.

Die Menschen auf dem Land fühlen sich als „Provinzler“ verachtet

Nicht anders sieht es in den ländlichen Gebieten Österreichs und der Schweiz aus: Dort haben es die rechtspopulistischen Parteien, sprich die FPÖ bzw. die SVP, schon seit Jahren deutlich leichter als in den Städten. So hatte beispielsweise der unterlegene österreichische Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer bei beiden Stichwahlen deutlich bessere ländliche Sprengelergebnisse als sein Konkurrent Alexander van der Bellen, der seine Kür zum Staatsoberhaupt den Stimmen in den Städten und darunter vor allem denjenigen aus Wien verdankt. Die Zahlen sprechen für sich. Wenn beispielsweise im ersten Wahlgang, also noch vor der ersten Stichwahl, lediglich „Gemeinden mit weniger als 3.000 Einwohnern und einer geringen Bevölkerungsdichte gewählt hätten“, dann wäre, so die Zeitung „Der Standard“, van der Bellen – lässt man die Wahlkarten (die den deutschen Briefwahlstimmen entsprechen) außer Betracht - mit gerade einmal 14,3 Prozent der Stimmen nach Hause gegangen, während Hofer stolze 39,8 Prozent hätte feiern können.

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich und der Schweiz sind die Gründe für das starke Stadt-Land-Gefälle bei der Affinität zu rechten Parteien quasi deckungsgleich. Zur der Schließung von Gaststätten und Postfilialen kommen die Abwanderung junger Erwachsener in die Stadt, das Gefühl, vergessen zu werden, die Abgeschiedenheit und der Mangel an Hausärzten hinzu. Fremde fallen in solchen Strukturen naturgemäß viel deutlicher auf, weshalb die Stimmungsmache gegen die Aufnahme von Flüchtlingen stärker als in den Städten greift.

Auch die Globalisierung bereitet Menschen in dünnbesiedelten Regionen Sorgen. Zum einen haben sie das Gefühl, nicht „mitzukommen“, zum anderen fühlen sie sich bisweilen als „Provinzler“ verachtet. Hier können rechtspopulistische Parteien mit der Betonung des Heimatgefühls punkten. Nicht umsonst nennt sich die Thüringer AfD unter der Führung Björn Höckes neuerdings „Heimatpartei“. Wie bereits im Januar an dieser Stelle postuliert, müssen die etablierten Parteien zusehen, dass Neurechte wie Björn Höcke mit ihrem ausgrenzenden Volksverständnis in den ländlichen Regionen nicht die Deutungshoheit über den Heimatbegriff übernehmen. Van der Bellen kann hier als Vorbild dienen. Vor der zweiten Stichwahl ist er im Janker über die Dörfer gezogen und hat Volksfeste besucht. So hat er im ländlichen Raum tatsächlich Stimmen hinzugewonnen und den von Norbert Hofer vorgebrachten Vorwurf, er sei Teil der „Schickeria“, entkräften können. Zugleich konnte er so das von Hofer so sorgsam gepflegte Bild durchbrechen, dass nur selbiger sich der Interessen der einfachen Leute annehme. In den neurechten Milieus stieß das offenbar auf so großen Ärger, dass man van der Bellen fortan als „Neo-Patrioten“ verspottete.

Hinzukommt, dass in ländlichen Regionen oftmals das Verständnis für komplexe Formen des Zusammenlebens nur rudimentär ausgeprägt ist. Der österreichische Publizist Karl Gaulhofer wies in der „Presse“ darauf hin, dass im ländlichen Raum das öffentliche Sichaneinandereiben mit seinen „formalen Regeln der Toleranz und Pluralität“ oftmals „als Zumutung von außen“ erlebt werde. Das macht es der FPÖ mit ihren einfachen Botschaften besonders leicht. Überdies ist sie im ländlichen Raum sehr präsent. So wies der ÖVP-Politiker Johannes Zweytick, Vizebürgermeister der kleinen Gemeinde Ehrenhausen an der Weinstraße in der Steiermark, gegenüber dem „Standard“ darauf hin, dass die FPÖ „viele Bürgermeister und allerorts eine Unmenge an Gemeinderäten und Gemeinderätinnen“ stellt.

Das Thema Ökologie ist längst nicht mehr nur Thema der Grünen

Die etablierten Parteien in Deutschland sollten also gewarnt sein und der AfD im ländlichen Raum nicht das Feld überlassen, vor allem in den neuen Bundesländern nicht. Björn Höcke hat, wie die „Thüringer Allgemeine“ berichtet, erst jüngst erklärt, dass die CDU als "Anwalt des ländlichen Raumes" versagt habe, weshalb er sich nun selbst anschicke, diese Rolle zu übernehmen. Auch sein guter Freund und langjähriger Weggefährte, der radikal neurechte Verleger Götz Kubitschek, pflegt bekanntlich öffentlichkeitswirksam ein ländliches Leben in dem kleinen Dorf Schnellroda in Sachsen-Anhalt. Dort ließ er sich etwa beim Melken seiner Ziege filmen, womit er wie eine Art rechter Öko-Bauer daherkommt.

A propos: das Thema Ökologie ist längst kein Alleinstellungsmerkmal grüner Parteien mehr. Auch wenn viele Rechten behaupten, es gebe keinen von Menschen gemachten Klimawandel und insoweit von der „Klimalüge“ reden, hat das Milieu das Thema Umweltschutz längst für sich entdeckt. Folgendes etwa steht im Programm der FPÖ: „Wir sind uns der Verbundenheit mit unseren Vorfahren und der Verantwortung für unsere Nachkommen bewusst und wollen für nachfolgende Generationen eine Heimat bewahren, die ein selbstbestimmtes Leben in einer intakten Umwelt und eine positive Weiterentwicklung in Freiheit, Frieden und Sicherheit ermöglicht.“ Auch die folgenden FPÖ-Sätze würde wohl jeder Grüne unterschreiben: „Der Schutz unserer natürlichen Umwelt als Lebensgrundlage für unsere Heimat Österreich, eine nachhaltige und schonende Bewirtschaftung und die biologische Vielfalt haben für uns hohe Bedeutung. Die Nutzung von Kernkraft zur Energiegewinnung lehnen wir ab. Tiere als unsere Mitgeschöpfe sind durch naturnahen und respektvollen Umgang vor Qualen und Leid zu schützen.“

Wer das Programm genau studiert, stößt indes aber nun einmal auch auf Aussagen wie diese: „Österreich ist kein Einwanderungsland. Wir verfolgen daher eine geburtenorientierte Familienpolitik. Bereits integrierte, unbescholtene und legal anwesende Zuwanderer, die die deutsche Sprache beherrschen, unsere Werte und Gesetze vollinhaltlich anerkennen und sich kulturell verwurzelt haben, sollen Heimatrecht und unsere Staatsbürgerschaft erwerben können.“ Alles zusammen liest sich wie eine auf rechts gedrehte Öko-Bewegung, die übrigens auch in den Anfängen der deutschen „Grünen“ mitvertreten war, sich aber relativ schnell wieder aus der damals jungen Partei zurückzog.

In der Schweiz ist das Stadt-Land-Gefälle ebenfalls auffällig. So machten bei den Bundesratswahlen im Oktober 2015 im Dorf Plasselb im Sense Oberland 57 Prozent der „Stimmbürger“, wie man die Wahlberechtigten dort nennt, ihr Kreuzchen bei der SVP. In der Stadt Freiburg im gleichnamigen Kanton waren es hingen gerade einmal 14 Prozent. Anita Fetz, Basler Stadträtin und Mitglied der „Sozialdemokratischen Partei der Schweiz“ wies damals darauf hin, dass man in ihrem Land „heute mehr über den Stadt-Land-Graben als den Rösti-Graben spricht“. Mit dem „Rösti-Graben“ wird traditionell die kulturelle Grenze zwischen der Deutschschweiz und den französischsprachigen Landesteilen beschrieben.

All das sollte den etablierten Parteien in Deutschland eine Mahnung sein, den ländlichen Raum nicht nur in ihren Wahlprogrammen, sondern auch vor Ort nicht zu vernachlässigen. 

Der vorliegende Text beruht auf einem nun um Aspekte des deutschen Stadt-Land-Gefälles ergänzten Vortrag, den die Verfasserin bei der „2. Transnationalen Alpentagung ‚Leben und Wirtschaften im ländlichen Raum’“ der „Grünen Bildungswerkstatt Vorarlberg“ am 11. Juni 2017 in der Probstei Sankt Gerold frei, d.h. ohne ausformuliertes Redemanuskript, gehalten hat. Die dortige abgeschiedene Umgebung hat die Verfasserin für die Besonderheiten des ländlichen Raums besonders sensibilisiert.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Peter Müller
    "Rechtspopulistische Parteien können bei der Landbevölkerung punkten, indem sie sich volksnah und engagiert geben."

    Ich habe eine Frage zu diesem Satz: Woran erkennt man, ob eine Partei sich nur volksnah GIBT oder ob sie volksnah IST? Erstere Formulierung legt ja eine Art Betrug nahe.

    "Hinzukommt, dass in ländlichen Regionen oftmals das Verständnis für komplexe Formen des Zusammenlebens nur rudimentär ausgeprägt ist."

    In dieser Formulierung schwingt die Meinung mit, dass alle "Formen des komplexen Zusammenlebens" prinzipiell zu begrüßen sind. Dass die sogenannten Progressiven diese (und ähnlich abstruse) Meinung aggressiv vertreten, trägt nicht unbedingt zu deren Akzeptanz bei denjenigen bei, die sich den Luxus einer eigenen Meinung leisten. Da wählt man dann gleich nochmal besonders gerne AfD - "Upsetting all the right people", wie man auf Englisch so schön sagt.

    Und wenn wir schon bei steilen Thesen sind: Vielleicht ist in der Stadt ja schon von Kindesbeinen an der Druck einfach weitaus größer, auf zuvor erwähnten Luxus zu verzichten und plakativ Konformität zu demonstrieren, um die eigene Peer-Group möglichst groß zu halten.
    1. von Heiko von Swieykowski
      Antwort auf den Beitrag von Peter Müller 10.08.2017, 09:22:41
      Der Artikel deckt sich mit meinen Erfahrungen in Mecklenburg-Vorpommern, wo die AFD und NPD im ländlichen Raum häufig tonangebend sind und die großen Parteien sich kaum engagieren. Es fehlt mir bei der Autorin der Blick in die USA, wo Donald Trump diese Schwäche im Wahlkampf clever nutze und die vernachlässigte Landbevölkerung für sich gewinnen konnte.