Debattiert, auch wenn es anstrengend ist

Zur Streitkultur im Allgemeinen und zum Reden mit Rechten im Besonderen: Statt Dogmen mit Dogmen zu beantworten, gilt es, sachlich zu bleiben. Oder: zu werden.

Ende Juli stellte Ariane Bemmer in dieser Zeitung zutreffend fest, dass „die Deutschen nicht richtig streiten können“. „Öffentliche Debatten“, so die Autorin, „verlaufen in Deutschland meist konfrontativ und entlang von Lagergrenzen: hier die eine, da die andere Meinung“. Es werde „aufeinander geschossen“ und mit „Vorwürfen, Unterstellungen, in Kurzstatementform“ operiert, egal ob „es um Deutschlands Integrationsfähigkeit geht, um Kopftuch, Fahrradfahrer, Populisten oder vegane Kantinen“. Ziel sei „die Zustimmung aus dem eigenen Lager, dessen Ansicht man zu verteidigen sinnt, und nicht die Auseinandersetzung mit den anderen.“
Bemmer macht dafür den Unwillen vieler Deutscher zum Streit verantwortlich. Konflikte würden lieber „heruntermoderiert“. Das sei die „Schattenseite“ einer Konsensgesellschaft, als welche Deutschland vielen gilt.

Nun ist der Konsens im Sinne der Fähigkeit, bei ganz unterschiedlichen Themen Kompromisse zu finden, fraglos essentiell in einer pluralistischen Demokratie, bei der Regierungen meistens aus Koalitionen aus mindestens zwei Parteien bestehen. Allerdings gibt es einen echten Konsens nur dann, wenn über die einzelnen Positionen zuvor ausreichend verhandelt wurde. „Strittige Entscheidungen“ für „alternativlos“ zu erklären, auch da hat Bemmer in ihrem Text recht, gehört hingegen zu der erwähnten „Schattenseite“ der Konsensgesellschaft. Denn so entsteht ein bloßer Scheinkonsens. Unter der Oberfläche brodelt es unterdessen weiter, und irgendwann kommt es, zusätzlich angeheizt durch Populisten, in Teilen der Bevölkerung zur Eruption blanker Wut bis hin zum offenen Hass.

Bemmer vermutet, dass den Deutschen „die Unfähigkeit zum Streiten“ vielfach schon in jungen Jahren mit dem Satz „Kinder, streitet nicht“ antrainiert wird. Dazu passt, dass der Begriff des Streits tatsächlich durchaus auch negativ konnotiert ist. Viele denken dabei gleich an persönliche Zerwürfnisse, an das Ende von Freundschaften, mithin an ein „Zerstreiten“.
Dabei sollte das persönliche „Zerstreiten“ infolge einer Kontroverse in der Sache eigentlich die Ausnahme und nicht die Regel sein. In den sozialen Medien ist es jedoch oft umgekehrt, hauptsächlich deshalb, weil nicht zwischen Haltung und Person unterschieden wird und eher früher als später persönliche Angriffe ins Spiel kommen. Von einer Debattenkultur, wie sie etwa in Form der Debattierclubs an Universitäten im angloamerikanischen Raum Studierenden früh vermittelt wird, ist hierzulande wenig zu sehen.

Das rechte Sprachspiel durchbrechen, auch wenn's nervt

Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn brachte das Diskursdefizit jüngst in einem Interview auf WDR 5 wie folgt auf den Punkt: „Ich glaube, wie verstehen nicht mehr, dass eine pluralistische Demokratie oder eine repräsentative Demokratie davon lebt, dass wir uns ständig im Streit miteinander befinden. Streit wird aber als etwas grundsätzlich Negatives gesehen, etwas, das man vermeiden muss, und Einigung wird als etwas gesehen, das sofort hergestellt werden muss. Aber da geht die Fähigkeit verloren, sich produktiv zu streiten und damit auch die Fähigkeit, Kompromisse einzugehen.“

Wie sehr die „Republik dabei ist“, „die Lust am offenen Streit (zu verspielen)“, ist auch Thema des im letzten Oktober erschienenen Buchs „Mit Rechten reden“, das Zorn gemeinsam mit dem Historiker Per Leo und dem Juristen Maximilian Steinbeis verfasst hat. Diese konstruktive, jawohl: Streitschrift stieß unter Diskursfreunden auf Begeisterung, weil die Autoren darin genau aufzeigen, wie man das rechte „Sprachspiel“ effizient durchbrechen kann. Dieses besteht vor allem darin, bestimmte Punkte ohne weitere Begründung zu behaupten und sodann für allgemeingültig zu erklären. Beispiele für solche „dogmatischen Setzungen“, wie die Autoren das Phänomen wissenschaftlich zutreffend bezeichnen, sind etwa die Behauptungen der Existenz einer „Islamisierung“ oder eines „Bevölkerungsaustausches“. Statt genervt den Diskurs abzubrechen, wenn Rechte darauf zu sprechen kommen, sollte man um Begründungen für diese Ideen bitten und sich dabei nicht mit weiteren Behauptungen zufrieden geben. Ebenso bietet es sich an, Gegenargument vorzubringen. Bleibt ein Rechter dann immer noch bei seiner bloßen Behauptung, so kann man, wie Zorn in dem oben erwähnten Interview betont, wohl nicht ihn selbst als „Dogmatiker überzeugen“, wohl aber „andere davon, dass er einer ist und wie er das macht.“

Die positiven Effekte, die ein in der Sache harter, aber nicht gegen die Person gerichteter Diskurs mit Rechten auf Mitleser oder Zuhörer haben kann, werden vielfach immer noch unterschätzt. Insbesondere von denjenigen, die den Autoren von „Mit Rechten reden“ vorwerfen, mit ihrem Ansatz das rechte Denken salonfähig zu machen bzw. zu „normalisieren.

"Glaube ich nicht" - was für ein Bekenntnis

Dabei zeigte namentlich das jüngst von Thomas Walde für die ZDF-Sendung „Berlin direkt“ geführte Sommerinterview mit dem AfD-Co-Vorsitzenden Alexander Gauland, wie fruchtbar es sein kann, einem Rechtsdenker genau auf den Zahn zu fühlen. Walde befragte den 77-Jährigen zu Themen jenseits der AfD-üblichen Fokussierung auf Flüchtlinge sowie Migranten und Gauland offenbarte dabei verblüffende Leerstellen. Besonders fiel seine dogmatische Setzung beim Punkt Klimawandel auf. Statt Fakten zu bemühen, sagte er einfach, er „glaube“ nicht, dass der Mensch daran etwas ändern könne. Besser lässt sich die Unterkomplexität, die mit rechtem Denken oft einhergeht, kaum verdeutlichen.

Diverse AfD-Kritiker in den sozialen Medien, darunter viele, die jedweden Diskurs mit Rechten ablehnen, taten jedoch selbst Waldes Ansatz als letztlich unbrauchbar ab oder stellten ihn mindestens in Frage. Dabei traten sie nicht minder dogmatisch als sonst viele Rechte auf. Pauschal nämlich behaupteten sie, dass auch ein solches, die Dünnheit der AfD-Themenpalette bestens aufzeigendes Gespräch nichts bewirke, weil AfD-Anhänger sich längst einem irrationalen Denken hingegeben hätten, rein emotional handelten und für Argumente nicht mehr zu erreichen seien. Eine verblüffende Haltung, denn wer kann schon in die Köpfe sämtlicher AfD-Sympathisanten hineinsehen? Daniel-Pascal Zorn hat also recht, wenn er in dem erwähnten WDR 5-Interview darauf hinweist, dass die dogmatische Rede, keineswegs nur unter Rechten vorzufinden sei, sondern dass „jede Position (sie) benutzen“ kann, nämlich immer dann, wenn für die eigene Behauptung Allgemeingültigkeit beansprucht wird.

Vor allem aber ist ein solcher Ansatz eine Kapitulation, ein Rückzug in eine Wohlfühlblase, ein ebensolches „Wir gegen die“, wie es vielfach rechte Gedankenwelten prägt. All denjenigen, die jedwedes kritisches Reden mit Rechten ablehnen und somit letztlich wenig Vertrauen in die Kraft des streitbaren Diskurses haben, sei empfohlen, sich einmal mit AfD-Aussteigern zu unterhalten. Dann nämlich könnten sie erfahren, dass dem Austritt in der Regel Monate, wenn nicht Jahre vorausgingen, in denen die Betreffenden zunächst zaghaft, dann aber zunehmend Zweifel an den parteieigenen Ideenwelten entwickelten, oftmals verstärkt durch Gespräche, die Nicht-Rechte hart, aber geduldig mit ihnen führten. Und zwar auf sachlicher Ebene und vor allem: auf Augenhöhe. Nicht belehrend, sondern hinterfragend, mit Gegenargumenten.

Rechtes Gedankengut ist Teil des Pluralismus

„Diskurs ist das, was wir daraus machen“, sagt Zorn am Ende auf WDR 5. Fürwahr. Der Nichtdiskurs jedenfalls hat nicht dazu geführt, dass die AfD an Zulauf verloren hätte. Im Gegenteil. Sie steht bundesweit im Zenit ihrer bisherigen Entwicklung der Umfragewerte, sie könnte im nächsten Jahr bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg sogar stärkste Partei werden.

Eines sollte langsam klar sein: Rechtes Gedankengut ist da, es wird nicht verschwinden. Es ist, so schwer das für viele auch zu akzeptieren sein mag, Teil des Pluralismus. Das heißt aber nicht, seiner Ausbreitung stumm zusehen zu müssen. Im Gegenteil. Wer dem Pluralismus vertraut, sollte offensiv mit den rechten Ideenwelten umgehen, ihre Widersprüche und ihre oft fehlende Komplexität aufzeigen, ebenso die haltlosen Ressentiments, die vielfach damit einhergehen. Und zwar nicht nur in kuscheligen Diskursen innerhalb des eigenen, nicht-rechten Milieus. Sondern vor allem auch im direkten Streitgespräch mit Rechten, ob privat oder öffentlich. Ohne allerdings, und das kann man nicht oft genug betonen, selbst in einseitige Behauptungen und Dogmatik zu verfallen.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Gabriele Flüchter
    Besten Dank, Liane Bednarz für den Appell, mehr und mit Menschen unterschiedlicher Ansichten zu debattieren.

    Was sind eigentlich eindeutige "nicht rechte Milieus", wie Sie im Beitrag erwähnt werden? Tatsächlich hält sich ja doch jeder Mensch eher selten in dem "nicht rechten Milieu" auf, dass er sich selbst mit einem selbst gewählten Freundeskreis bilden kann.

    Meistens ist doch jeder Mensch in unterschiedlichen Milieus, also eher "Milieunehmer" als "Milieusetzer", so gesehen bliebe für eine milieutreue Debatte dann tatsächlich nur der eng umrissene Freundeskreis übrig.

    An Schulen oder Universitäten könnte dann nicht debattiert werden, denn hier werden sich immer auch Menschen finden, die der einzelne Mensch sich nicht für sein selbst gewähltes Milieu aussuchen würde.


    Auch im Parlament könnte dann nicht debattiert werden, denn dort sitzen ja auch Vertreter der Parteien, die sich das einzelne Parlamentsmitglied nicht selbst ausgesucht hat.


    Bestenfalls abends nach Feierabend oder im Urlaub könnte man dann vielleicht debattieren, aber wer will das ausgerechnet dann noch tun? Vielleicht haben dann Menschen auch eher auf was Seichteres Lust als sich zu streiten und sich einen Schlagabtausch über Denkweisen und Zielen zu liefern.


    Die Generation meiner Eltern und Großeltern lebte mit Rechten - wäre es anders gewesen, hätte es die Hitlerei so nicht geben können. Hätte ich deshalb mit diesen nicht streiten sollen? Eher im Gegenteil, gerade deshalb macht es doch Sinn, zu streiten, um die Verantwortung beim Anderen einzufordern und sich der eigenen Verantwortung für das, was um Einen herum passiert, zu stellen.

    Wer nicht streiten will mit Andersdenkenden, kann nicht lernen, wie die Andersdenkenden leben, was sie wollen, was Ihnen wichtig ist.
    Die Abgrenzung der eigenen Überzeugung erfolgt ja mit der Debatte und nicht mit der Verweigerung derselben.

    Ich glaube aber, dass es eine große Debattenmüdigkeit gibt, denn die Debatte ist ein Weg und kein Ergebnis.


  2. von Beat Leutwyler
    Dieser Kommentar wurde auf Wunsch des Nutzers entfernt.
    1. von Beat Leutwyler
      Antwort auf den Beitrag von Beat Leutwyler 22.08.2018, 15:31:39
      @Redaktion - bitte löschen, wurde versehentlich von meiner Seite zu früh abgeschickt. Danke
      Beat Leutwyler