Will die böse Gender-Theorie die Geschlechter abschaffen?

Papst Franziskus sieht fundamentale Werte durch Gender-Theorien bedroht. Problem: So ganz scheint er ebendiese nicht verstanden zu haben. 

Der Dritte Weltkrieg steht kurz bevor. Wer dabei aber an sterbende Menschen im syrischen Aleppo denkt oder an einen orangegesichtigen amerikanischen Möchtegernpolitiker, liegt falsch. Gut, dass es Papst Franziskus gibt, der uns alle vor der nahenden Katastrophe warnt, die da heißt: Gender-Theorie! Die zerstört die Ehe, die doch „die schönste Sache“ ist, die „Gott geschaffen hat“, verkündete Franziskus auf einer Reise durch den Kaukasus.

Nun, ein zölibatär-lebender, älterer Herr muss es schließlich wissen. Franziskus scheint wirklich sehr in Sorge, denn schon im Frühling fragte er sich bei seiner Generalaudienz „ob die sogenannte Gender-Theorie nicht auch Ausdruck von Frustration und einer Resignation ist, die auf die Auslöschung der sexuellen Differenz zielt, weil sie nicht mehr versteht, sich mit ihr zu konfrontieren.“ Was die Frage aufwirft, ob am Papst nicht einfach ein sehr guter Ratgeberkolumnist verloren gegangen ist. Titel seiner Kolumne, na klar: Adam und Eva – Zurück ins Paradies.

Bei Anruf Geschlechtszuweisung 

Problem: Franziskus weiß offenbar nicht so recht, was diese ominöse Gender-Theorie eigentlich ist – außer, dass man(n) vor ihr Angst haben muss. Bei seinem Polen-Besuch im Juli empörte Franziskus sich: „Heutzutage wird in den Schulen Kindern beigebracht – Kindern! – dass jeder sich sein Geschlecht frei aussuchen kann.“ Gegen diese Sünde kommen nicht mal die dem Untergang geweihten und nachweislich sündigen Städte Sodom und Gomorrha an. Es dürfte den Papst also freuen, dass in der italienischen Region Lombardei für 30.000 Euro ein telefono anti-gender eingerichtet wurde, eine Art Gender-Sorgentelefon. Dieses soll besorgten Eltern sowie Schülerinnen und Schülern Hilfe bieten im Kampf gegen die sich rasend verbreitende Gender-Theorie an italienischen Schulen. Will die böse Gender-Theorie also die Geschlechter abschaffen? Ehen zerstören? Schülerinnen und Schüler indoktrinieren?

Nein, nein und nein. Die Gender-Theorie, die eigentlich Gender Studies heißt, unterscheidet zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und dem soziokulturellen Geschlecht (gender). Die Gender Studies fragen danach, was Geschlecht überhaupt bedeutet, welche gesellschaftlichen Erwartungen und Konventionen damit verbunden sind und welche Ungleichheiten daraus entstehen. Und ja, es geht auch um Vielfalt, um mehr Geschlechtsoptionen als bloß „männlich“ und „weiblich“. Es geht darum, die Gesellschaft inklusiver und gerechter zu machen. Klingt jetzt nicht besonders bedrohlich – es sei denn natürlich, man ist Gottes Stellvertreter auf Erden und sieht das als Eingriff in die Schöpfung. Die Ehe muss gerettet werden, aber sicher nicht dadurch, dass auch Homosexuelle heiraten dürfen. Wäre ja noch schöner, wenn jemand anderes als alte Männer bestimmen könnten, was der Mensch darf und was nicht!

Listen and repeat, Franz!

Witzigerweise war es eben jener um die Zukunft der Menschheit besorgte Franziskus, der auf seiner Kaukasus-Reise sagte: „Es tut nicht gut, sich an ein in sich geschlossenes kirchliches Mikroklima zu gewöhnen. Es tut uns gut, weite und offene Horizonte der Hoffnung miteinander zu teilen, indem wir in unserem Leben den demütigen Mut aufbringen, die Türen zu öffnen und aus uns selbst herauszugehen.“ Listen and repeat, Franz! Und nun ab ins Papamobil und diese frohe Botschaft unters Volk gebracht. 

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