Wieso werden Politikerinnen nach ihrem Aussehen beurteilt? 

Frauen werden in der Politik oft nach ihrem Aussehen bewertet. Politikerinnen können dieses Spiel nur verlieren: entweder sind sie zu weiblich oder nicht weiblich genug. Vielleicht kann Theresa May das ändern. 

Die frisch ernannte britische Premierministerin Theresa May und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel haben eine Menge gemeinsam: Sie sind im gleichen Alter, unprätentiös und in politischen Führungspositionen. Sie sind außerdem Frauen, was so dermaßen erstaunlich zu sein scheint, dass die Medien uns immer wieder daran erinnern müssen. Frausein, eine verrückte Sache. Bei Merkel merkte der Großteil Deutschlands ja erst, dass sie eine Frau ist, als sie sich 2008 mit gewagtem Dekolleté in der Osloer Staatsoper zeigte. „Wie viel Dekolleté darf eine Kanzlerin zeigen?“ und „Top oder Flop“ waren fortan die Fragen, die die Deutschen im Sommerloch beschäftigten.

Theresa May, von der sich ja sowieso alle fragen, ob sie „die neue Angela Merkel“ (wahlweise auch die neue Margaret Thatcher) ist, erlebte im März 2016 ihr eigenes Dekolleté-Debakel: Bei einer Diskussion zum britischen Haushalt im Unterhaus trug May unter ihrem Blazer ein rotes, ausgeschnittenes Kleid – und darunter wiederum einen Spitzen-BH, wie die Daily Mail sogleich atemlos berichtete. Die Innenministerin hätte, so das Klatsch- und Tratschblatt, den Finanzminister ausgestochen. Nicht mit einem politischen Statement, nein, sondern mit ihrer gewagten, tief dekolletierten Kleiderwahl! Unter dem Hashtag #Budget2016 – ein Hashtag, von dem ich stark vermute, dass er sonst wohl kaum so viel Leidenschaft hervorruft – konnte dann jeder Fashion Police spielen: „Pack deine Brötchen ein“ forderten die einen, „Was hat Theresa May sich dabei gedacht???“ fragten die anderen. Dazwischen, einige Stimmen der Vernunft: „Theresa May ist die am längsten amtierende Innenministerin seit 1892, aber sie hat Brüste, wen interessiert’s?“

Ja, wen interessiert’s? Offenbar eine Menge Leute. Die interessieren sich aber nicht nur für Theresa Mays Brüste, sondern auch für ihre Schuhe. Leopardengemustert ist das auffälligste Paar und hat es sogar auf die Titelseite der Sun geschafft. Die dazugehörige Schlagzeile: „Heel, Boys“, was so viel bedeutet wie „Zu Fuß, Jungs“. Google Trends zufolge gab es in den Tagen nach Mays Ernennung einen Anstieg der Suchanfragen nach „Theresa May shoes“ und „Theresa May fashion“. Ohnehin scheinen Briten Dinge lieber im Nachhinein zu googeln – kennt man ja vom Brexit. Überhaupt: der Brexit! Den muss Theresa May natürlich verhandeln, aber mal ehrlich, das ist nicht halb so spannend wie ihre Fußbekleidung. Dass May die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon traf war im Prinzip nur deshalb erwähnenswert, weil May dazu ihre scharlachroten „Kriegsabsätze“ trug.

Politikerinnen können in Sachen Aussehen nur verlieren

Scharlachrot? Ist das etwa ein Hinweis auf Nathaniel Hawthornes „Der scharlachrote Buchstabe“? So lasset das Rätselraten beginnen. Bei männlichen Politikern hingegen würde niemand vermuten, dass hinter ihrer Kleidung mehr steckt als, nun ja, das Bedürfnis, seinen Körper zu bedecken. „Jean-Claude Juncker wählt dunkelblauen Anzug, um Zukunft Großbritanniens in der EU zu diskutieren“ oder „Matteo Renzis aggressives weißes Hemd“ – hat noch nie jemand irgendwo gelesen. Um es klamottentechnisch in die Schlagzeilen zu schaffen, muss man(n) schon zu auffälligeren Accessoires greifen. Alexander Dobrindt zum Beispiel setzte auf goldene Schuhe. Bei Politikerinnen hingegen reicht schon eine Frisur: Hillarys Haargummi, Angelas Pottschnitt. Die ergraute Haarpracht von, sagen wir mal, Joachim Gauck, ruft hingegen keine Schlagzeilen hervor.

Generell können Politikerinnen dieses Spiel ja nur verlieren. Sehen sie unauffällig aus wie Merkel, ist das „burschikos“ und „unweiblich“ – so wie Mutti eben, ein vollkommen entsexualisiertes Wesen. Sehen sie betont weiblich aus wie May, ist das gleich ein Versuch, die männlichen Kollegen abzulenken. Politische Inhalte geraten bei der ganzen Diskussion um Haarpracht und animalische Muster irgendwie aus dem Fokus. Kurzhaarschnitt hin, Leoprint her: Klar ist auch, dass Politikerinnen wie May und Merkel eben nicht einfach das anziehen, was ihre Ehemänner ihnen gebügelt in den Schrank legen. Dress to success and impress! Da wäre zum Beispiel Margaret Thatchers berühmte Handtasche, über die Thatcher selbst sagte: „Natürlich bin ich hartnäckig, wenn es um die Verteidigung unserer Freiheiten und Gesetze geht. Deshalb trage ich eine große Handtasche“. Besagte Handtasche schaffte es sogar ins Oxford English Dictionary: Das Verb „to handbag“ bedeutet, jemanden oder etwas rücksichtslos und unsensibel zu behandeln. Ich blicke also positiv in die Zukunft und warte auf den Tag, an dem Theresa Mays Leoparden-Schuhe ihren eigenen Eintrag im Oxford English Dictionary bekommen. Vielleicht als „to shleopard“ – eine Wortschöpfung aus „shoe“ und „leopard“, die so viel bedeutet wie: „sein eigenes Ding durchziehen, unbeeindruckt sein“.

 

 

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