Sind nackte Brüste französischer als die Burka? 

Der französische Premier Valls setzt die nackten Brüste der Marianne mit der Freiheit gleich und entfacht eine Debatte darüber, wie ein Frauenkörper auszusehen hat.  

Die arme Marianne hatte von jeher eine undankbare Aufgabe: Frankreich zu repräsentieren, die Republik, über Jahrhunderte hinweg, dabei stets jung und frisch. So sah sie mal aus wie Brigitte Bardot, mal wie Laetitia Casta – über das Antlitz des französischen Nationalsymbols wird alle paar Jahre entschieden. Nun hatte zwar niemand entschieden, dass Marianne auch nur im Entferntesten wie Front National-Chefin Marine Le Pen aussieht. Macht aber nichts, Marine fühlt sich trotzdem als Marianne. Schon 2011 fragte Le Point: „Ist Marine Le Pen die neue Marianne?“ Die wirkliche Frage aber beantwortet das Magazin nicht: Ist Marine Le Pen also die neue Brigitte Bardot? Die neue Laetitia Casta? Man weiß es nicht.

Was wir aber nun wissen, ist: Marianne wäre gegen den Burkini. Sie würde, ganz à la française, barbusig am Strand herumtollen. Da ist sich Premierminister Manuel Valls sicher: „Ihre Brust ist entblößt, weil sie das Volk nährt. Sie trägt keinen Schleier, weil sie frei ist. Das ist die Republik.“ Brüste gegen Burka, quasi. Eine derartige Aussage kann wirklich nur in Frankreich gemacht werden. In Deutschland ginge das schon deshalb nicht, weil hier so eine symbolträchtige Figur wie Marianne fehlt – der deutsche Bundesadler ist außerdem per se oben ohne.

Die Zeiten ändern sich und Marianne mit ihnen

Oben ohne ist die Marianne manchmal, aber nicht immer. Das scheint Valls entfallen zu sein, oder er hat im Geschichtsunterricht nicht besonders gut aufgepasst. Denn sonst wüsste er ja, dass es die eine Marianne nicht gibt. Wie der französische Comic-Zeichner Jean-Michel Renault schrieb: „Wie eine Barbiepuppe hat sie viele Outfits“. Mal sah Marianne aus wie die Freiheit, die das Volk anführt (bis heute ist allerdings nicht klar, ob diese „Freiheit“ auf Eugène Delacroix‘ Gemälde mit der Republik und damit auch mit Marianne gleichzusetzen ist). Mal wie Brigitte Bardot. Mal wie die „Mariannes d’aujourd hui“, die Mariannes von heute – so der Titel einer Ausstellung von 2003, die auf 14 Fotografien normale Frauen zeigte, darunter nordafrikanische Einwanderinnen und muslimische Frauen. Mal sind Mariannes Brüste bedeckt, mal nicht. Mal war Marianne kämpferische Revolutionärin, mal nährende Mutter. Die Zeiten änderten sich und Marianne mit ihnen.

Valls erinnert sich offenbar nur an die halbnackten Mariannes, was mehr über ihn aussagen dürfte, als ihm lieb ist. Fand auch die Grünen-Politikerin Cécile Duflot: Valls Lob der blanken Brüste sei ein Hinweis darauf, wie einige männliche französische Politiker Frauen sehen. Duflot muss es wissen, schließlich trug sie bei einer Sitzung des französischen Parlaments im Sommer 2012 ein knielanges Kleid mit floralem Muster – und löste damit bei den männlichen konservativen Abgeordneten einen Hormonstau aus. Johlen, Pfiffe, das ganze Programm. Später erklärten einige der Missetäter, sie hätten lediglich Duflots Outfit „bewundert“. Überhaupt habe diese das Kleid ja nur angezogen, damit niemand darauf achtet, was sie sagt.

Zum feministischen Befreiungssymbol taugt Marianne nicht 

Französische Politiker wissen also generell gut darüber Bescheid, was Frauen wollen – besser als diese selbst. Blöd nur, dass Marianne eine Allegorie ist, ein Symbol. Und keine echte Frau. Ups, das war Valls kurz entfallen. Gut, dass es die französische Historikerin Mathilde Larrère gibt, die Monsieur per Twitter eine kleine Lektion in französischer Staatskunde erteilte: Marianne sei im 19. Jahrhundert so oft entblößt dargestellt worden, um ein Gegengewicht zu den männlichen Darstellungen von Königen zu schaffen. Mit weiblicher Macht und Selbstbestimmung, so Larrère, hatte das Ganze nichts zu tun. Sie erinnerte daran, dass der Code Civil Frauen damals auf den Status von Minderjährigen reduzierte und ihnen das Wahlrecht verwehrte. Fazit: Zum feministischen Befreiungssymbol taugt die gute Marianne nicht. Zumal die Darstellung der barbusigen Marianne samt phrygischer Mütze – eine Art Zipfelmütze in rot, die Freiheit und die Revolution symbolisiert – im März 1849 zeitweise sogar untersagt wurde. Zu aufrührerisch. Und heute? Manuel Valls mag Mariannes Barbusigkeit zur Protestform erheben – wenn dann aber wirklich Frauen oben ohne demonstrieren, ist die Begeisterung nicht so groß. Siehe Femen: Als 2014 eine neue Briefmarke veröffentlicht wurde, auf der die Marianne die Züge der französischen Femen-Anführerin Inna Schewtschenko trug, brach ein Sturm der Entrüstung los. Liberté, Égalité, Femen stieß beim französischen Volk auf wenig Gegenliebe. Wenn sich hier eine entblößen darf, dann nur Marianne!

Marianne ereilt also das gleiche Schicksal wie so viele andere Frauen: Sie kann es niemandem recht machen. Wie würde Marianne heute auf das Kopftuch und den Burkini reagieren? Vielleicht hätte sie Spaß daran, sich über verschiedene Arten der Kopfbedeckung für Frauen auszutauschen. Vielleicht würde sie erleichtert in einen Burkini schlüpfen, froh, dass endlich nicht mehr über ihre Brüste diskutiert wird. Nur um dann festzustellen: Ob blanke Brüste oder Burkini – die Diskussion über Frauenkörper wird nie aufhören. In Frankreich so wenig wie anderswo. 

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