Rosarote Weihnachten 

Feministinnen haben einen schlechten Ruf, sie gelten als anstrengend und fordernd. Dabei ist nichts entspannender, als für eine Feministin Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Eine Anleitung.

Ach, besinnliche Weihnachtszeit. Wären da nur nicht die ganzen Betriebsfeiern, das Gedränge auf dem Weihnachtsmarkt und die allgemein gehetzte Jahresendzeitstimmung. Zwischen Plätzchenbacken und Glühweintrinken müssen dann auch noch Geschenke für die Liebsten organisiert werden. Meine Bemühungen, meinem Vater etwas Originelleres zu schenken als Tennissocken und -bälle stellte ich vor einigen Jahren ein – der Flaschenöffner in Form einer Kicker-Figur wurde mit den Worten kommentiert: „Aber ich trinke Bier doch immer aus diesen Plöp-Flaschen!“. Also zurück zu Socken und Bällen. Meine Mutter sagt jedes Jahr aufs Neue: „Ich wünsche mir nichts! Nur, dass wir alle zusammen sind“. Tatsächlich habe ich mich noch nicht getraut, sie beim Wort zu nehmen.

„Feminist as fuck“-Tassen und Plüsch-Uterus

Feministinnen haben einen schlechten Ruf, sie gelten als anstrengend und fordernd. Dabei ist nichts Entspannender, als für eine Feministin Weihnachtsgeschenke zu besorgen! Wirklich wahr! Eine kurze Google-Suche genügt und schon finden sich Listen über Listen mit Titeln wie „33 Geschenke für all die knallharten Frauen, die du liebst“, 31 feministische Geschenke für jede Person auf deiner Liste“ oder „Feministischer Geschenke-Guide 2016“. Und was wünscht sich die Feministin zu Weihnachten? Unter anderem diese Dinge: Bedruckte Stoffbeutel mit Michelle Obamas Konterfei, „Feminist as fuck“-Tassen, alles, was irgendwie mit Einhörnern zu tun hat, alles, was irgendwie mit „Girl Power“ zu tun hat, sogenannte „self care“-Stifte, bestickte Unterhosen, Jacken mit Botschaft („Girl Gang“ oder „Wild Feminist“), Bilder berühmter Feministinnen oder einen Plüsch-Uterus. Dazu noch jede Menge empowernde T-Shirts („The future is female“), Sticker und Ohrringe.

Alles rosarot, alles halb so dramatisch

Nichts gegen all diese Dinge – mich persönlich könnte man mit einer „Feminist as fuck“-Tasse durchaus begeistern. Aber etwas fehlt doch. Ein kleines, aber nützliches Accessoire für die moderne Feministin: die rosarote Brille. Ernsthaft, es gibt kein besseres feministisches Geschenk! Kaum aufgesetzt, schon taucht die rosarote Brille die graue Realität in sanftes Licht. Donald Trump zum Beispiel erscheint nun nicht mehr als sein sexistisches, homophobes und rassistisches Selbst, sondern als irgendwie – gedämpft, freundlich, harmlos. Die rosarote Brille lässt den aufdringlichen Typen in der Bar nicht verschwinden, aber sie lässt ihn Wärme und Wohlwollen ausstrahlen. Gefiltert durch die rosarote Brille sehen die deprimierenden Nachrichten aus aller Welt gar nicht mehr so schlimm aus: sexualisierte Gewalt, Angriffe auf die weibliche Selbstbestimmtheit oder sich hartnäckig haltende Geschlechterrollen? Alles rosarot, alles halb so dramatisch.

Ja, die rosarote Brille wäre jeden Tag im Einsatz, 365 Tage im Jahr. Nur zum Schlafen würde ich sie abnehmen, mich an meinen Plüsch-Uterus kuscheln und einen Blick zum Hillary-Kunstdruck an der Wand werfen. Was mehr könnte eine Feministin sich bitte wünschen?

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