Dreckiges Essen kommt nicht auf den Tisch!

Der Wunsch nach Reinheit hat zu Beginn eines neuen Jahres Hochkonjunktur: nie wird der Körper derart entschlackt und „detoxt“. Doch zwischen Chia-Samen und Grünkohl-Shake stellt sich die Frage: Wieso eigentlich?

Fast wäre dieser Text nie entstanden: Zwischen der Zubereitung von veganen, glutenfreien Mahlzeiten und der Dauerbefüllung des Entsafters mit allerlei gesundem Grünzeug, bleibt nicht viel Zeit für anderes. Detoxen ist ein Vollzeitjob. Ist ja auch kein Wunder: Nach den Plätzchenorgien und reichhaltigen Familienessen zu Weihnachten hat sich im Körper eben allerlei angestaut, und das muss jetzt weg. Es gilt, den Körper von ominös „Schlacken“ genannten Ablagerungen zu befreien – neben ein paar Kilo weniger gibt es bessere Haut und ein ganz neues Ich noch obendrauf. Was könnte schöner sein als körperliche Reinheit?

Hauptsache, das Essen ist „clean“

Und der Wunsch nach Reinheit hat zu Beginn eines neuen Jahres Hochkonjunktur. Nie ist die Entschlossenheit stärker, die Überzeugung größer, sich diesmal aber wirklich zu ändern, es irgendwie anders, besser zu machen. Der weibliche Körper scheint besonders anfällig für Schlacken und dergleichen zu sein: Überall werben junge, frische Frauen für diverse Programme, die den Körper wahlweise „neu programmieren“ oder „in Balance“ bringen sollen. Gegessen werden darf dabei nahezu alles – solange es mindestens gluten-, zucker- und laktosefrei ist. Dreckiges Essen kommt nicht auf den Tisch! Wer nun meint, es reicht, Mamas 80er Jahre Vollwertkochbuch aus dem Regal zu kramen und loszulegen, irrt. Besser, man startet in der nächstgelegenen „Juice Bar“, wo es erst einen Green Juice gibt, danach einen Quinoa-Salat oder Zucchini, die sich als Nudeln tarnen. Vielleicht auch einen Avocado-Toast oder eine Smoothie-Bowl. Wer lieber selber kocht, ist mit einem der zahlreichen Bücher und Blogs von Autorinnen wie „Deliciously Ella“ oder den Hemsley-Schwestern gut bedient. Hauptsache, das Essen ist „clean“, also sauber.

Frauenkörper, das weiß man ja sowieso, sind von jeher schmutziger als Männerkörper. Von unreinen Frauen ist schon in der Bibel die Rede – auf die Idee mit dem Detoxen hätte Gott wirklich mal früher kommen können. Dann hätten die armen biblischen Frauen nämlich nicht Tauben opfern müssen, um ihre wiedererlangte Reinheit zu signalisieren. Eine simple Portion im Ofen gerösteter Rosenkohl hätte es auch getan! Oder, um auf Nummer Sicher zu gehen, eine fünftägige Detox-Kur für mehrere hundert Euro – die grünen Säfte und Salate werden dafür immerhin direkt bis vor die Haustür geliefert. Gut ist, was viel kostet: Je höher der Preis, desto mehr Reinheit.

Frauen sollen mal lieber beim grünen Saft bleiben

Nicht auszudenken, was Frauen mit ihrer Zeit anfangen würden, wenn sie aufhörten sich unrein zu fühlen: Stunden über Stunden, in denen sie sich keine Gedanken über die nächste „saubere“ Mahlzeit machen oder aus Datteln und Chia-Samen so etwas wie eine Süßigkeit herstellen müssten. Stunden, in denen sie sich tatsächlich wichtigeren Dingen widmen könnten. So gesehen ist es vielleicht besser, wenn Frauen sich lieber ihrer eigenen Reinheit widmen als den unsauberen und verschlackten Dingen in der Gesellschaft – Sexismus und der ganze Kram. Nee nee, Frauen sollten beim grünen Saft bleiben. Sonst kommen sie noch auf dumme Gedanken.

 

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