Zeigt nicht auf den dicken Mann! 

Seit dem Rechtsrock-Konzert am Wochenende erntet das Bild eines korpulenten Teilnehmers Spott und Häme in den Sozialen Medien. Das ist nicht nur aus rechtlicher Sicht äußerst kritisch, sondern offenbart eine eklige Tendenz. 

Im Internet kursieren diverse Fotos von Teilnehmern des Rechtsrockkonzertes in Themar. Sehr häufig trifft man in den sozialen Netzwerken auf das Foto eines halslosen, korpulenten Herrn, dessen schwarzes T-Shirt die Worte „Nationalstolz kann man nicht zerbrechen“ zeigt. Es ist im ersten Moment nachvollziehbar, wenn Menschen sich darüber amüsieren, dass dieser Mensch so gar nicht den Idealen der deutschen Herrenrasse entspricht und auch ich hatte mir ein „Nationalstolz kann höchstens platzen“ nicht verkneifen können..

Auf den zweiten Blick ist das allerdings dann gar nicht mehr so lustig. Und zwar aus zwei Gründen. Der erste ist ein rechtlicher:

Nach § 22 des Kunsturhebergesetz (KunstUrhRG) dürfen Bildnisse, also Fotos, nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden.Die Einwilligung gilt im Zweifel als erteilt, wenn der Abgebildete dafür, dass er sich knipsen ließ, eine Entlohnung erhielt. Dass der korpulente Herr für das Bild entlohnt wurde, ist nichts ersichtlich.

Man könnte vielleicht noch auf den Gedanken kommen, dass er durch sein spezielles Outfit signalisiert haben könnte, dass er mit einer Verbreitung seines Nationalstolzspruches sehr einverstanden sein könnte, allein das reicht nicht dafür anzunehmen, dass er damit einverstanden ist, sein Gesicht und seine Körperfülle weltweit mit Spott gespickt verbreitet zu sehen.

Darf man das Bild verbreiten?

Nun ist es so, dass von dem Erfordernis einer Zustimmung des Abgebildeten in bestimmen Fällen abgesehen werden kann. Zum Beispiel:

Gesetz betreffend das Urheberrecht an Werken der bildenden Künste und der Photographie § 23.

(1) Ohne die nach § 22 erforderliche Einwilligung dürfen verbreitet und zur Schau gestellt werden:

1. Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte; 2. Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen; 3. Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben; 4. Bildnisse, die nicht auf Bestellung angefertigt sind, sofern die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient.

(2) Die Befugnis erstreckt sich jedoch nicht auf eine Verbreitung und Schaustellung, durch die ein berechtigtes Interesse des Abgebildeten oder, falls dieser verstorben ist, seiner Angehörigen verletzt wird.

Dass der Mann keine Person der Zeitgeschichte ist, braucht nicht näher erläutert zu werden. Dass er, der locker 60% des Gesamtbildes füllt, auch nicht nur Beiwerk eines Landschaftsbildes oder einer sonstigen Örtlichkeit ist, versteht sich ebenso.

Aber wie sieht es mit Ausnahme Nummer. 3 aus? Der Mann war auf einer Veranstaltung, die vom Verwaltungsgericht Meinigen am 03.07.2017 als Versammlung im Sinne des Versammlungsgesetzes anerkannt wurde. Darf man ihn da nicht fotografieren und das Bild veröffentlichen? Nein, darf man nicht.

Jedenfalls nicht so.

Die abgebildete Person muss erkennbar Teilnehmer der Veranstaltung  und ihr zuzuordnen sein. Bilder von Einzelpersonen sind das aber nicht.

Entscheidend ist dabei, dass die Versammlung als solche den Charakter des Bildes prägt und nicht einzelne Personen. Selbst wenn man nicht nur die Versammlung, sondern auch deren weiteres Umfeld und den Rahmen, in dem sie stattfindet, noch von der Abbildungsfreiheit nach § 23 KunstUrhRG umfasst ansehen würde, stünde der Veröffentlichung und Verbreitung im Internet doch berechtigte Interessen des Abgebildeten nach § 23 Abs. 2 KunstUrhG entgegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Mann sich so in die Öffentlichkeit gezerrt sehen will.

Eine eklige Form des Lookismus

Seien wir mal ehrlich. Möchten Sie in einer solchen Form öffentlich gehänselt werden? Darf man das, weil es ja ein Nazi ist? Ich meine nein.

Was dieser Mensch denkt, weiß ich nicht. Dass er an einem Rechtsrockkonzert teilnimmt, sagt nicht zwingend etwas darüber aus, dass es überhaupt ein Neonazi sein muss. Ungebrochener Nationalstolz ist ja nicht strafbar und spätestens bei der nächsten Fußball-WM wieder weit verbreitet. Eine rassistische oder sonst verbotene Parole trägt er nicht auf seinem Shirt. Und selbst wenn er ein Neonazi sein sollte, darf er auch dass, solange er sich nicht strafbar macht. Die Gründe dafür kennt keiner von uns. Mag sein, dass er wegen seiner Figur oder einer Behinderung von vielen seiner Mitmenschen ausgegrenzt wurde und deshalb Freunde im rechten Milieu gefunden hat. Ich kenne auch Linke, die ähnlich aussehen. Na und?

Der zweite Grund. Was hier mit der Verbreitung des Fotos geschieht, ist eine Form von Lookismus, also der Annahme, dass das Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person ist. Kennt jeder von uns. Wer nicht den Ansprüchen der werbegeprägten Vorstellungen von Schönheit genügt, hat es nicht leicht in der Gesellschaft. Der Lookismus wird immer noch unterschätzt. Schöne Menschen bekommen schneller einen Job, verdienen mehr Geld und dürfen sogar vor Gericht mit einer geringeren Strafe rechnen. Ja und die weniger schönen, die hässlichen, die dicken und die zu kleinen, zu dünnen, zu behaarten oder was auch immer vom Ideal abweicht, laufen Gefahr sich am anderen Ende der Gesellschaft wiederzufinden. Frauen sollen „fuckable“ und Männer wie Olympioniken aussehen. Da die meisten das Ideal nicht erfüllen, haben sie Probleme und leiden nicht selten unter Komplexen. Vielleicht war das auch bei dem Mann auf dem Foto so. Ich weiß es nicht, ich weiß aber, dass mir nach ein wenig Nachdenken Häme und der Spott für diesen Menschen im Halse stecken geblieben sind. Denn wie auch immer er aussieht, was immer er trägt, und was immer er denkt, er ist ein Mensch.

 

14 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Oliver Hering
    Der Anspruch der "Herrenrasse"-> hart wie Kruppstahl zäh wie Leder flink wie ein Windhund. Und genau deshalb darf man sich drüber lustig machen. Wer seinen eigenen Ansprüchen sowas von gegenteilig entgegen steht, muß mit Häme rechnen.
    Ich erinnere mich grad noch an einen Artikel.
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/blogger-heinrich-schmitz-warum-er-vor-rechten-kapituliert-a-1047545.html
  2. von Berthold Grabe
    Etwas sollte misstrauisch machen.
    Denn stets gingen Bedrohungen für Freiheit und Gerechtigkeit immer von denen aus, die solche Methodik benutzten.
    Demnach ist die weit größere Bedrohung immer auf Seiten derjenigen zu finden,die sich des Applauses der öffentlichen Moral gewiss sein können.
    Wir mögen also durchaus zu Recht mit Misstrauen und höchster Aufmerksamkeit das Geschehen am rechten Rand beobachten.
    wirklich gefährlich verhalten sich allerdings momentan vor allem Vertreter des linken Spektrum, die auf Diffamierung und nicht auf Argumente setzen. Und das passiert meist dann,wenn die Argumente nicht stichhaltig sind oder zumindest teilweise nicht stichhaltig sind.
  3. von Petra Ristow
    Ein paar Anmerkungen zur Geschichte dieses Fotos, die oben im Artikel wohl nicht bekannt sind. Das Foto ist aus dem Flickr-Stream von Lukas Beyer, der fast 3.000 Fotos an diesem Nachmittag/ Abend gemacht hat.
    https://www.flickr.com/photos/lukasbeyer/
    Alle Fotos sind gebrandet, das Bild mit der betreffenden Person ist im Original klar erkennbar in Themar geschossen.
    Der junge Mann ist zwar recht formatfüllend, aber man hat die zweite Person dahinter ebenso wie das Branding entfernt.

    Es hier nicht eigentlich die Schuld des Fotografen, sondern die Schuld der User im Internet, die zum einen das Foto geklaut haben, zum anderen ohne Urheber verbreiten.

    Und zu unserem Protagonisten.
    Jupp. Das ist widerlichster Lookism. Aber leider geil!
    Innerhalb meiner Timeline bei FB haben zwei Leute ihn erkannt. Sein Profil verschwand an dem Abend, als das Foto durchs Internet gereicht wurde.
    Er soll übrigens ein echter Nazi sein.
    Das zeigt sich an seiner Halskette (Thorhammer) und an der wahrscheinlichen Aufschrift der Jacke, auf der irgendwas mit "White Pride" der US-amerikanischen weißen Nationalisten stehen dürfte.
    Das passt dann wieder zu Tommy Frenck, dem Gastgeber der Sause, der das Wort "Aryans" auf den Hals tätowiert hat.

    Ich hoffe, dass der Mann einen solchen Leidensdruck bekommt, dass er zum nächsten Arzt marschiert und was für seine Gesundheit tut. Vielleicht klappt's dann auch mit dem Ausstieg

    1. von Marc Bessreitz
      Antwort auf den Beitrag von Petra Ristow 19.07.2017, 18:39:35
      "Er soll übrigens ein echter Nazi sein.
      Das zeigt sich an seiner Halskette (Thorhammer) [...]"

      Bitte nicht so einen Unfug verbreiten!

      Nur weil es Nazis gibt, die sich mit einem Thorhammer schmücken, ist umgekehrt nicht jeder, der einen solchen trägt, ein Nazi. (bei weitem nicht!)

      Ja, die anderen Merkmale bei dieser Person hier sind relativ eindeutig.

      Der Hammer jedoch kann nicht als Indiz genommen werden.

      Darüber hinaus halte ich es für gefährlich, dies zu behaupten. Menschen könnten dies glauben und dementsprechend handeln, was Unschuldige in Gefahr bringen könnte.
    2. von Petra Ristow
      Antwort auf den Beitrag von Marc Bessreitz 21.07.2017, 17:49:29
      Was hast Du nicht verstanden am Satz davor? Der Mann ist ANGEBLICH auf FB und im RL als Nazi bekannt. Sollte man aber nicht zu hoch hängen. ZUSAMMEN mit dem Thorhammer UND der Jacke UND dem Shirt ergibt sich das Bild eines Nazi-Konsumopfers.
      http://www.belltower.news/lexikontext/thorshammer-mjoelnir
    3. von Oliver Hering
      Antwort auf den Beitrag von Petra Ristow 19.07.2017, 18:39:35
      Das mit Thorhammer = Nazi kannste gepflegt in die Tonne kloppen
    4. von Petra Ristow
      Antwort auf den Beitrag von Oliver Hering 22.07.2017, 07:27:36
      Nöö... Genauso wenig wie den beliebten Nicknamen Odin, Odins Sohn ..
      Oder Frigg, die Germanin
      https://plus.google.com/u/0/b/100815086562304514860/111193999160377967637
  4. von Sofie Lehmann
    Gesetze unterliegen nicht der Willkür.
    Wenn etwas gesetzlich verboten ist, dann ist es immer verboten.
    Natürlich gilt das auch für die Hetze gegen einzelne Menschen. Egal ob Rechts oder Links, es ist nicht erlaubt, erfüllt oft den Tatbestand der Beleidigung oder auch Verleumdung.
    Auch als Fotograf darf man ein Foto nicht einfach veröffentlichen.
    Es spricht nicht für einen Fotografen, wenn er Persönlichkeitsrechte davon abhängig macht, ob er angezeigt wird oder nicht.
  5. von Ernst Wilhelm Grueter
    Hey. Ich kenne das Bild nicht. Kann trotzdem die Position des "ekligen Lookismus" nachvollziehen, nach der ich selbst das Bild wohl nicht veröffentlicht hätte oder anders, nach der die abgebildete Person das gleiche Recht auf Respekt hat, wie alle anderen.

    Allerdings habe ich mit der Wortwahl "das darf man nicht" ein Problem. Das ist nicht der Fall. Ich darf. Fotografieren und veröffentlichen. Erst wenn der Betroffene sich ZIVILRECHTLICH wehrt, könnte es eine Entscheidung geben, nach der mir eine Veröffentlichung untersagt wird. Das ist dann mein als Fotograf.

    Das heißt aus meiner Sicht auch, daß ein Fotograf ein solches Bild veröffentlichen kann. Ob und was er dokumentieren möchte, ob er Widersprüche aufzeigen möchte. Seine Entscheidung und sein Risiko.

    Das spricht nicht gegen diese Diskussion, aber ich glaube, wir sind alle gut beraten, Widersprüche auszuhalten.

    Mit freundlichen Grüßen.
    1. von Ernst Wilhelm Grueter
      Antwort auf den Beitrag von Ernst Wilhelm Grueter 19.07.2017, 14:07:05
      2. Absatz, letzter Satz muss heißen:
      "Das ist dann mein RISIKO als Fotograf."
  6. von Hartmut Ruffer
    "muss erkennbar Teil der Veranstaltung sein" - was bedeutet das, wenn man bspw. Demonstranten fotografiert, die nicht mit Fahnen o.ä. laufen oder Fans im Stadion, die nicht mit Fanutensilien ausgestattet sind? Im Fernsehen gibt es doch auch Nahaufnahmen von Menschen. Nicht immer kann man diese eindeutig als Zuschauer des Sportereignisses erkennen.
    1. von Fred Groeger
      Antwort auf den Beitrag von Hartmut Ruffer 19.07.2017, 12:43:08
      Es geht glaube ich weniger um die Stellen, an denen das Bild zur Dokumentation von dem "Rechtsrock (bzw. Neonazi)- Konzert" taugt, sondern um die Verbreitung des Bildes als "Witzfigur" im Internet, die dann auch irgendwann diesen Kontex verlässt. Der "dicke Neonazi" wird noch einige Jahre im Internet auftauchen, um als schnelles Spottbildchen für Rechtsextreme herzuhalten.

      Was man bedenken sollte:
      Selbst wenn der Typ auf dem Bild aus der Neonazi-Szene aussteigt, wird sein Bild in Jahren noch als der "dumme, dicke Nazi" durchs Netz geistern.

      Juristisch eine Grauzone, moralisch leider ebenso.

    2. von Simon Peters
      Antwort auf den Beitrag von Hartmut Ruffer 19.07.2017, 12:43:08
      Aus der Stadionordnung des Berliner Olympiastadions (andere dürften ähnlich aussehen):

      "Jeder Ticketinhaber willigt unwiderruflich für alle gegenwärtigen und zukünftigen Medien ein, in die unentgeltliche Verwendung seines Bildes und seine Stimme für Fotografien, Live - Übertragungen, Sendungen und / oder Aufzeichnungen von Bild und / oder Ton, die von Hertha BSC oder von autorisierten Dritten in Zusammenhang mit der
      Veranstaltung erstellt werden."
  7. von Fred Groeger
    Ist alles richtig. Und in dem Fall stört mich schon der Umgang mit den Persönlichkeitsrechten.

    Bei Neonazis und Lookism gibt es aber ein Problem, dass eben auch diese Art der Erniedrigung so verlockend macht:

    Neonazis sind selbst sehr schlimme "Lookisten".

    Das ganze lächerliche Auftreten in paramilitärischen Klamotten, mit "Division Dingsda", "Freie Kräfte Entenhausen" oder "Kameradschaft Bullydorf" soll bedrohlich wirken.

    Eigentlich kennt jeder diese "Neonazi-Ästhetik", die irgendwo zwischen "Springerstiefel und Glatze" und irgendwelchem "Wikinger"-, "Berserker"- "Germanen"-Schnickschnack steckt.

    Die flüchten sich selbst in dieses uniformierte Aussehen, weil sie wie militante Krieger aussehen wollen.

    Wenn dann Anspruch und körperliches Erscheinungsbild auseinanderfallen, ist der Spott eben schnell da.

    Sie entsprechen oft dem eigenen "Schönheitsideal" des Herrenmenschen nicht.

    Und Neonazis arbeiten selbst zu bereitwillig mit Lookismus. Eigentlich basiert deren Rassimus zu mindestens 90 % darauf, andere Menschen wegen banaler Dinge wie Hautfarben abzuwerten.

    Trotzdem bleibt der Lookism gegen Neonazis eher dumm.
    Ich gebe zu, dass ich selbst gerne Rechtsextreme und Neonazis auf (vermeintliche) körperliche Unzulänglichkeiten anspreche, um sie zu ärgern.
    Es hat aber weniger damit zu tun, dass sie nicht meinem "Schönheitsideal" (auch übergewichtige Menschen sehen gut aus und sind sympathisch) widersprechen, sondern weil ich sie wegen ihrer hässlichen Sprüche betreffs "Ausländern, Juden, Moslems, Schwarzen" usw. maximal im eigenen Ego verletzen will.

    Und das macht mich zum Idioten. Denn gerade die kleineren Neonazis haben meist bereits einen Knick im Selbstwertgefühl, den sie damit ausgleichen wollen, nach unten zu treten, auf die nächste "schwächere" Minderheit.