Wenn Oma fährt  

Mit zunehmendem Alter soll die Fahrtauglichkeit abnehmen. Unfallstatistiken belegen aber oft das Gegenteil. Wer sichere Straßen will, sollte Fahrtauglichkeitsprüfungen für alle fordern und nicht nur für die Alten. 

Ob die Fahrtauglichkeit von Menschen ab einem gewissen Alter automatisch überprüft werden soll, diskutierte der Verkehrsgerichtstag in Goslar. Es gibt ein paar Alte in meinem Familien- und Bekanntenkreis, bei denen ich lieber nicht mehr mit ins Auto steige. Nicht dass das keine netten Menschen wären, aber ihr Verhalten als Fahrzeuglenker erzeugt bei mir regelmäßig ein mulmiges Gefühl.

Da ist die freundliche Ü-80erin, die es als unhöflich empfindet, wenn sie nicht jeden Bekannten auf der Straße mit fröhlichem Winken begrüßt. Ihr Augenmerk ist daher nicht nur der vor ihr liegenden Fahrbahn, sondern viel mehr noch den Bürgersteigen gewidmet. Erkennt sie da jemanden, dann winkt sie und schaut, ob ihr auch angemessen zurück gewunken wird. Die Zeit ist die Fahrbahn eher uninteressant. Erstaunlicherweise kennt die auch noch die ganzen Namen und erzählt dem Beifahrer die neusten Geschichten über die Personen. Geparkt wird nur vorwärts, weil Umschauen nicht mehr so richtig geht. Aufhören zu fahren? Niemals.

Da ist der schneidige Ü-70er, der in seinem Berufsleben rund 50.000 Kilometer pro Jahr fuhr. Geschwindigkeitsbeschränkungen empfindet er als persönliche Beleidigung seiner Fahrkünste, Menschen, die sich an die Schilder halten, als Verkehrshindernis. Wenn man ihn darauf anspricht, dass er viel zu schnell fährt und vielleicht nicht mehr so schnell reagiert wie noch vor 10 Jahren, dann wird er ärgerlich. Geschwindigkeitsüberwachung ist Wegelagerei und Polizisten sollen sich um die richtigen Verbrecher kümmern, statt brave Steuerzahler abzuzocken. Aufhören? Niemals.

Hartnäckige Führerscheinmethusaleme

Bei beiden wäre mir persönlich lieber, wenn sie ihr Auto künftig stehen ließen, weil ich erhebliche Zweifel an ihrer Fahrtauglichkeit habe. Zu ihnen ins Auto steige ich nicht mehr und das wissen die auch.

Der vorsichtige Versuch, einen Führerscheinmethusalem davon zu überzeugen, auf das Autofahren zu verzichten, bevor es zu einem Unfall kommt, scheitert meist kläglich. Dass bisher kein Unfall geschehen ist, wird einem ebenso als Argument um die Ohren gehauen, wie die jahrelange Fahrpraxis. Erst wenn's mal richtig rumst, geht’s leichter.Aber dann kann es Tote gegeben haben.

Da liegt schnell der Gedanke nahe, eine gesetzliche Überprüfung der Fahrtauglichkeit ab einem gewissen Alter zu fordern. Die Jungen werden ja, die Alten eher nein sagen. Die Statistik hilft auch kaum weiter. Zwar waren 2015 nur 12,9% aller Unfallbeteiligten in Deutschland über 65 Jahre alt, obwohl diese Altersgruppe mit 21% an der Gesamtbevölkerung beteiligt ist. Umgekehrt sind aber 3 von 4 Über-75-jährigen, die in einen Unfall verwickelt werden, auch an diesem schuld. In dem meisten Fällen sind es bei Alten Unfälle durch Unaufmerksamkeit oder verlangsamte Reaktion, selten Temposünden oder falsches Überholen.

Offenbar beginnen viele Alte – ich halte nicht viel von dem Begriff Senioren – ihre körperlichen Einschränkungen selbst durch eine vorsichtigere, defensivere Fahrweise zu kompensieren. Sie vermeiden weite und unbekannte Strecken und fahren nur noch im näheren Umfeld: zum Einkaufen, zur Kirche, zu Freunden. Andere, vernünftigere, haben das Fahren freiwillig aufgegeben, ohne den Führerschein abgegeben zu haben. Das erklärt die erste Zahl. Die zweite ist dem zwangsläufigen Abbau geschuldet.

Nun ist aber nicht jede oder jeder Alte im gleichen körperlichen und geistigen Zustand. Das ist bei Jungen ja auch nicht so. Auch bei denen gibt es welche, die trotz vorhandener Fahrerlaubnis nicht auf die Straße gehören. Wenn man die Fahruntauglichen möglichst alle von der Straße holen will, dann müssten regelmäßige Tests für alle her. Die mag man ja in unterschiedlich gestaffelten Abständen machen, also z.b. zunächst nach 15, dann nach 10 und schließlich alle 5 Jahre. Dann wären die Tests jedenfalls nicht so diskriminierend, wie wenn man sie nur für eine bestimmte Altersgruppe fordert.

Eine andere Möglichkeit wäre auch, die bis jetzt ja lebenslange Fahrerlaubnis immer nur für eine bestimmte Zeit zu vergeben und danach eine Verlängerung nur nach Vorlage eines Attests, in Zweifelsfällen ggf. einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) zu gewähren.

Sollten alle Fahrer auf ihre Fahrtauglichkeit geprüft werden?

Lediglich die Alten zu Checks zu verpflichten wird zwar verfassungsrechtlich durchaus möglich sein, ist aber angesichts der Unfallzahlen nicht zwingend erforderlich und gesellschaftlich eher schädlich. Eine Entziehung der Fahrerlaubnis ist auch jetzt bereits jederzeit zwingend vorgesehen, wenn die Fahreignung entfallen ist. In § 46 Abs. 1 der Fahrerlaubnisverordnung (FEV) heißt es:

„Erweist sich der Inhaber einer Fahrerlaubnis als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen, hat ihm die Fahrerlaubnisbehörde die Fahrerlaubnis zu entziehen. Dies gilt insbesondere, wenn Erkrankungen oder Mängel nach den Anlagen 4, 5 oder 6 vorliegen oder erheblich oder wiederholt gegen verkehrsrechtliche Vorschriften oder Strafgesetze verstoßen wurde und dadurch die Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen ausgeschlossen ist.“

Um einen ungeeigneten Fahrer von der Straße zu holen, reicht daher schon ein Hinweis an die Führerscheinstelle – und zwar völlig unabhängig vom Alter des Fahrers. Dann muss die Behörde die Fahreignung überprüfen. Diesen Hinweis kann jeder geben. Das mag nach Denunziantentum klingen, es kann für besorgte Angehörige aber die letzte Möglichkeit sein, die Oma davon abzuhalten, im Hühnerstall Motorrad oder mit 30 km/h über die Autobahn zu fahren. 

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Hartmut Zeeb
    Grundsätzlich, denke ich, haben Sie recht. Da Autos tatsächlich eine Art Waffe sind, von deren Ge- und Missbrauch ich mich täglich überzeugen kann, sollten die Lizenzinhaber regelmäßig getestet werden. Zumindest alle anderen. Dass ich mich korrekt verhalte, weiß ich ja. Und nun? - Die andere Seite der Medaille ist, dass viele Menschen ohne Auto nicht ohne Weiteres dort leben könnten, wo sie nun mal leben. Zum Beispiel ganz am Stadtrand mit Wegen von mehreren hundert Metern bis zur nächsten Bus- oder Tram-Haltestelle. Wer aus Altersgründen nicht mehr Auto fahren kann, wird meist auch nicht mehr ohne Mühe allein zur Haltestelle kommen. Deshalb wäre es eine schöne Lösung, das freiwille Abgeben des Führerscheins mit einem monatlichen Kontingent von Taxigutscheinen zu versüßen. Gute Idee? Da sehen Sie mal!