Seehofer hätte im Urlaub bleiben sollen

Wegen des  Vorfalls am Frankfurter Bahnhof, bei dem ein achtjähriger Junge von einem in der Schweiz lebenden Eritreer getötet wurde, eilte der Bundesinnenminister aus den Ferien herbei - ein völlig falsches Signal.

Der Tod eines Kindes durch einen vermutlich geistesgestörten Täter ist ein Ereignis, dass sehr viele Menschen betroffen macht. Und es ist ein Ereignis, dass jederzeit an jedem Ort der Welt geschehen kann. Gerade das erschreckt. Es ruft ins Bewusstsein, dass das Leben ständig bedroht ist und dass es nichts und niemanden gibt, der uns absolute Sicherheit garantieren kann. Es besteht permanente Lebensgefahr.

Alleine in Deutschland sterben jedes Jahr im Schnitt 150 Kinder infolge von Straftaten. Das ist schlimm, insbesondere weil diese Zahl seit Jahren stabil ist. Die Täter stammen meistens aus dem engeren Familienkreis. Dass der Bundesinnenminister oder irgendeiner seiner Vorgänger wegen eines Mordes an einem Kind seinen Urlaub unterbrochen hätte, kann ich nicht erinnern. Das ist ja auch nicht besonders sinnvoll, denn die Tat ist bereits geschehen und die Aufarbeitung der Tat ist Sache der Justiz, die dies gerade bei Kapitalverbrechen in aller Regel gut erledigt.

Nun also Unterbrechung des Urlaubs durch den Innenminister. Okay, kann man machen, wenn man das will. Die Frage ist nur, zu welchem Zweck und was bringt das?

Seehofer sieht angesichts der legalen Einreise des Mannes keinen Bedarf an ausländerrechtlichen Konsequenzen, sagt er völlig zu Recht. Aber er will  das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung verbessern - auch aufgrund vorangegangener Vorfälle, zu denen er nicht ausschließlich Übergriffe von Ausländern, sondern auch rechtsextremistische Gewalttaten wie den Mord an Walter Lübcke sieht.

Gefühlte Sicherheit hat nichts mit Sicherheit zu tun

Nun, das hätte er zum Beispiel dadurch tun können, dass er – wie im Übrigen die Kanzlerin – einfach weiter seinen Urlaub gemacht hätte und durch den Urlaubsabbruch nicht den Eindruck erweckt hätte,  es sei gerade die Sicherheit des Landes oder seiner Bürger im höchsten Maße gefährdet.

Das Sicherheitsgefühl hat nichts mit der Sicherheit zu tun, die sich in Deutschland ziemlich gut entwickelt hat. Es ist noch gar nicht lange her, dass der Minister die Kriminalstatistik veröffentlicht hat, die das belegt. Wenn als in der Bevölkerung das Gefühl entstanden ist, es werde immer schlimmer mit der Kriminalität, man könne sich ja – speziell als Frau – gar nicht mehr auf die Straße oder ins Schwimmbad trauen, dann sollte man sich einmal gezielt mit der Frage beschäftigen, warum die Schere zwischen realer Sicherheit und gefühlter Angst so groß geworden ist.

Seehofer kündigte an, „alles Menschenmögliche“ zu tun, um unter anderem die Sicherheit an Bahnhöfen zu verbessern. Er denke an mehr Polizeipräsenz, aber auch technische Mittel wie Videoüberwachung an Bahnhöfen. Nun nehmen wir einmal an, es habe auf dem Frankfurter Bahnhof mehr Polizeipräsenz gegeben. Hätte das jemanden daran hindern können, eine andere Person ins Gleisbett zu schubsen? Und wären nun an allen Bahnhöfen Glaswände, die den Zugang zum Gleis erst freigeben, wenn der Zug steht, würde das einen, der töten will, daran hindern zu töten? Mit einem Messer, mit einem Zimmermannshammer oder mit einer vollen Flasche? Wohl kaum.

Das Sicherheitsgefühl wird in erster Linie durch drei Einflüsse geprägt: durch die Medien, die sozialen Netzwerke und die Parteien.

Die Art und Weise, wie über Kriminalität berichtet wird, spielt eine wesentliche Rolle. Während der TV-Zuschauer sich gerne bei Krimis und Serien an Mord und Totschlag erfreut, und es gar nicht blutig genug sein kann, wird die Tatsache, dass Gewalt eine durchaus verbreitete menschliche Aktionsweise ist, gerne verdrängt. Insbesondere Medien wie die "Bild"-Zeitung manipulieren so bewusst oder unbewusst das Sicherheitsgefühl negativ und füttern damit die Propagandaschleudern in den sozialen Netzwerken, die insbesondere von rechten und rechtsextremen Interessengruppen mit negativen Wertungen über den Staat und dessen Sicherheit auf der einen, und rassistischen und nationalistischen Vorurteilen auf der anderen Seite befeuert werden.

Live-PK - als stünde Deutschland vor dem Untergang

Es scheint eine ganze Armee von Internetaktivisten, die die Medien nur danach absuchen, ob irgendwo irgendjemand, der irgendwie fremd aussieht, eine Straftat begangen hat. Das Ganze wird mit einem vollkommen irrationalen und nachweislich falschen „früher war alles besser“-Gestus garniert und dem Staat Untätigkeit und Beihilfe zu was auch immer geschieht vorgeworfen.

Bedauerlicherweise wird das noch befeuert durch Aktionen, wie die von Seehofer, der mit seinem Urlaubsabbruch und einer live übertragenen Pressekonferenz die Mär nährt, Deutschland stünde kurz vor dem Untergang. Nein tut es nicht und täte es auch nicht, wenn der Mann weiter geurlaubt hätte. Wenn er mit dieser Aktion zeigen wollte, dass er allzeit bereit ist, etwas zu tun, um die Sicherheit zu erhöhen, dann ist das gründlich daneben gegangen. Denn außer dem von ihm selbst erkannten Unsicherheitsgefühl noch etwas mehr Auftrieb zu verpassen, hat er bisher nichts bewirkt.

Sollte nun mehr Geld in die Polizei investiert werden, dann wäre das ja etwas, was ich seit Jahren fordere, aber auch das führt nicht unbedingt zu einer Verbesserung des Gefühls. Das ginge eher mit einem Innenminister, der eine innere Ruhe versprüht und den Menschen klar macht, das überhaupt kein Grund zur Panik besteht. Ein Seehofer kann das nicht sein, denn der braucht ja die Panik, um auf der einen Seite immer mehr Einschränkungen der Freiheit zugunsten eine vermeintlichen Sicherheit durchzusetzen und zum anderen, um möglichst tiefgreifend in das Asylrecht einzugreifen und mehr Abschiebungen durchzuboxen. Ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, falls noch mehr Menschen diese Bedrohungslage durch Fremde wirklich in Panik versetzen sollte und dann ihrerseits beginnen, das „Asylantenproblem“ selbst in die Hand zu nehmen.

10 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Ahmet Cakir
    Herr Seehofer findet ja, dass die Mutter allen Übels die Migration sei. Ich finde es auch - in Bezug auf bayrische Migranten in Berlin. Ob der Minister seinen Urlaub abgebrochen hätte, wenn der Täter einen biodeutschen Namen getragen hätte?

    Dem Herrn kann zumindest vorgeworfen werden, viel Geld für eine Grenzpolizei zu verpulvern, die man hätte besser für Sicherheit anlegen können. Mit Sicherheit besser, weil es schlechter nicht geht.

    Der Autor hat völlig Recht. Seehofer hätte bei seiner Spielzeugeisenbahn bleiben sollen. Der Schaden bliebe erträglich.
  2. von Uwe Mohrmann
    Herr Schmitz,
    schade das die treffenden und klaren Worte, wie Claus Matthes schrieb, nur hier stehen und nicht auch in der Online Ausgabe.
    Ich habe ähnliches dort geschrieben, natürlich nicht in der Qualität, und war ziemlich alleine mit meiner Meinung, und wurde dementsprechend kritisiert.
    Diese Pressekonferenz gestern war an Peinlichkeit nicht zu unterbieten, und so etliche AfDler werden sich mal wieder die Hände gerieben haben
  3. von MVorname MNachname
    Sehr geehrte/r User*in, dieser Kommentar wurde gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich und wahren Sie die gebotene Pietät. Mit freundlichen Grüßen Ihre Community-Redaktion / ah
    1. von Rolf-Jürgen Czerny
      Antwort auf den Beitrag von MVorname MNachname 31.07.2019, 18:59:00
      Böse Geister sind im Umlauf, aber vor allem bei Sekten, Heilsbringern und Gesundbetern aller Couleur.
      Das Geschwafel von der Endzeit und den bösen Geistern, Dämonen, Dienern des Teufels u.ä.m. ist das Vokabular aus der Zeit in der die Scheiterhaufen loderten.
      Auch Sie werden erkennen müssen, dass die Leute immer besser geschult und immer klüger werden und diese Art Leim verabscheuen.
  4. von Claus Matthes
    Herr Schmitz,

    vielen Dank für diese treffenden und klaren Worte!
    Am 20. Juli diesen Jahres – also nur 9 Tage vor dem Vorfall in Frankfurt – hatte ein 28-jähriger Mann eine 34-jährige Frau in Voerde/NRW vor einen einfahrenden Zug geschubst, die Frau verstarb.

    Wo war Herr Seehofer, wo seine Pressekonferenz, wo die Nachricht in der Tagesschau...?

    Solche Taten sind nun nicht alltäglich, aber sie geschehen immer wieder, ohne einen solchen nationalen Widerhall zu erzeugen. Woran lag es also, dass es hier anders gehandhabt wurde? Weil das Opfer ein Kind ist? Weil der Täter ein Nicht-Deutscher ist...?

    Zu Recht verweisen Sie darauf, dass es im Leben keine Sicherheit gibt und auch Niemand diese versprechen kann. Dennoch gibt es immer wieder Menschen – oft und gerne PolitikerInnen – , die dies gerne tun, es ist ja recht billig. Wenn doch etwas passiert (was es immer tut), dann hat es wahlweise der Herrgott so gewollt oder es war Schicksal oder eben einfach nur Pech...

    Zu suggerieren, man lönne das Leben "sicherer" gestalten, ist mindestens ebenso moralisch verwerflich, wie einen Menschen vor einen einfahrenden Zug zu schubsen...
    1. von Detlef Wulff
      Antwort auf den Beitrag von Claus Matthes 31.07.2019, 18:06:24
      Der Täter - mir ist das egal ob er einen Migrationshintergrund hat - wurde in der Schweiz gesucht und die Deutschen Behörden wussten nichts davon? So weit scheint mir die Schweiz nicht von der deutschen Grenze entfernt! Doch, es war ein Sicherheitsproblem für das auch Seehofer verantwortlich ist. Und der Tod dieses Jungen hätte vermieden werden können.
    2. von Claus Matthes
      Antwort auf den Beitrag von Detlef Wulff 31.07.2019, 18:29:20
      ... und womit hätte der Tod der Frau in Voerde vermieden werden können...? Und der von Amanda am 21. Januar 2016, die vor eine U-Bahn geschubst wurde...? Und der von den zwei Jugendlichen im Januar diesen Jahres...? Und der von... etc.
  5. von Detlef Wulff
    Diesen Artikel "Seehofer hätte im Urlaub bleiben sollen" finde ich erschreckend. Er zeigt kein Mitgefühl, ist kalt und eigentlich unerträglich. Ich habe ihn dennoch gelesen, und stelle mir vor, es wäre eines meiner fünf Kinder gewesen.
    Nein, es ist gut, dass Seehofer seinen Urlaub abgebrochen hat. Da mögen jährlich (nur) 150 Kinder durch Gewalttaten sterben. Und weit mehr Erwachsene sterben jährlich durch Gewalttaten.
    Dennoch hat der Bundespräsident, als es um den hinterhältigen Mord an den Regierungspräsidenten Lübcke ging, klare Worte gefunden und Mitgefühl erkennen lassen.
    Nun hat so ein achtjähriger Junge in unserer Gesellschaft sicher noch nicht so viel geleistet als ein Regierungspräsident. Aber ist er deshalb weniger Wert? Die Würde nicht nur von Repräsentanten des Staates - auch von so eines kleinen Jungen - ist unantastbar!
    Ich habe keinen Beitrag, keinen ehrlichen Kommentar eines Journalisten / einer Journalistin gelesen, der Mitgefühl zum Gegenstand hatte. Im Gegenteil, meist ist die Tatsache, dass Blumen an den Tatort gestellt werden, schon zuviel und wird, wenn der Täter Migrationshintergrund hat, mit Warnung vor Rassismus verbunden.
    Statt an die Täter zu denken, sollte bei solch schrecklichen Gewalttaten die Würdigung und das Mitgefühl für das Opfer an erster Stelle stehen.
    Mir ist egal, woher der Täter kommt und welche Motive er hat. Mir ist nur wichtig, dass ein Mensch, hier ein Kind Opfer einer Gewalttat wurde.
    Analysen, welcher Politiker, was, wann, warum, gemacht hat, gehören an die zweite, dritte oder x-te Stelle.
    Frei nach Kohle - Altes Testament: Es gibt eine Zeit der Trauer - und viel später - auch ein Zeit der Analysen im Journalismus.
    1. von Claus Matthes
      Antwort auf den Beitrag von Detlef Wulff 31.07.2019, 17:59:48
      Sehr geehrter Herr Wulff,

      mit Verlaub – von wie viel Mitgefühl zeugt denn diese Pressekonferenz, auf der darüber schwadroniert wird, mit welchen Mitteln man denn "mehr Sicherheit" produzieren könne?
      Sicherlich hat Herr Seehofer der betroffenen Familie sein Mitgefühl ausgedrückt und wie schockiert er über diese Tat ist und wie grausam der Tod eines Kindes grundsätzlich ist. Hätte er es dabei belassen, hätte es höchste Annerkennung verdient und wäre dieser Artikel sicherlich nicht zustande gekommen.
      Herr Seehofer redete dann aber über mehr Polizei, mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum – alles Sachen, die den Jungen nicht wieder lebendig machen, den Eltern nicht über die Tatsache hinweghelfen, dass ihr Kind tot ist.

      Sie führen sehr zu Recht an, dass es eine Zeit der Trauer geben muss und später eine Zeit der Analysen – hätte sich doch auch Herr Seehofer daran gehalten...
    2. von Detlef Wulff
      Antwort auf den Beitrag von Claus Matthes 31.07.2019, 18:29:51
      Ich hätte das auch nicht wie Herr Seehofer gemacht, sondern Mitgefühl ausgedrückt, ein Woche Zeit gelassen zum Überlegen und dann (mit anderen Parteien zwischenzeitlich abgestimmt) Vorschläge vielleicht auch zu Sicherheitsfragen auf den Tisch gelegt. Das Zeichen, den Urlaub zu unterbrechen ist aber gut, auch um den Rechten den Wind aus den Segeln zu nehmen.