Merkt eigentlich noch jemand, dass es nicht um Omas geht?

Ich wollte ja nix dazu sagen. Aber ich kann nicht anders. Ein sorgenvoller Nachtrag von Heinrich Schmitz zur Debatte um die WDR-Satire, die Oma zur Umweltsau macht.

Nun, ich wollte diesen „Skandal“ ursprünglich gar nicht kommentieren. Es muss ja nicht jeder zu allem etwas sagen. Und es wäre auch gar nicht nötig gewesen, auf den Shitstorm gegen den WDR zu reagieren. Nach ein, zwei Tagen hätten die Empörtbürger vermutlich eine andere Sau gefunden, die sie durch die Medien getrieben hätten. Aber nun sage ich trotzdem etwas.

Seit der Sexta, also ab dem Jahr 1968, bis zur Unterprima war ich Mitglied im Schulchor des städtischen Gymnasiums in meiner Heimatstadt. Erst als Sopran, später als Tenor. Heute könnte ich noch als Bass mitbrummen, aber da dürfen ja keine Opas mehr mitsingen. Auf die Liedauswahl hatte keines der Chormitglieder auch nur einen Hauch Einfluss. Gesungen wurde, was die Chorleiterin vorgab. Ohne Murren, ob uns das gefiel oder nicht. Der Chor nahm an Wettbewerben teil, der Chor sang auf öffentlichen Veranstaltungen, der Chor sang – zum Leidwesen der Abiturienten – auch auf der offiziellen Abiturfeier. Hach ja, wir wurden instrumentalisiert. Wir waren ein Aushängeschild der Schule. Aber das waren wir gerne, weil wir Spaß am Singen hatten.

Ich habe als Schüler im Chor gesungen - auch das Lied von der Oma als "Umweltsau" hätte ich gesungen

Hätten wir das Umweltsau-Lied singen sollen, ich hätte es wohl als willkommene Abwechslung zwischen all den frommen und klassischen Weisen mit Freude gesungen. Und meine Omas hätten dem Chor vermutlich genauso begeistert applaudiert und wären keineswegs eingeschnappt gewesen. Die hatten nämlich sowohl musikalischen Sachverstand als auch Humor und eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein.

Sozialismus, unentschuldbar - geht es auch eine Nummer kleiner?

Heute scheint alles anders. Tagesspiegel Kolumnist Martenstein fühlt sich an die DDR erinnert und meint: „Die Indoktrination und die politische Indienstname von Kindern gilt als Kennzeichen von autoritären Regimen. Die Familie ist der natürliche Feind jeder Politik, die 'den ganzen Menschen' will. Kinderchöre, die der Regierungspolitik huldigen und deren Gegner schmähen, gab es jeder Diktatur."

Äh ja, geht‘s vielleicht noch eine Nummer kleiner? Vermutlich nicht, denn "Bild"-Kolumnist F. J. Wagner dreht das Rad noch etwas schneller und hält den Begriff "Umweltsau" für unentschuldbar: Für 'Oma ist ’ne Umweltsau' kann man sich nicht entschuldigen. Eine Entschuldigung ist, wie wenn man etwas in den Papierkorb des Vergessens wirft. Die Entschuldigung des WDR nehme ich nicht an. Eine echte Entschuldigung sieht so aus: Die Verantwortlichen müssen ihren Job verlassen. Vielleicht auch Sie, lieber Tom Buhrow.“

Ich weiß nicht warum Wagner meint, berechtigt zu sein, eine Entschuldigung zu verweigern, schließlich war bisher nicht bekannt, dass er eine im Hühnerstall Motorrad fahrende Oma ist. Aber wer weiß, vielleicht kommt sein Outing ja noch.

Das Liedchen ist kein Medienskandal

Man muss diese Umdichtung eines alten Schlagers nicht toll finden, das ist ja okay. Aber dieses erkennbar satirisch gemeinte Liedchen zum Medienskandal hochzujazzen, ist reichlich übertrieben. Nicht übertrieben ist hingegen die Kritik daran, wie der WDR mit dem Shitstorm umgegangen ist. Statt sich hinter die Redaktion und den freien Mitarbeiter Hollek zu stellen, gab es eine öffentliche Entschuldigung „ohne Wenn und Aber“ des Intendanten Tom Buhrow. Und, um dem Wahnsinn noch eine ganz besondere Gewichtung zu verleihen, macht der WDR eine Sondersendung. Und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet meinte per Twitter seinen Senf dazugeben zu müssen, bevor ich noch rufen konnte, „Armin, lass et.“ Er schrieb: „Der WDR hat mit dem Lied 'Meine Oma ist ne alte Umweltsau', das die Redaktion den Dortmunder Kinderchor singen ließ, Grenzen des Stil und des Respekts gegen über Älteren überschritten. Jung gegen Alt zu instrumentalisieren ist nicht akzeptabel.

Was will Armin Laschet? Sich als Kanzlerkandidat schon einmal die Unterstützung aller Omas sichern?

Okay, sehen wir mal über die ministerpräsidentiellen Grenzen des Genitivs hinweg, aber was soll das? Möchte Laschet den von „Staatsfunk“ und „Zwangsgebühren“ faselnden Besorgtbürgern, denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk samt seiner Finanzierung schon lange ein Dorn im Auge ist, eine Bestätigung liefern, dass dieser von der Politik beeinflusst wird? Oder möchte er sich, um sich als künftiger Kanzlerkandidat zu profilieren, der Unterstützung aller Omas versichern?

Ja, man hätte den Protest gegen diese Satire schlicht und ergreifend an sich abprallen lassen können. Dann hätte man sich auch erspart, dass am Sonntag rund einhundert besorgte Omas, die allerdings meistens jung, männlich und wie Neonazis gekleidet aussahen, vor dem WDR-Gebäude demonstrierten. Nun haben die Blut geleckt und gesehen, dass ihr konzertierter Protest gegen die öffentlich-rechtlichen Medien insoweit erfolgreich war, dass ein ihnen unliebsames Video aus der Mediathek entfernt wurde.

Merkt eigentlich noch jemand, dass es denen nicht um den Schutz von Omas oder der Meinungsfreiheit geht?

Was haben wir uns nicht mit Charlie Hebdo solidarisiert. „Je suis Charlie“, ja, und das war richtig so. Satire muss wehtun, Satire muss polarisieren, und Satire muss vor den Feinden der Meinungsfreiheit beschützt werden. Gerade die, die immer behaupten, sie dürften nicht alles sagen was sie denn sagen möchten, stehen nun in Reih und Glied und fordern die Abschaffung des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Merkt hier eigentlich noch jemand, dass es denen nicht um den Schutz der Omas oder der Meinungsfreiheit geht, sondern darum unliebsame Meinungen zu unterdrücken?

Das sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ein Sender sich vom Mob treiben lässt.

4 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Ulrike Frey
    Endlich wird es beim Namen genannt. Vielleicht passt Oma und Sau ja nicht zusammen - und dann noch die unschuldigen Kinderstimmen - ogottogott! - Nein, Satire muss Satire bleiben und die Politik hat da gar nichts zu suchen. Ich kann den Artikel voll und ganz unterstützen!
  2. von Hartmann Jenal
    Diese Kolumne ist ja ebenso zielgerichtet. Es gibt nicht nur Rechte die sich an diesem Text empören. Wie dumm muss man sein so etwas gut zu heissen?
  3. von Heinz Hox
    ja,ja,ja, und Danke!
  4. von Axel Schmidt
    Danke, ist mir aus dem tiefsten meines Herzens geschrieben...