​Manchmal muss es Wut sein

Aktionen zivilen Ungehorsams können in der Klimadebatte dazu beitragen, den mutlosen Regierenden Druck zu machen. Und junge Menschen haben jedes Recht dazu wütend zu sein - denn es geht um ihre Zukunft.

In ihrer neuesten Causa-Kolumne „Fakten statt Wüten“ zeigt die Kollegin Liane Bednarz sich verstört über Greta Thunbergs Auftritt in New York. Warum eigentlich? Greta Thunberg hat beim Klimagipfel eine hervorragende Rede gehalten. Die hatte alles, was eine gute Ansprache braucht. Sie war kurz, wuchtig und hatte einen Satz, der wie Donnerhall über die ganze Welt schallte: „How dare you!“. Wie können Sie es wagen! Und dass das nicht nur ein trocken abgelesener Text war, den ihr irgendjemand geschrieben hat, sondern dass diese junge Frau mit allem was sie hat hinter diesen Worten steht, war für jeden erkennbar, der Augen zu sehen und Ohren zu hören hat.

Ja, dieses „How dare you!“ hat mich umgehauen. Dieser Satz wird in die Geschichte eingehen wie Martin Luther Kings „I have a dream“. Warum ist jemand von dieser Rede verstört? Weil da nicht stundenlang eloquent und einschläfernd auf die Teilnehmer eingeredet wird? Weil da nicht minutiös ausgewogen jedes Für und Wider erörtert wird? Weil da eine junge Frau vor der Weltgemeinschaft steht und einfach herzerfrischend wütend ist? Weil sie „mit zu Schlitzen zusammengezogenen Augen und fauchend-anklagenden Ton“ spricht? Ja was denn bitte sonst? Diese Mimik kann niemand spielen, das war wunderbar authentisch. Echt echt.

Greta Thunberg ist wütend und sie ist zu recht wütend. Denn alle Warnungen, die von nahezu allen seriösen Klimawissenschaftlern in den letzten Jahrzehnten ausgesprochen wurden, haben nur recht lahme Reaktionen der Regierungen hervorgerufen. Die selbst auferlegten Klimaziele sind in weiter Ferne, die Existenz der Menschheit ist in realer Gefahr. Ach Quatsch, wird schon gutgehen, bisher ging es doch auch gut, höre ich immer wieder. Die Industrie wird sich schon etwas einfallen lassen.

Es kann beim Klima nicht um Maß und Mitte gehen

Vielleicht kann man ja das überflüssige CO2 aus der Luft absaugen oder irgendwas anderes machen. Das müssen dann aber die Fachleute machen, weil wir Bürger tragen dafür ja nicht die Verantwortung. Da sollen sich diese jungen Schulschwänzer raushalten. Und wehe, jemand will mir mein schönes Auto mit Verbrennungsmotor verbieten. Da werde ich doch gleich zum Anhänger von Freiheit für Hubraum.

„Auf der Strecke bleiben – wie bei so vielen kontroversen Themen – wieder einmal Maß und Mitte“, meint Frau Bednarz, um dann aber völlig zutreffend festzustellen, dass „die Fakten für sich“, man könnte auch sagen, für Greta Thunberg sprechen. Und sie stellt auch fest: „Ohne den Aktivismus der 16-Jährigen hätte die Erderhitzung in der Debatte sicherlich noch immer nicht den Stellenwert, den sie haben muss." Ja was denn nun? Wenn Frau Thunberg richtig liegt, dann kann es nicht um Maß und Mitte gehen. Dann schert mich die berühmt berüchtigte Äquidistanz einen feuchten Kericht. Dann muss umgehend etwas geschehen.

Stante pede. Jetzt. Da reichen dann eben keine halbgaren Klimapakete, die den Namen, den sie tragen, nicht ansatzweise verdienen. Zum Beispiel sind 10 Euro als Preis für eine Tonne CO2  ein schlechter Scherz, wenn die realen Kosten bei rund 180 Euro liegen. Bereits jetzt liegt der Preis im Emissionshandel bei 25 Euro und der Klimaforscher Mojib Latif meint, es müssten mindestens 50 Euro sein, damit der Preis überhaupt eine Lenkungsfunktion entwickeln kann.

Im Grundgesetz ist ausdrücklich vorgesehen, zu demonstrieren

Wenn ich das butterweiche Klimapaket der Bundesregierung betrachte, dann möchte ich der großen Koalition selbst ein kräftiges „How dare you!“ entgegenbrüllen. Diese Hasenfüßigkeit macht wütend. Da werden ein paar bunte Gummibärchen verteilt, wo eine Operation und wirksame Medikamente benötigt würden. Der Klimapatient geht kontinuierlich drauf, aber mit dem Klein-Klein folgt man immerhin der Mahnung nach Maß und Mitte. Wundert es da, dass bei denen, um deren Zukunft es geht, die Wut steigt? Wundert es, dass diejenigen, die die Gefahren sehen, sich veralbert vorkommen?

Und ja, auch Aktionen zivilen Ungehorsams, sofern sie nicht in Gewaltakte ausufern, können dazu beitragen, den mutlosen Regierenden ordentlich Druck unter dem Hintern zu machen. Fridays for Future war bisher absolut friedlich und es wäre schön, wenn das so bliebe. Aber das liegt in erster Linie in der Hand der handelnden Verantwortlichen in den Regierungen. Eines ist für mich sicher, diese jungen Menschen werden sich nicht einfach so in ihre Komfortzone zurückziehen, die werden weitermachen, bis sich etwas bewegt.

Ja, Greta Thunbergs Rede war wütend. Aber sie hat jedes Recht dazu wütend zu sein. Und die Millionen Menschen auf der Welt, die das genauso sehen, haben ebenfalls das Recht. Genauso wie sie das Recht haben, mit Hilfe des Demonstrationsrechts ihre Wut auf die Straße zu bringen und damit die Regierenden unter Druck zu setzen. Manche meinen ja, es sei undemokratisch, Druck auszuüben, aber nein, das ist es nicht. Es ist vielmehr im Grundgesetz ausdrücklich vorgesehen, zu demonstrieren und seine Ziele und Forderungen auch außerhalb des Parlaments vorzutragen.

Was soll man auch schon anders tun, wenn die gewählten Vertreter es sich im üblichen Maß-und-Mitte-Gefasel gemütlich machen, sich bei Talkrunden den Mist, den sie da verzapft haben auch noch schönreden und sich das Problem mit ein paar Placebos jeweils vor  Wahlen vom Hals halten wollen? Und da ist man von Greta Thunberg „verstört“? Mich verstört vielmehr die Ignoranz im Hinblick auf ein gewaltiges Problem, dass eben nicht nur ein Land oder eine Nation betrifft, sondern das Schicksal der gesamten Menschheit.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Rolf-Jürgen Czerny
    Faktencheck: Der CO2-Anteil der Atmosphäre von 1890 ...

    https://www.mimikama.at › allgemein › c02-1890
    23.07.2019 - In einem Buch von 1890 steht, dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre 0,04 Prozent beträgt, also eigentlich genauso hoch war wie heute.

    Worum wird eigentlich diskutiert, werden Milliarden von Steuergeldern ausgegeben und weltweite, sinnlose Blockaden durchgeführt ?
    Wer hat falsch gehandelt, dass vor 12000 Jahren eine Eiszeit über Europa kommen konnte ?
    Was passiert, wenn sich die Erdachse auch nur um 1 Grad neigt ?
    Die wichtigste Frage aber ist:
    Wo ist der Aufschrei der großen Wissenschaftler, wenn weltweit Dinge eingefordert werden, die bei näherem Hinsehen zumindest fraglich sind ?
  2. von Hans-Peter Pfeiffer
    Herr Schmitz ist Jurist. Sein Kommentar mag juristisch korrekt sein. Der Inhalt ist im Wesentlichen ein Nebengleis ohne Schienen. Leider!
    Liane Bednarz Artikel bringt wesentliche Aspekte auf den Tisch.„How dare you!“ darf hinterfragt werden! Martin Lutter Kings „I have a dream“ hat eine wesentlich höhere Dimension! Mit Gretas Vorstellungen können ca 7 Milliarden Menschen nicht ernährt werden. Wer entscheidet über die Nichtversorgten? Auch Greta! Bei allem Respekt-hier läuft was falsch.
    Unter 0,015 % Volumeneinheiten CO2 bricht die Flora komplett zusammen, die Fauna incl. der 7 Milliarden Menschen auch. Jeder Biologe weiss das! Die Idee einer CO2 Absaugung unter kapitalisierten Maßnahmen endet im kollektiven Selbstmord der Menschheit.
    Die Zusandsgleichungen der realen Gase ist seit über 120 Jahren konsistent bekannt. Mit den Grundrechenarten wird man bei einer Verdoppelung des CO2- gehaltes auf um 1 °C höher Erdtemperatur kommen.
    Geologie, Biologie, Physik (Globalstrahlung, Meereshydrologie,Thermodynamik, Strömungslehre Horizontal- und Vertikalverteilung von Wasserdampf in der Atmosphäre) sind die entscheidenen wissenschaftlichen Fachgebiete die in der Klimadebatte die Hauptrolle spielen sollten. Wo sind die Personen, die hier die Aufklärung vorantreiben? Juristen und Journalisten sind dazu kaum in der Lage.
    Noch ein Nachdenkhinweis:
    Wodurch unterscheidet sich die Gaszusammensetzung in der Atmosphäre von einem normalen Treibhaus?
    Wieso wird es in einem Treibhaus wärmer?
    Welchen Anteil hat daran CO2?
    Die Debatten werden ideologisch mit viel Meinung wenig Ahnung und Wissen geführt.
    Demokratie ist auch, wenn man es richtig macht und trotzdem nicht gewählt wird. Also Komplexität in de Sache ist gefragt. Dafür sollte Fridays for Future auf die Strasse gehen. Kann auch am Samstag sein. Falsche Maßnahmen gehen nur auf Kosten einer sicheren Zukunft der nachfolgenden Generationen.