Der Nazi auf dem Schreibtisch 

Seit 1938 arbeiten Juristen mit einem Kurzkommentar zum BGB, der den Namen eines frühen Nazis trägt. Nun wird erneut der Versuch gestartet, das endlich zu ändern.

Den Palandt kennt jeder Jurastudent, jeder Richter, jeder Rechtsanwalt, Notar, kurzum jeder der irgendwann einmal etwas mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch zu tun hatte. Das vom C.H. Beck Verlag herausgegebene Werk gehört zur Pflichtausstattung. Es erscheint gerade in der 78. Auflage und kostet 115 Euro. Fast jedes Jahr erscheint eine neue Auflage und man kommt nicht darum herum, sich jedes Jahr ein neues Exemplar zuzulegen.

Was selbst die wenigsten Juristen wissen: Der Namensgeber, Otto Palandt, war keineswegs der Begründer dieses Werks oder einer seiner Kommentatoren. Er war ein eingefleischter Nationalsozialist. Während niemand sich einen Kommentar mit dem Namen Freisler, Hitler oder Goebbels auf den Schreibtisch stellen würde – okay ich korrigiere: niemand, der noch alles Tassen im Schrank hat – ist der Palandt ein Dauerbrenner der zivilrechtlichen Kommentarliteratur. So kann man auch ein wenig verstehen, dass der C.H. Beck Verlag sich bisher gescheut hat, den Namen zu ändern oder wenigstens den Namen Palandt vom Titel zu verbannen. Die Begründung dafür ist schlicht und ergreifend (hoffe ich), dass dieser Namen mittlerweile nicht mehr mit der historischen Person verbunden, sondern als Marke betrachtet wird. Der 3000-Seiten-Klotz bringt halt ordentlich Kohle. Jahr für Jahr, und so sicher wie das Amen in der Kirche.

Gleichwohl wurde eine Gruppe von Juristinnen und Juristen in Deutschland schon 2017 aktiv, sich für die Umbenennung des Palandt stark zu machen. Leider ist das bisher nicht von Erfolg gekrönt und auch die dazugehörige Petition bisher nur wenig bekannt. Ich selbst wurde erst kürzlich durch einen Kollegen darauf hingewiesen.

Mit den Nazis lief es besser für die Karriere

Otto Palandt wurde 1877 in Stade geboren. Palandt, der zu diesem Zeitpunkt als Jurist bereits eine gewisse Karriere gemacht und immerhin Richter am Oberlandesgericht Kassel war, trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein, vermutlich auch, falls nicht nur, weil ein Streit mit dem Finanzministerium seine Beförderung zum Senatspräsidenten verhindert hatte. Mit den Nazis lief es nun besser für seine Karriere.

Ab dem 1. Juni 1933 war er Vizepräsident, schon im Dezember 1933 wurde er Präsident des Preußischen Landesprüfungsamtes, 1934 wurde er von Roland Freisler zum Präsidenten des Reichsjustizprüfungsamts und Abteilungsleiter im Reichsjustizministerium ernannt. Das heißt, dass dieser Mann angehende Juristen prüfte. Und das machte er in der mündlichen Prüfung auch gerne mit anderen Nazigrößen wie Roland Freisler.

Obwohl Palandt nicht einen einzigen Paragraphen des BGB in dem Kurzkommentar kommentierte, sondern lediglich von völkischem Dreck triefende Vorworte verfasste, wurde der Kommentar nach ihm benannt. Doppelt eklig, da die Kurzkommentarreihe von dem jüdischen Verleger Otto Liebmann ersonnen worden war. Im Dezember 1933 sah Liebmann sich gezwungen, den Verlag zu verkaufen. Der C.H. Beck Verlag zahlte ihm dafür 250.000 Reichsmark. Jeder Verweis auf Liebmann wurde aus den von ihm begründeten Werken entfernt, sein Vermögen wurde nach und nach von deutschen Behörden konfisziert. Liebmann starb 1942 vermögenslos und gesellschaftlich isoliert, seine Töchter wurden in Vernichtungslagern ermordet.

Eine beschämende Reaktion

Otto Palandts Name hingegen prangte von nun an auf dem Cover des wichtigsten BGB-Kommentars in Deutschland. Ein ewiges Denkmal für einen Nazi, eine Widerwärtigkeit ohne mir bekanntes vergleichbares Beispiel.

Der C.H. Beck Verlag weiß genau, dass niemand wirklich auf dieses Werk verzichten kann und ändert daher nichts. Eine beschämende Reaktion. Insbesondere, da es bei anderen Kommentaren aus der Kurzkommentarreihe durchaus Namensänderungen gegeben hat. So wurde der Kommentar zum StGB, der erst Schwarz, dann Schwarz-Dreher, dann Dreher, dann Dreher-Tröndle und mittlerweile Fischer heißt, mehrfach umbenannt, ohne dass er deshalb weniger verkauft oder weniger wichtig geworden wäre.

Was den C.H. Beck Verlag dabei treibt, kann ich nicht sagen. Obwohl Liebmann sich damals mit dem Kaufpreis für seinen Verlag zufrieden zeigte, waren wohl einige Autoren der Meinung, C.H.Beck habe ein Schnäppchen gemacht. Wie wäre es denn, wenn man den Kommentar nach seinem ursprünglichen Verleger benennen würde? Was spräche dagegen, Otto Liebmann statt Otto Palandt ein Denkmal zu setzen? Immerhin wurden die Geschichte dieses Mannes und die wechselvolle Geschichte des Kommentars seit 2018 auch vom Beck-Verlag gewürdigt. In einem Link weist dieser auch auf die Person Palandt hin. Ich jedoch muss gestehen, mir reicht das nicht. Ich will keinen Nazi im Regal stehen haben. Vielleicht hilft ja die Petition.

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  1. von Andreas Rabe
    Ich finde das gehört sich nicht, so etwas auszulöschen. Es ist Teil unserer Geschichte, dass viele Leute Parteimitglieder waren. Man braucht nicht um so sauberer zu putzen je länger die Zeit her ist. Das hat etwas irres.