Wissen, was man zu erwarten hat

Andere EU-Länder machen es längst vor: Wir brauchen auch in Deutschland ein digitales Übersichtskonto für zu erwartende Renten. Alles andere schürt Ängste - und befördert Verdrängung.

Andreas Hackethal ist Finanzprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt und Vorstandsvorsitzender der Deutsche Renten Information e.V. (DRI). Die DRI ist eine neutrale Plattform, die Bürger und Bürgerinnen alle wichtigen Daten ihrer Altersvorsorge auf Knopfdruck zur Verfügung stellt. Die Datenhoheit liegt beim Einzelnen, so dass alle Sicherheitsinteressen ausgewogen gewahrt werden.

Was die Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet haben, klingt bedrohlich: 700 Euro werden jedem zweiten 55- bis 64-Jährigen im Schnitt im Alter fehlen. Der gewohnte Lebensstandard könne nicht gehalten werden. 

Es ist kein Wunder, dass derartige Studien die Menschen hierzulande stark verunsichern. Ein Kernproblem aber ist, dass die Studien immer nur mit Durchschnittswerten arbeiten. So erfahren wir beispielsweise in der gleichen Studie, dass die zehn Prozent der Bald-Rentner mit dem höchsten Einkommen im Schnitt 400 000 Euro zurückgelegt hätten. Bei den ärmeren 50 Prozent seien es maximal 100 000 Euro.  

Wer diese Zahlen liest, fragt sich natürlich sofort: Wo bin ich denn da einzuordnen? Wie sieht es bei mir aus? Diese sehr berechtigten Fragen aber kann nur ein personalisiertes Rentenkonto lösen, das alle Alterseinkünfte beinhaltet - also auch betriebliche und private Renten. 

Wer nicht weiß, was er bekommen wird, ist empfänglich für Ängste

Gegen Rentenängste hilft deshalb nur eine Übersicht, die auf einen Blick, datensicher und digital alle voraussichtlichen monatlichen Einkünfte im Alter anzeigt. Es muss leicht zu lesen sein - wie das Cockpit im Auto, mit monatlichen Werten wie bei Lohn und Gehalt und am besten auch gleich noch brutto und netto. Nennen wir es ein Rentencockpit. 

Ein derartiges Cockpit erarbeiten wir gerade bei der gemeinnützigen, überparteilichen Deutschen Renten Information e.V. (DRI). Mit zehn leistungsstarken Partnern aus Finanzindustrie und Wissenschaft haben wir im Mai die Arbeit an einem Prototyp begonnen. Wir wollen bis spätestens Ende 2019 eine offene Plattform für alle privaten und öffentlichen Rententräger schaffen, auf der Nutzer und Nutzerinnen einfach und auf Knopfdruck ihre gesamten Alterseinkünfte einsehen können. 

Ganz wichtig ist uns dabei der Datenschutz. Wir wissen, dass eine solche Plattform nur funktionieren kann, wenn jeder und jede sicher sein kann, dass niemand sonst Zugriff auf diese höchst sensiblen Alterseinkünfte hat. Die Plattform wird deshalb so konfiguriert, dass nur der Nutzer und die Nutzerin ihre Daten auf Anforderung einsehen können. Im Kuratorium der DRI begleiten erfahrene Datenschützer unsere Arbeit.

Wie hilfreich derartige Rentencockpits für eine sachliche Einschätzung der Rentenfrage sind, zeigt die erste groß angelegte wissenschaftliche Studie zur ihrer Wirkung. Mit zwei großen Finanzinstituten hat die Goethe Universität Frankfurt am Main in Kooperation mit dem Max-Planck Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik und der DRI über 20 000 Menschen die Möglichkeit geboten, sich Durchblick über ihre gesamten Alterseinkünfte zu verschaffen. 

Eine Umfrage ergab, das zwei Drittel ihr Alterseinkommen nicht einschätzen können 

Wer bis zum Schluss durchhielt - und das war mit über tausend Teilnehmern eine repräsentative Stichprobe - erhielt sein persönliches Rentencockpit. Sagten uns vorher mit zwei von drei Befragten, sie könnten ihr Alterseinkommen nicht einschätzen, fühlten sich nun 61 Prozent gut über die Altersvorsorge informiert. 64 Prozent empfinden das Rentencockpit als klar hilfreich. 

Dass ein Rentencockpit eine gute Idee ist, haben auch die Politiker erkannt. Im derzeitigen (und vorherigen) Koalitionsvertrag (Seite 93) ist vorgesehen, ein derartiges Konto auch in Deutschland einzuführen. Doch noch ist nicht viel geschehen - und wir haben bald schon die Halbzeit der Legislaturperiode erreicht. 

Dies ist umso bedauerlicher, als viele Länder in Europa uns hier meilenweit voraus sind. Sowohl in Dänemark und Schweden, als auch in Norwegen, den Niederlanden und Belgien gibt es bereits Rentenkonten, die über alle Alterseinkünfte informieren. 

Sicherheit über die Rente gibt es nur, wenn die Menschen alle zu erwartenden Einkünfte auf einen Blick sehen können. Die Politik der vergangenen Jahre war darauf ausgerichtet, neben der gesetzlichen Rente weitere Einkünfte aus betrieblichen und privaten Renten zu schaffen. Nun muss die Politik den Menschen auch ermöglichen, sich darüber auf einen Blick, datensicher und einfach informieren zu können. Für Rentensicherheit brauchen wir ein digitales Rentencockpit. 

 

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Markus Berinig
    Grundsätzlich stimme ich zu, daß die heutigen Rentenauszüge der Rentenkasse das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen. Leider aber übergeht Prof. Hackethal die Gründe dafür, die weder in mangelnder Digitalisierung noch Transparenz liegen.
    Sie liegen in unserem Rentensystem an sich - und der Tatsache, daß wir uns als Gesellschaft beharrlich seit 50 Jahren weigern, die notwendige Vorsorge für unser Alter zu treffen, sondern glauben, Altersversorgung sei ein Perpetuum Mobile. Der Irrglaube besteht aus zweierlei: "Einzahlen" in die Rente baute ein Finanzguthaben auf, das einem ab 65 oder so wieder monatlich zurückgezahlt würde. Und: Rente ohne Kinder ist möglich. Beides ist falsch.
    Seit 1969 halten die Westdeutschen und seit 1990 alle Deutschen den Generationsvertrag nicht mehr ein. Zugunsten persönlicher und beruflicher Selbstverwirklichung wird auf Kinder verzichtet, jeder Jahrgang reproduziert sich nur noch um 60 %. Damit aber veruracht er auch, daß in seinem Alter 40 % weniger Junge (und potenzierend mit jeder Generation weniger) da sein werden, die für ihn sorgen, als Kinderloser sogar: Gar keine. Er denkt und glaubt, das tue schon "der Staat" oder neuerdings auch, Einwanderer, nur bekommen sie seine ausgefallenen Kinder ja nicht mit. So wird die produktive Basis immer schmaler, die Zahl der Anspruchssteller immer größer. Die Frage ist dabei nicht,. Umlage oder kapitalgestützt - die Jungen sind es immer, die Alterszuwendung erwirtschaften müssen.
    Die Politik selbst, die sich seitdem und weiterhin weigert, an diesen Zuständen etwas zu ändern, will sicher nicht, daß dieser Zusammenhang determinierend für die Debatte wird. So also bleibt es bei der Illusion, die Rente sei "sicher". Digitale Bescheide, Herr Prof. Hackethal, ändern daran nichts. Insgeheim ahnen die meisten, warum wir immer weniger Rente bekommen. Aber an ihrem Lebensstil wollen sie auch nichts ändern.