Wird China zum Vorreiter für die Freiheit der Wissenschaft?

Fake-Wissenschaft ist längst ein globales Problem. Vermeiden lässt sich das nur durch ein umfassendes System zur Einschätzung der Forschungsqualität. China macht vor, wie es gehen könnte.

Ole Döring ist habilitierter Philiosoph und Sinologe.

China verdankt seine Modernisierung einer konsequenten Strategie: „Nachholen und Weiterentwickeln“. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit hat sich die Volksrepublik innerhalb von 40 Jahren zu einem relativ stabilen Standort für Wissenschaft auf Weltniveau entwickelt. Besonders trägt China zur Sicherung der Weltwirtschaft, des Friedens, des Umweltschutzes und zur Verknüpfung ehemals getrennter Regionen und Völker bei. Durch staatliches Engagement für Globale Gesundheit im Zuge der neuen „Seidenstraßen“-Kampagne. Durch junge und mächtige Organisationen von Bürgern für Umwelt- und Verbraucherschutz, ökologische Vielfalt, Humanismus und Ausbreitung einer Kultur des Rechtes, die sogar den VW-Konzern erfolgreich wegen des Diesel-Betrugs in China verklagt haben. Und: immer größer wird auch der Beitrag eigener chinesischer Innovationen zu Spitzenforschung und Technologie.

Jetzt richtet China seinen Platz am Tisch der Weltgemeinschaft ein, selbstbewußt und kompetent. Die Regierung wendet sich dabei einer der Säulen des Wirtschaftswachstums und der gesellschaftlicher Entwicklung näher zu, der man bislang große Spielräume im Rahmen internationaler Standards gelassen hatte: der Qualität wissenschaftlicher Forschung. Im Mai 2018 wurde das Forschungsministerium mit der Aufstellung einer „Schwarzen Liste“ von Fachzeitschriften beauftragt, die Bedenken bezüglich Qualität und Seriosität aufwerfen. Jetzt kursieren Gerüchte, wonach eine entsprechende regierungsamtliche Aufstellung demnächst öffentlich gemacht wird. Das Ziel ist kein Verbot anrüchiger Anbieter, sondern die Unterstützung der Forscher, die sich in der unübersichtlichen Gemengelage dieses Marktes zurecht finden wollen. Zugleich soll die Veröffentlichung in den inkriminierten Häusern mit dem Entzug öffentlicher Fördermittel verbunden werden.

Dieses entschlossene Vorgehen kommt zu einem Zeitpunkt, an dem eine parallel in Europa und den USA laufende Debatte bereits wieder verpufft zu sein scheint. So hatte unter anderem die Süddeutsche Zeitung im vergangenen Sommer über die enge Verknüpfung von Forschern aller Qualitätsebenen mit „Raubverlagen und Raub-Zeitschriften für pseudowissenschaftliche Publikationen“ berichtet. Offensichtlich handelt es sich dabei nicht um Randerscheinungen. Publikationen in fragwürdigen Journalen stammen aus der Mitte der vermeintlich seriösen Wissenschaft: „Die Fake-Wissenschaft ist längst zu einer relevanten Größe geworden. Nobelpreisträger treten als Redner bei Konferenzen von Raubverlegern auf." Gleichzeitig halten sogar führende Verlage der etablierten Forschung nicht das Versprechen, nur abgesicherte Forschung zu veröffentlichen, sondern lassen selbst groben Unfug durchgehen. Es handelt sich also um ein weltweites Problem, eine Krise der wissenschaftlichen Integrität.

Die Wissenschaft steht an der Schnittstelle zwischen Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Hier findet die entscheidende Wertschöpfung für viele Bereiche unserer Industrie statt. Das Vertrauen in die Integrität dieser Wertschöpfung ist eine Grundvoraussetzung für Wohlstand, Nachhaltigkeit und sozialen Frieden. Chinas Regierungen hat es bisher fertig gebracht, die kritische Kraft der akademischen Kreativität in Bahnen zu lenken, die keinen Widerspruch zur politischen Ordnung mit sich bringen. Dieser pragmatische Gesellschaftsvertrag steht jedoch in Frage, wenn der Verdacht von Korruption bestehen bleibt. Denn dann steht die Würde und Selbstachtung der gesellschaftlichen Gruppen auf dem Spiel, die sich als die neuen Eliten wahrnehmen. Ganz zu schweigen von der Aussicht auf den Status einer Supermacht auch in der Wissenschaft.

Zwar haben bereits einige Universitäten und Forschungseinrichtungen aus eigener Initiative entsprechende Listen erstellt, beispielsweise auf Grundlage der Häufigkeit zurückgezogener Artikel (retractions). Sogar kommerzielle Anbieter derartiger Rankings versprechen ihren Kunden durch solche Vorauswahl strategische Vorteile. Die chinesische Zentralregierung erhofft sich von einer staatlichen Regulierung aber eine spürbare Bereinigung betrügerischer Beiträge und eine Anhebung der Integrität der Forschung. Deshalb soll hier ein übergreifendes „weiches" Überwachungs-Instrument neu eingesetzt werden.

Die Wissenschaftler in China diskutieren kontrovers darüber, ob diese negative „schwarze Liste“ einer positiven „weißen Liste“ mit Namen akzeptabler Titel vorzuziehen sei. Auch ist klar, daß offen bleiben muß, wie vollständig, fair und aussagekräftig eine solche Liste überhaupt sein kann. Denn, wie Nature kommentiert: „das eigentliche Problem liegt nicht bei den Zeitschriften, sondern bei der Person, die den Beitrag einreicht. Unter den Bedingungen von Forschung als internationalem Wettbewerb um geschickte Platzierung eigener Veröffentlichungen, bei dem die Kompetenz der Wissenschaft hinter geschicktem Publikations-Management kaum noch erkennbar wird, ist die Versuchung groß, „das System zu spielen“ - und dabei womöglich Konkurrenz auszuspielen.

Viele Forscher begrüßen die einheitliche Standardisierung durch Institutionen und den Staat, als Unterstützung der Verantwortung für die Integrität der Forschung. Die Macht einzelner Wissenschaftler, ihre Arbeit einzig aus methodischem Erkenntnisinteresse zu gestalten, von der Hypothesenbildung über die Ausführung bis hin zur Veröffentlichung, ist durch die Organisationsmechanismen des akademischen Betriebes massiv eingeschränkt. Daher gilt manchem verunsicherten Autor das Signal der Regierung als Hoffnungsschimmer - zur Stärkung der Eigenständigkeit der Wissenschaft.

Schwarze Listen sind aber allenfalls ein symbolischer Wendepunkt, der das Ende der Gleichgültigkeit der Gemeinschaft gegenüber den Entstehungsbedingungen guter Wissenschaft markieren kann. Die weit tiefer reichende Aufgabe besteht darin, den Wert der eigentlichen Arbeit der Wissenschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Ein internationaler Publikations-Manager sagt es so: „Entscheidend ist, daß diejenigen, die die Forschung bewerten auch wirklich die Forschung bewerten und nicht nur darauf achten, welche ‚internationalen‘ Journals im Lebenslauf des Forschers stehen.“ Für viele Laien mag das nach einer Selbstverständlichkeit klingen. Das Versprechen der chinesischen Regierung aus dem Mai 2018 zeigt aber: wir brauchen ein umfassendes System zur Einschätzung der Forschungsqualität, global.

Wenn China hier nun die Initiative ergreift, kann die Botschaft für uns Europäer lauten: wir können das doch eigentlich auch. Wollen wir es vielleicht sogar besser können als China? Wir zögern aber immer weiter. Die Freiheit der Wissenschaft genießt in Deutschland den besonderen Schutzstatus des Artikels 5 GG. Wie problematisch es um diese Freiheit steht, zeigt nicht erst der Blick nach China. Wenn der erste Schritt zur Freiheit in der Erkenntnis der eigenen Unfreiheit besteht, kann das tatsächlich ein Freiheits-Signal bedeuten, das weit über China hinaus wirkt.

Auch bis nach Deutschland?

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