Wir brauchen Helden!

Heroismus grenzt nicht aus, er verbindet. Und was noch wichtiger ist: das Heroische ist nicht reaktionär. Das Heroische ist fortschrittlich. Darum wird es gebraucht! Die Politik sollte sich mehr trauen.

Von Konstantin Sakkas

Im Interview mit dem "Spiegel" erhob Frankreichs neuer Sonnenkönig Emanuel Macron vergangene Woche die Forderung nach einem neuen „politischen Heldentum“. Eine herrliche Parole – und leider in Kaltland Deutschland völlig undenkbar, wie denn auch das Interview in Deutschland weitgehend resonanzlos blieb. Dabei wäre es auch hier höchste Zeit, das Politische wieder mit mehr Leben zu füllen. Doch wer politisches Heldentum etablieren will, muss es zuallererst historisch wieder anerkennen.

Die junge Generation wünscht sich mehr Heroismus – gerade weil sie tolerant und international ist

Die junge Generation, meine Generation, ist so sehr von Internationalität durchdrungen und zugleich durch Aufklärungsarbeit und historische Distanz so sehr gefeit gegen politischen Brutalismus, dass sie – freilich nur im Privaten – schon lange wieder einen weitaus monumentaleren Zugang zu Politik und Geschichte pflegt als der offiziöse politische Diskurs auf Twitter in seiner zähflüssigen, unauratischen Bräsigkeit.

Doch gerade die politische Mitte in Deutschland könnte sich ruhig etwas bei Macron abschauen – auch im Hinblick auf das Erstarken der Neuen Rechten. So hat der Einzug der AfD in den Bundestag prompt eine Heimat-Debatte ausgelöst. Der Berg hat gekreißt – und ein Mäuschen geboren. Denn um Heimat geht es bei der menschlichen Identität nur sekundär.

Das Heroische ist fortschrittlich

Den Menschen zum Menschen machen erst seine Geschichten – seine Heldengeschichten. Denn die sind unabhängig von seiner ethnischen und sozialen Herkunft. Heroismus grenzt nicht aus – er verbindet. Und was noch wichtiger ist: das Heroische ist nicht reaktionär. Das Heroische ist fortschrittlich.

In der Psychologie ist der Terminus der Heldenreise fest verankert. Desgleichen in der Literatur, und zwar in der so genannten hohen wie im Pop. Jeder Mensch lebt von seiner eigenen Heldenerzählung. Das Heroische ist keine Erfindung der Waffen-SS. Es ist uralt. Es gehört nicht nur zum Menschsein, es konstituiert geradezu das Menschsein, seit unsere Urahnen aus dem Paradies ausgestoßen und gezwungen wurden, im Schweiße ihres Angesichts zu ernten und unter Schmerzen Kinder zu gebären.

Die Kulturgeschichte definiert die Zeit seit 1945 als das postheroische Zeitalter – unterschlägt dabei aber, dass diese Sichtweise eine westliche, eurozentrische ist. Auch der Zivilisationsbruch des Holocaust war ein westliches Phänomen, das man – wie etwa der Historiker Christian Gerlach – durchaus im Kontext des europäischen Dreigestirns Kolonialismus, Rassismus und Imperialismus verorten kann.

Postheroisch ist die Welt nur im Westen

Infolge des Holocaust und der Entkolonialisierung wanderte das Heroische, das von einer verbrecherischen Politik missbraucht worden war, ins Private ab, wo es einen heute in jeder Liedzeile anspringt, ob von Miami Yacine oder von Beyoncé. Das Politische aber wurde entheroisiert – in Europa, insbesondere in Deutschland.

Auf die Abgeklärtheit der postheroischen politischen Kultur bildet man sich bei uns viel ein. Doch das ist ein Fehler. Auch das Politische muss charismatisch, muss sexy sein, will es nicht vom Populismus gekapert werden. Auf die Wehrmacht stolz zu sein, wie es Herr Gauland fordert, ist Quatsch; aber von Mars-la-Tour und Sedan, zwei Schlachten im Deutsch-Französischen-Krieg, die Gauland in derselben Rede erwähnte, spricht kein Mensch. Und hier liegt der Hase im Pfeffer.

Das Preußen Friedrichs der Großen und der Königin Luise war kein Voräufer Hitlers

Als Gymnasiast wollten mir meine 68er-Lehrer mit aller Macht einreden, dass Preußen etwas abgrundtief Schlechtes gewesen sei. Doch so funktioniert Geschichte nicht. Natürlich war das Preußen des 18. Jahrhunderts keine moderne Demokratie – kein damaliger Staat war das. Aber das Preußen und Deutschland Friedrichs des Großen, der Königin Luise und noch Bismarcks und Wilhelms II. war eben auch kein simpler Vorläufer Hitlers. Von der Sonderwegthese hat sich die Geschichtsschreibung inzwischen Gottseidank verabschiedet.

Als Grieche blicke ich zu den Sternstunden der griechischen Geschichte auf – von der Antike über den Kampf gegen die Türken bis zum heroischen Widerstand meiner Großeltern gegen die deutschen Besatzer. Nicht mit Stolz, das wäre Quatsch – aber mit innerer Genugtuung. Ich freue mich daran, Grieche zu sein, aber ohne dabei die Türken oder die Deutschen etwa zu hassen. Genauso jubele ich, wenn mein Team, die kleine, schwache Hertha, den mächtigen Bayern ein Unentschieden abtrotzt – aber natürlich „hasse“ ich nicht die Bayern, und bei Jupp Heynckes’ Abschiedsrede 2013 hatte auch ich Tränen in den Augen.

Politik, die das Heroische verleugnet, verleugnet auch das Politische

Wieso aber soll ich mich dann als Deutscher nicht auch an den Taten Friedrichs des Großen erbauen? Wohlwissend, dass dessen Staat nicht das Paradies auf Erden war, und ohne deshalb Österreicher, Franzosen oder Russen zu hassen. Unsere aseptische Politik aber verleugnet konstant das Heroische und das Historische – und damit faktisch sich selbst.

Oberlehrerinnengeschwätz wie dem vom „bösen Preußen“ verdanken wir zu einem Gutteil den Triumph der AfD, eines Haufens halb- und ungebildeter, komplexbeladener und hasserfüllter, groß- und kleinbürgerlicher Rabauken. Den AfDlern aber geht es nicht um Heldengeschichten, denen geht es um Heimat, und Heimat meint im politischen Kontext fast immer Ausgrenzung.

Heldengeschichten helfen uns dabei, den anderen zu respektieren

Mir geht es nicht um Heimat. Die wahre Heimat trägt jeder und jede von uns ohnehin im Herzen. Mir geht es um Heldenerzählungen, die uns eine Identität geben. Und gerade Heldengeschichten helfen uns dabei, im Anderen, Fremden den Bruder, die Schwester zu erkennen. So wie der wahre Fußballfan den anderen Fan immer akzeptiert und respektiert: auch wenn der eine für die Hertha und der andere für Bayern ist.

- Konstantin Sakkas, Jahrgang 1982, ist freier Publizist in Berlin. Seine Gedanken veröffentlicht er auch auf http://misterdarcysblog.wordpress.com.

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