Wir brauchen eine Willkommenskultur für Innovationen

Im Kern ist die digitale Revolution eine soziale. Ihr Erfolg hängt daher weniger von Bytes als von Beziehungen ab. 

Dr. Daniel Dettling ist Gründer des Instituts für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de) und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts (www.zukunftsinstitut.de). Die Studie „Hands-on Digital. Agenda für Digitale Kompetenz“ des Zukunftsinstituts erscheint am 16. April 2018.

Visionen sind heute meist Dystopien und nicht mehr der Glaube an eine bessere Welt. Wir leben zum ersten Mal in einem Zeitalter, in dem es keine Utopien mehr gibt. Eine Ursache für den Utopieverlust ist auch der Megatrend der Digitalisierung und ihr disruptiver Charakter. Neu bei „4.0“ ist im Vergleich zu bisherigen industriellen Revolutionen die Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit der Veränderungen. Mit den 5G-Netzen kommt der nächste technologische Sprung. Die digitale Revolution beginnt erst noch. Sind wir – Bürger, Unternehmen, Parteien und soziale Organisationen – bereit für den nächsten Wandel, die große Transformation unserer Gesellschaft? 

Digitale Hysterie macht sich breit 

In Deutschland geht ein neues Gespenst um: „German Angst 4.0“. Statt über die Chancen zu sprechen, malt man sich die Risiken aus: Millionen Jobs würden Automatisierung und Künstliche Intelligenz kosten, der Mensch von der Maschine verdrängt. Schon bald, wird gewarnt, entscheiden Algorithmen über Tod und Leben, etwa beim autonomen Fahren. Im deutschen Bildungsbürgertum macht sich eine digitale Hysterie breit. Computer und Handys würden die Kinder dumm und krank machen. Zukunft als Verlängerung der Gegenwart zu denken, wird der neuen Herausforderung nicht gerecht. Wer Digitalisierung produktiv nutzen will, muss ihren Wandel umfassend und systemisch verstehen. Es geht um einen neuen Blick auf die Digitalisierung: wirtschaftlich, politisch und sozial. Die Bedürfnisse und Befürchtungen der Kunden, Bürger und Mitarbeiter müssen künftig im Mittelpunkt stehen. Ziel ist die Demokratisierung von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. 

Künstliche Intelligenz ist auch eine politische und soziale Revolution 

Der französische Staatspräsident hat die neue digitale Frage verstanden. Vor Ostern gab er dem Technologiemagazin „Wired“ ein viel beachtetes Interview über Künstliche Intelligenz (KI). Emanuel Macron erklärt seine KI-Strategie als „interdisziplinäre Kreuzung aus Mathematik, Sozialwissenschaften, Technologie und Philosophie. Das ist absolut kritisch.“ Wann hat ein deutscher Spitzenpolitiker oder Unternehmenschef im Zusammenhang mit Digitalisierung Sozialwissenschaften und Philosophie je erwähnt? In Deutschland fehlen zukunftsorientierte Politiker wie Macron, die wie er sagen: „Ich möchte Teil der Disruption sein. Künstliche Intelligenz ist eine politische Revolution. Treiber sollte der Fortschritt für die Menschen sein.“

In naher Zukunft müssen wir dank KI nicht mehr lernen, wie Computer funktionieren. Computer werden lernen, wie wir Menschen arbeiten und leben. Sie werden uns dabei helfen, Probleme zu lösen wie die Bekämpfung des Klimawandels, des Terrorismus, bislang schwer heilbarer Krankheiten, sie ermöglichen staufreie und sichere Mobilität, machen Verwaltungen effizienter und bürgernäher, reduzieren Bildungsarmut und können helfen, Vereinsamung zu bekämpfen. Computerspiele und elektronischer Sport werden zu olympischen Disziplinen und digitale Partizipation ergänzt das klassische ehrenamtliche Engagement.

Bei der Digitalisierung geht es nicht nur um die Vernetzung der Wirtschaft („Industrie 4.0“), sondern vor allem um die Vernetzung der Gesellschaft („Gesellschaft 4.0“). Das digitale Zeitalter entwickelt sich weiter. Handys und Tablets sind in Zukunft nicht nur Unterhaltungsmedien, sondern medizinische und persönliche Assistenten. In Zukunft gewinnt nicht der, der produziert, sondern der, der verbindet. Auch über Plattformen. Die heutigen Monopolisten Google, Amazon und Facebook bekommen neue Konkurrenz. Plattformen „made in Germany“ wie nebenan.de befördern neue Formen der Selbst- und Nachbarschaftshilfe gerade in ländlichen Regionen. 

Wie Digitalisierung gelingen kann, zeigt Japan. Das Land, das zu den drei führenden Ländern auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz gehört, spricht nicht von „Industrie 4.0“, sondern treibt längst die „Gesellschaft 5.0“ voran. Die übergreifende Vision: die Stärkung der Individuen, mehr Sicherheit und Komfort und eine Gesellschaft, in der jeder teilhaben soll.
Die digitale Revolution ist im Kern eine soziale. Ihre Themen sind eine Willkommenskultur für Innovationen und eine Politik der Zukunftsintelligenz. Ihre Prinzipien heißen Personalität und Subsidiarität. Ihr Versprechen ist ein besseres, sinnvolleres und nachhaltigeres Leben. Zum Treiber des Wandels wird der Mensch. Die digitale Revolution ist im Kern ein sozialer Umbruch und bedeutet die Re-Integration des Menschen in die Unternehmen und Organisationen. 

Zuerst die Kommunikation zwischen Mensch und Mensch

Um Digitalisierung zum Erfolg zu machen, braucht es einen Kulturwandel in den Unternehmen, Parteien und sozialen Organisationen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr „Wie können wir möglichst schnell digital werden?“, sondern: „Was bedeutet Digitalisierung für uns und unser Geschäft in Zukunft? Welche Veränderungen machen wirklich Sinn? Und wie gehen wir den Prozess der Digitalisierung bewusst und selbstbewusst an?“
Entscheidend wird ein kluger Umgang mit der Dynamik des Digitalen, eine digitale Resilienz und Achtsamkeit. Der Erfolg von Digitalisierung hängt weniger von Bytes denn von Beziehungen ab. Die zentralen Fragen werden nicht auf technologischer Ebene zu lösen sein. Es geht um Vertrauen, Kontrolle, Freiheitsgrade und ein neues Verständnis von Führung. Damit in Zukunft die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine funktioniert, muss zunächst die Kommunikation zwischen Mensch und Mensch funktionieren. 
Statt die nächste Generation vor der Zukunft zu schützen, sollten wir sie auf die neuen Chancen und Risiken vorbereiten. Junge Generationen müssen in Zukunft so ausgebildet werden, dass sie sich um komplexe Aufgaben kümmern können und nicht ersetzbar sind. Neue Technologien brauchen mündige Menschen, die sie souverän einsetzen können.
Die neue Bildungsministerin Anja Karliczek hat einen „Umbruch an den Schulen“ angekündigt. An sozialen Brennpunktschulen und Kindergärten können digitale Medien bei der Sprachförderung helfen. Das Denken in vernetzten Zusammenhängen soll den Unterricht revolutionieren. Die Trennung von Fächern soll überflüssig, das Lernen individualisiert werden. 

Menschliche und maschinelle Intelligenz unterscheiden sich fundamental. Es sind Intuition, Sozialität, Kreativität und Emotionalität, die uns zu Menschen machen. In digitalisierten Zeiten mehr denn je.

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