Was Merkel zur guten Feministin macht 

Angela Merkel sträubt sich davor sich öffentlich zum Feminismus zu bekennen. Das liegt auch daran, dass sie sich nicht in die Opferrolle zwängen lassen will. Stattdessen fertigt sie ihre männlichen Widersacher in Kill-Bill-Manier ab.

von Judith Sevinc Basad

In meinen Augen ist Angela Merkel die größte Feministin unserer Zeit. Sie ist mein Vorbild, weil sie sich im Laufe ihrer Karriere gegen zahlreiche Chauvinisten behauptet hat und Donald Trump wie einen Schuljungen behandelt. Das finde ich emanzipierter als Aktionen wie #aufschrei und #ausnahmslos.

Zugegeben, Angela Merkel ist nicht gerade berühmt für ihr feministisches Engagement. Ganz im Gegenteil, als Ursula von der Leyen im Jahr 2011 eine 30-Prozent-Quote für Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten forderte, blockte Angela Merkel ab. Zwar willigte sie in eine Flexi-Quote für deutschen Unternehmen ein, den Ruf „gegen die Frauen“ zu regieren und eine „rückständige Frauenpolitik“ zu betreiben, wie ihr Renate Künast und Manuela Schwesig vorwarfen, hatte sie seitdem jedoch weg.

Und das dachten nicht nur deutsche Politiker. Glaubt man einer Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2013, sahen nur 34 Prozent der deutschen Frauen die Kanzlerin als Vorbild – das liegt weit hinter Mutter Theresa, der verstorbenen Diana und Steffi Graf.

Die Kanzlerin selbst macht bis heute keinen Hehl aus ihrem feministischen Desinteresse. Als sie vor kurzem auf dem W-20-Gipfel in Berlin gefragt wurde, ob sie eine Feministin sei, geriet die Kanzlerin ins Stocken. Mit diesen Federn wolle sie sich nicht schmücken, wich sie aus.

Das kann ich ihr nicht wirklich verübeln. Denn der Feminismus des 21. Jahrhunderts spornt Frauen eher zur Passivität und Zurückhaltung an, anstatt sie zu empowern. Einher geht diese Haltung mit einer merkwürdigen Melange aus Anti-Rassismus und Kapitalismuskritik: Sei es der „weiße Mann“ oder der „rassistische Neoliberalismus“ – ständig fühlen sich die modernen Feministinnen diskriminiert, benachteiligt und herabgesetzt. Man könnte meinen, die Opferrolle sei zum queerfeministischen Trend geworden.

Der Feminismus und die "Opferrolle"

Nehmen wir etwa die Debatte um Sexismus an Schreibschulen, die gerade im "Merkur" ausgefochten wird. Dort klagte die Schriftstellerin Alina Herbing darüber, dass sie sich durch ihre männlichen Kommilitonen diskriminiert fühle, weil sich die Männer abends in der Kneipe zum Biertrinken verabredeten. Das Problem: Je später der Abend werde, desto weiter verschiebe sich laut Herbing das Geschlechterverhältnis „vollends zu Gunsten einer männlichen Dominanz.“ Warum Herbing dem nichts entgegenzusetzen hat – etwa einen zielgenauen Wurf mit der Bierflasche Richtung „männliche Dominanz“ – behält sie für sich und richtet sich stattdessen gemütlich im Opferdasein ein.

Tatsächlich ist die Opferrolle unter den Feministinnen heute so beliebt, dass sie manchen Frauen beigebracht werden muss. So erklärte – ebenfalls im „Merkur“ – die Schriftstellerin Shida Bazyar, wie sie erst durch einen feministischen Workshop gelernt habe, dass sie „täglich von Rassismus getroffen“ und von anderen Menschen ausgegrenzt werde. Dass sie „nicht-weiß“ und Opfer einer „gesellschaftlichen Struktur“ ist, habe sie erst durch einen „schmerzhaften Prozess“ erfahren. „Ich habe ganz schön viel geweint“ resümierte die Schriftstellerin.

Die Tränen seien der Autorin unbenommen. Ich habe aber keine Lust, ein Opfer zu sein.

Merkel im Kill-Bill-Modus

Und damit wären wir wieder bei Angela Merkel. Denn auch sie hat sich nie in die Opferrolle begeben, obwohl sie allen Grund dafür gehabt hätte. Als Zögling von Kanzler Helmut Kohl musste sie sich über Jahre hinweg schikanieren und demütigen lassen. "Überfordert, und zwar total", spottete der Pfälzer etwa über die damalige Familienministerin. Ähnlich abwertend kommentierte er 1994 ihren Amtsantritt zur CDU-Landesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern: „Jetzt wird das Mädchen erst mal halbwegs mit dem Ernst des Lebens konfrontiert“ tat Kohl ihren Wahlerfolg ab. Nachdem der Kanzler sie dann zur Umweltministerin ernannt hatte, rügte er die studierte Physikerin während einer Kabinettsitzung so hart, dass sie in Tränen ausbrach. Der Grund: Sie konnte ihre Sommersmogverordnung mit Fahrverboten und Tempolimits nicht durchsetzen.

Die neue Generation der Feministinnen hätte das Amt wahrscheinlich hingeschmissen, weil das System zu „weiß“ und zu „männlich“ ist. Doch die damalige Umweltministerin hatte keine Zeit für Selbstmitleid. Sie biss die Zähne zusammen und schlug zurück: Als Kohls Image wenige Jahre später durch den CDU-Spendenskandal angeknackst war, stellte sie sich mit einem Meinungsbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gegen ihn. Der Parteivorsitzende habe den Christdemokraten Schaden zugefügt, schrieb sie und forderte die Partei auf, sich von ihrem einstigen Mentor zu distanzieren. In einer Situation wohlgemerkt, in der es kein Politiker der Konservativen wagte, sich dem CDU-Übervater in den Weg zu stellen. Wenig später war Kohl Geschichte und Merkel die neue Vorsitzende.

Und das war nur der Anfang. Laurenz Mayer, Friedrich Merz, Edmund Stoiber und die obskure Vereinigung von testosterongeladenen CDU-Burschis – besser bekannt als der „Andenpakt“ – sie alle können eine Geschichte davon erzählen, wie sie von Merkel aufs Kreuz gelegt wurden. Die Erfolgsgeschichte der Kanzlerin erinnert mich immer an Uma Thurman aus dem Tarantino-Film „Kill Bill“, in dem sie mit eiskalter Berechnung ihre chauvinistischen Widersacher niedermetzelt. Das finde ich stark, das bewundere ich. Nicht die Feministinnen, die rosafarbene Katzenmützen gegen Trumps Präsidentschaft stricken.

Eines ist sicher: Die Kanzlerin ist keine Feministin, die Quoten fordert, Sternchen schreibt oder sich für Unisex-Toiletten an Universitäten stark macht. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht für ihre Geschlechtsgenossinnen einsetzt. Und das macht sie äußert pragmatisch. So traf sich die Kanzlerin vor ein paar Monaten auf dem W20-Gipfel in Berlin mit den einflussreichsten Frauen der Welt, um über die ungleiche Verteilung des Kapitals, die hohe Armut von Frauen in Entwicklungsländern und das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern weltweit zu beratschlagen. Das Ergebnis: Zusammen mit Ivanka Trump setzte sie einen millionenschweren Fonds auf, der mit Mikrokrediten Frauen in den Entwicklungsländern unterstützen sollte.

Auch hier zeigte sich Angela Merkel als die bessere Feministin: Denn während die Kanzlerin Frauen aus der Armut befreien will, veranstalteten linke Aktivisten vor der Tür schon wieder einen wütenden Protest: Gegen die „weißen reichen Frauen“ und die „Ausbeuterbetriebe“, wie es auf den Plakaten des feministischen Anti-Trump-Bündnis „Coalition Berlin“ hieß.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte den Feminismus weder abschaffen, noch verteufeln. Aber Führungspositionen, höhere Monatsgehälter und Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern lassen sich nicht durch Schattenkämpfe gegen ein kapitalistisches Feindbild und mit einer larmoyanten Opferhaltung erkämpfen.

Der Feminismus sollte Frauen lieber dazu motivieren, Ängste und Unsicherheiten zu überwinden, selbst nachzudenken und zu seinen eigenen Idealen zu stehen, notfalls auch ohne Applaus aus den eigenen Reihen. Feministinnen wie Simone de Beauvoir, Betty Friedan und Alice Schwarzer haben Frauen doch damals dazu ermutigt, ihre anerzogene Passivität abzulegen und gegen die Sexisten auf dieser Welt in die Schlacht zu ziehen.

Hand aufs Herz: Wer kann das besser als Angela Merkel?

Judith Sevinc Basad ist Mitgründerin der Initiative "Liberaler Feminismus" und engagiert sich im Verein "Frauen in der Literaturwissenschaft" (FrideL e.V). Sie studierte Germanistik und Philosophie in Stuttgart und studiert momentan Neuere Deutschen Literatur an der FU Berlin mit Schwerpunkt in der Geschlechterforschung.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Bang Ji
    Kann eine indolente Opportunistin eine Feministin sein?
  2. von Gisela Gutgesell
    Na Bravo!!! Endlich eine Frau die Courage zeigt und nicht nur rumlabert. Ich wünsche ihr viel Erfolg, aber doch lieber mit Wörtern als mit der Bierflasche.