Was die Forschung zwitschern könnte

In Deutschland halten sich Wissenschaftler mit der Kommunikation via Social Media auffällig zurück. Damit vergeben sie eine riesige Chance und überlassen das Feld den Falschen, sagt unser Gastautor Carsten Könneker.

Der Autor ist Chefredakteur von „Spektrum der Wissenschaft“. Von 2012 bis 2018 war er Professor für Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsforschung am Karlsruher Institut für Technologie. Von 2012 bis 2015 leitete er als Gründungsdirektor das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik). 

„Die Merkel hat schon viele Fehler gemacht.“ – „Größte Fehlbesetzung aller Zeiten im Kanzleramt.“ – „Kameltreiberin!“ So oder ähnlich laufen Bierzelt-Diskussionen ab. Einer gibt die Richtung vor. Ein zweiter verschärft die Tonlage. Ein dritter setzt noch einen drauf. Und Sprache wirkt. Hinterher sind unsere Einstellungen oft extremer. Gruppenpolarisierung ist ein gut untersuchter psychologischer Effekt: Debatten verändern Menschen.

Szenenwechsel. „Die Schulmedizin hat mehr Denkfehler! Die echte Homöopathie ist nicht Zucker!“ So kommentierte eine Nutzerin einen homöopathiekritischen Text auf der Facebook-Seite von „Spektrum der Wissenschaft“. Stunden später notierte eine andere: „Verreckt an Eurer Pharmascheisse. Tierversuche, schwere Nebenwirkungen und null Heilung. Hauptsache, Geld fliesst in die Taschen der Pharma.“ In sozialen Netzwerken ist Gruppenpolarisierung Legion. Mit erheblichen Folgen. Denn unter den Bedingungen von Social Media ist der Effekt mächtiger.

AfD-Sympathisanten hegen im Schnitt weniger Vertrauen in Wissenschaft 

31 Prozent der Deutschen sind mindestens wöchentlich auf Facebook aktiv, 15 Prozent auf Instagram, neun Prozent auf Snapchat, vier Prozent auf Twitter. Und jeder dritte Deutsche informiert sich inzwischen (auch) in sozialen Medien über Wissenschaftsthemen – Youtube und Blogs nicht eingerechnet. Allerdings: Nur eine kleine Minderheit von rund fünf Prozent treibt die Netzwerk-Diskurse der Wissenschaft aktiv voran, indem sie dort postet, retweetet, liked oder kommentiert. Die Mehrzahl lässt lediglich auf sich wirken.

Wer sind die Wortführer? Das aktuelle Wissenschaftsbarometer gibt deutliche Hinweise darauf, dass es sich keineswegs um einen Querschnitt der Gesellschaft handelt. Demnach sind es weit überdurchschnittlich häufig Personen mit Sympathien für die AfD, die hier die Ansagen machen – eine in Bezug auf Wissenschaft und Forschung besonders misstrauische Klientel. Denn AfD-Nahe hegen im Schnitt weniger Vertrauen in Wissenschaft als die Anhänger aller anderen im Bundestag vertretenen Parteien. Auch bezweifeln sie eher, dass Wissenschaftler zum Wohl der Gesellschaft forschen. Nur Nicht-Wähler sind noch skeptischer, was die Gemeinwohlorientierung von Wissenschaft angeht.

Sprache wirkt, und soziale Netzwerke verstärken den Effekt. Erstens durch Anonymität. Wer sich inkognito wähnt, haut hemmungsloser drauf. Zweitens liefern soziale Medien trügerische Möglichkeiten, den eigenen Selbstwert zu kartieren: mehr Follower, mehr Likes, mehr Hochgefühl. Wie viel Resonanz wir hervorrufen, unterliegt drittens einem Wettbewerb: Wer den Regler weiter aufdreht, kann auf stärkeres Echo hoffen. Und am häufigsten wird gemocht, geteilt und gekontert, was uns Zornesfalten auf die Stirn treibt.

Social Media radikalisiert uns

Hinzu kommen technologische Verstärker. Mit ihren auf jeden einzelnen Nutzer automatisiert zugeschnittenen Informations- und Meinungstriggern sorgen Facebook und Co. viertens dafür, dass wir höchstwahrscheinlich erneut interagieren und mehr Zeit im Netzwerk verbringen. Was dem Geschäftsmodell dient, befördert so die Bildung von Filterblasen. Fünftens können programmierte Diskussionsteilnehmer für weitere Beschallung und Eskalation sorgen – Social Bots als die Gebetsmühlen und Scharfmacher der Echokammern.

Gruppenpolarisierung ist dabei nur einer von mehreren psychologischen Effekten, denen wir alle, ob Frau, ob Mann, ob Merkel-Fan oder -Gegner, ob Homöopathie-Anhänger oder -Kritiker, ganz natürlich unterliegen, wenn wir Informationen und Meinungen konsumieren, kommentieren und kommunizieren. So registrieren wir bevorzugt, was unsere bereits vorhandenen Einstellungen bestätigt (confirmation bias). Oft werten wir reflexartig ab, was die Gegenseite an Argumenten vorbringt (partisan bias). In Diskussionen lassen wir uns von den Gefühlen anderer anstecken (emotional contagion). Und sollte uns jemand mal einen Denkfehler nachweisen, vertreten wir unsere irrige Meinung mitunter noch vehementer als zuvor (backfire effect). All dies sind gut untersuchte Mechanismen, so ticken Menschen, der eine mehr, der andere weniger. Allein: In sozialen Netzwerken fallen die Wirkungen extremer aus. Social Media radikalisiert uns, fragmentiert die Öffentlichkeit, polarisiert die Gesellschaft. Und das keineswegs nur in politischen oder Weltanschauungsfragen, sondern auch in Sachfragen, die sich wissenschaftlich erforschen lassen.

Ist es da ein Problem, wenn die Wortführer tendenziell der Wissenschaft misstrauischer gegenüberstehen, ja wenn es sich um überproportional viele Anhänger einer bestimmten Partei handelt? Für die Wissenschaft selbst ist es eines. In einer Demokratie hängt sie davon ab, von der Breite der Gesellschaft getragen zu werden. Doch ihr eigentliches Social Media-Problem lautet: Sie mischt zu wenig mit. Soziale Netzwerke verlangen nach aktiven Personen, ja Persönlichkeiten. Hiesige Forscherinnen und Forscher bringen jedoch deutlich seltener ihr Fachwissen in soziale Medien ein als ihre Kollegen in anderen Ländern. Das gilt auch für die jungen, die Doktoranden und Postdocs. Nur rund ein Viertel von ihnen engagiert sich laut einer aktuellen Studie mit dem eigenen Fachwissen in sozialen Netzwerken; unter ihren Kollegen aus anderen europäischen Nationen ist es knapp jeder Dritte; bei jungen Forschenden aus den USA sind es vier von zehn, bei jenen aus Asien mehr als die Hälfte. Auch beim Hochladen eigener Wissenschaftsvideos und beim populärwissenschaftlichen Bloggen agieren hiesige Jungwissenschaftler zaghafter.

Über die Wissenschaftler selbst wird Wissenschaft begreifbarer

Ich höre schon die Rufe: Die Zeit ist knapp, der Konkurrenzdruck hoch, wer soll sich da noch in sozialen Medien engagieren? Und vor allem – wozu? Nur jeder zweite hiesige Nachwuchswissenschaftler geht davon aus, dass Kommunikation für die Öffentlichkeit der wissenschaftlichen Karriere nützt. Die Kollegen aus anderen Ländern meinen das zu drei Vierteln, bei jenen aus den USA sind es sogar acht von zehn. Haben wir trotz Push-Memoranden und Wissenschaftsjahren noch immer ein Problem mit der Anerkennung für jene, die beim Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern tatsächlich ernst machen?

Vielleicht müssen wir den Blickwinkel ändern. Nicht fragen, was es einem selbst bringt, wenn man sich als Wissenschaftler mit der Gesellschaft gemein macht, sondern fragen, was es der Gesellschaft bringt, die einen als Wissenschaftler trägt! Dieser Perspektivwechsel wird aber nur flankiert von einem kulturellen Wandel gelingen. Jene, die über ihre Arbeit schreiben, sprechen oder die gleich Citizen Science betreiben, dürfen nicht länger dafür belächelt werden. Sie verdienen vielmehr Wertschätzung, ja Förderung. Das Delegieren von „Transfer“ oder „Outreach“ in hochgerüstete Kommunikationsabteilungen löst das Social Media-Problem nicht. Eine twitternde Physikerin, ein bloggender Psychologe oder zwei Paläogenetiker mit eigenem Youtube-Kanal sind ungleich authentischer und glaubwürdiger, können Nutzerkommentare zeitnah parieren und Rückfragen beantworten. Über die Wissenschaftler selbst wird Wissenschaft begreifbarer.

Zudem müssen die Institutionen ihre Wissenschaftler besser als bislang auf die Dialoge vorbereiten. Das Mediengeschehen ist komplex; öffentlich mit unsicherem Wissen zu hantieren ist knifflig; welche Formate man zielgruppensensibel wie nutzt, das lernen bislang nur die wenigsten. Auch hier hinkt Deutschland hinterher.

Als Gesellschaft des 21. Jahrhunderts hängen wir stark von Forschung und Innovation ab. Dabei gibt es keinen Grund, die Wissenschaft zu überhöhen. Sie ist keine allumfassende Welterklärungsmaschine. Was sie zu sagen hat, kommt stets nur unter Vorbehalt daher. Ihre Geschichte kennt zahlreiche Sackgassen und Sündenfälle. Umgekehrt stellt sie ihre Erfolge im Exzellenzzeitalter bevorzugt im Hochglanzmodus dar. All dies macht sie angreifbar – gerade dann, wenn sie das Wort, das über sie geführt wird, anderen überlässt. Wir brauchen daher mehr Stimmen, mehr Gesichter aus der Forschung, die in Social Media ihre Methoden veranschaulichen, die eigenen Motive und Ziele erläutern und offen die Leerstellen des Wissens benennen. Derlei Kommunikation schafft Vertrauen; Feuerwerke von Erfolgsmeldungen und Inaussichtstellungen tun das nicht. Evidenzbasiertes Argumentieren, logisches Schlussfolgern, Faktentreue, Quellenkritik werden täglich in den sozialen Medien preisgegeben. Die Wissenschaft darf dieses Feld nicht anderen überlassen.

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