Warum die romantische Liebe (noch) nicht endet

Verlieben und Zusammensein sind von vielen Seiten unter Druck geraten – also Schluss machen? Eine Antwort von Udo Thiedeke.

- Der Autor ist Soziologe an der Universität Mainz

Vorweihnachtszeit, überall brüllen einen die Herzchen an, und selbstvergessene Männer stellen sich willig in die Kassenschlangen der Parfümerien, um der oder dem Liebsten ausgerechnet mit Duftvorlieben, die sie gar nicht kennen, ihre Zuneigung zu schenken. So sieht es alljährlich aus zum Fest der Liebe – und damit sollte nun Schluss sein? 

Würde man der Soziologin Eva Illouz folgen wollen, dann wäre das Ende der romantischen Liebe wohl nur allzu nah. Zumindest müsste man eine kritische Krise diagnostizieren. So füllt sie Buch um Buch und Halle um Halle und erklärt uns etwa in ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“, wie der allfällig verantwortliche Kapitalismus dazu führt, dass Gefühle zur Ware und zu einem Aktivposten in der Buchführung des Lebens werden, bis nichts Leidenschaftliches und Romantisches mehr übrigbleibt. 

All die Romantik des Verliebens und des Zusammenseins scheint also rettungslos verstrickt in einen Entfremdungszusammenhang (Horckheimer und Adorno grüßen von fern). Der wird von industriellen Konsumangeboten der Romantik sowie den rationalistischen Entzauberungsversuchen der Paartherapeuten und Gerechtigkeits- sowie Gleichheitsapologeten vorangetrieben. Ganz schlimm ist es um den romantischen Zauber der Liebe auf den „Kontaktmärkten“ des Internets bestellt. Hier verkürzen die „Techniken der Wahl“ beim Online-Dating unsere Partnerwahl zu einem ökonomisch-algorithmischen Kalkül. 
Das klingt desillusionierend so kurz vor dem Fest der Liebe und danach sowieso. Die romantische Liebe, die die Sinne betört, die Begegnung mit dem geliebten Gegenüber zur Ausnahme steigert und die Gefühlsstürme der Leidenschaften entfacht, steht entzaubert da. Eine Kaiserin ohne Kleider. Alles nur Geschäfte, Aushandlungen, Kalkulationen. Vielleicht wohnt dieser Diagnose zum Zustand der romantischen Liebe sogar eine tiefe Sehnsucht, wenn nicht nach Leidenschaft, dann wenigstens nach Entlastung inne.

Die reife Beziehung ist Teil der gelungenen Biographie

Man muss ja persönlich nichts verantworten, wenn das Lieben so schal schmeckt, wie die Weihnachtsplätzchen im Januar. Man hat keine Schuld, wenn die Mächte des Kapitals, Therapiekartelle oder Algorithmen uns die romantische Unschuld stehlen und unsere amourösen Gefühle zu Sonderangeboten auf den Wühltischen der Märkte verkommen.
Tatsächlich sind die Angebote der Romantikindustrie überpräsent. Gerade vor liebesverdächtigen Feiertagen wie Weihnachten oder dem berüchtigten Valentinstag laufen sie zu marktschreierischer Höchstform auf. Auch scheinen die Anforderungen eine rundum gleichberechtigte, reife und dennoch emotional erfüllende Partnerschaft, nicht nur zu leben, sondern als Teil einer gelungenen Biografie auch den anderen zu präsentieren, gewachsen zu sein. Und zu unserer Lebenswirklichkeit als vernetzte Datenexistenzen gehört die Herausforderung, sich und das eigene Sehnen in die Profile der Vorlieben, Abneigungen, Likes und Dislikes zu übersetzen, die uns die Algorithmen dann sortieren und präsentieren. So folgt, den Lemmingen gleich, die Klickeria der Hoffnung, dass vernetzt werde, was sich sucht und dass zusammenkommt, was mit 93 Prozent Wahrscheinlichkeit zusammengehört – wie der Algorithmus meint.

Nur ist von all dem wirklich das betroffen, was wir zum Ausdruck bringen, wenn wir romantisch lieben? Lieben wir das Geld, das jemand für uns ausgibt, lieben wir die Waren und Dienstleistungen der Romantikindustrie? Lieben wir die Aushandlungen der Geschlechtergerechtigkeit in Paarbeziehungen und die Toys und Tricks der Therapeuten, um sich einander „wieder zu entdecken“ und zusammen „wieder Spaß im Bett“ zu haben? Lieben wir gar die perfekte Inszenierung von Online-Profilen, die Fülle an Angeboten, die wir auf Tinder durch die Gegend schubsen, die narzisstische Konkurrenz der Online-Kontaktmärkte? Vielleicht könnte man all das lieben. Nur würden wir dann noch „jemanden“ lieben? 

Als er der Liebe als Passion folgte hat der Soziologe Niklas Luhmann schon vor Jahren auf das hingewiesen, was unser Erleben und Handeln prägt, wenn wir in einer modernen Gesellschaft leben: Angesichts gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen nicht mehr zuerst die Tradition verwandtschaftlicher Bande oder die Rangposition gesellschaftliches Handeln bestimmen, sondern die Art und Weise, sich individuell beteiligen zu können, ist ein Modus der Wahl von Geschlechtspartnern gefragt, der auf höchstpersönliche Gründe abstellt.
Und diese liegen in den Gefühlen und Begierden der Individuen selbst begründet. Entscheidend ist jetzt das nichtvorhersehbare Gefühl der leidenschaftlichen Hingezogenheit zu einem unbekannten Anderen. Dessen individuelle Einzigartigkeit erregt mein Begehren, dessen Körperlichkeit ist meine Lust und dessen Weltsicht soll fortan der Maßstab meines Erlebens und Handelns sein und vice versa. 

Ich werde nicht nur toleriert, ich werde begehrt 

Für mich als Individuum ist die romantische Liebe nichts weniger als ein atemberaubendes Versprechen. Sie verspricht mir, ich könnte mit all meinen so speziellen Eigenheiten, mit meiner so eigenen Weltsicht, ja mit meinen sexuell höchst persönlichen Bedürfnissen und Obsessionen nicht nur irgendwie von anderen toleriert oder rechtlich von irgendwelchen Organisationen anerkannt werden, sondern von einem liebenden Gegenüber gewollt, ja sogar begehrt sein. Das kann man weder kaufen noch kalkulieren. 

Nicht nur für das Individuum, sondern für all die anderen liegt darin die Chance, die Abweichung des Individuellen in eine moderne Gesellschaft einzubeziehen, die nicht am Traditionellen, sondern am originellen Neuen orientiert ist. Allerdings ist dafür ein Preis zu zahlen, der die Kritik an der romantischen Liebe in Wallung versetzt. Weil der gesellschaftliche Einbezug all der einzigartigen Individuen auf der Grundlage ihres Fühlens eine kitzlige Angelegenheit ist, die die Grenzen von Konventionen und Normen sprengt, gelingt er nur in der Eindämmung der romantischen Zweierbeziehung. Hier kann die Hochspannung der individuellen Überempfindlichkeiten und Leidenschaften ihre Funken schlagen und bleibt durch unser Verständnis für die Passion und Blindheit der Liebenden gut isoliert vom Rest der nicht Verliebten.

Doch wo das Rettende lockt, wächst auch die Gefahr. Ändert sich die Art und Weise meine Individualität von anderen anerkennen zu lassen, kann Aufmerksamkeit und Wirksamkeit für jede Weltsicht und jedes Fühlen jederzeit, wenn nicht erreicht, dann erzwungen werden. So wie es sich derzeit in den sozialen Medien der vernetzten Selbstverwirklichungen abzeichnet, könnte Schluss mit der romantischen Art sein, sich selbst in den Gefühlen leidenschaftlicher Zweisamkeit zu verwirklichen.

Aber wer weiß schon, wovon die Netze in den Weihnachtsnächten träumen? Ich nehme mir mal das Weihnachtsplätzchen in Herzform und überlege, wer mich wohl küsst unterm Tannenbaum. 

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