Wann legen wir unsere moralische China-Allergie ab?

Das Klonen von Affen durch chinesische Forscher ruft wieder die Empörung des Westens hervor. Dabei zeigt China uns das Spiegelbild einer unausgereiften Ethik- und Wissenschaftskultur, die zwischen Kommerz, Interessen und echter Wissensarbeit laviert. 

Von Ole Döring, Philosoph und Sinologe an der FU Berlin und der Polytechnischen Universität Hongkong.

Im Herbst 2003 wurde bekannt, dass New Yorker Forscher unter dem Reproduktions-Mediziner Jamie Grifo im chinesischen Guangzhou einen Menschenversuch durchgeführt hatten. Zwei im Verfahren des Zellkerntransfers geschaffene Embryonen starben (nach 24 beziehungsweise 27 Schwangerschaftswochen) im Leib der chinesischen Mutter. In den USA und vielen europäischen Ländern war dieses Klonen aufgrund seines medizinischen Risikos und aus ethischen Erwägungen gebannt. Auch in China existierte ein klares Verbot. Das internationale Team konnte sich darüber hinweg setzen, weil die Behörden sich erst im Aufbau befanden und keine starken Sanktionen zu erwarten waren. 

Die Empörung des Westens ist auch jetzt wieder hör- und spürbar, da chinesische Wissenschaftler Affen geklont haben. Dabei gilt es jedoch einiges zu berücksichtigen.

Das Muster ist immer gleich: China orientiert sich am vermeintlichen Erfolgsmodell „des Westens“. Junge Forscher werden in die Welt geschickt um zu lernen, was das Land stark macht; viele kehren zurück und bringen ihr Wissen mit. So hat China auch Regeln, deren Umsetzung in Europa umstritten sind, wie die „informierte Zustimmung“, die Bestimmungen zur „guten wissenschaftlichen Praxis“ oder die Einsetzung von „Ethik-Kommissionen“, übernommen, ohne die Kritik und die Rahmenbedingungen wie in den Ursprungsländern mit zu entwickeln. So zeigt China uns das Spiegelbild einer unausgereiften Ethik- und Wissenschaftskultur, die zwischen Kommerz, Interessen und echter Wissensarbeit laviert.

Aus China wurde noch nie ein biotechnologischer ethischer Dammbruch vermeldet. Diese kommen alle aus dem „christlichen Westen“: die Zeugung von Menschen außerhalb des Körpers (IVF, ICSI), bei der „überzählige“ Embryonen hergestellt werden; die Organtransplantation mitsamt der unklaren Grenzen des kommerziellen Organhandels; die Leihmutterschaft mit ihrer Verdinglichung der Mutterschaft; das industrielle Klonen von Lebensformen und die Überführung von Lebensabläufen in patentierbares Eigentum - nichts davon wurde in China erfunden. Chinesen nutzen, optimieren und adaptieren diese Praktiken. Dabei zeigen sie, wenn man hinsieht, dieselbe Streuung fachlicher Integrität und ethischer Qualität wie hierzulande. Oft auch dieselbe Bereitschaft, über die eigene Verantwortung Rechenschaft zu geben.

Das Geheimrezept der chinesischen Erfolge in der Biotechnologie, sei es beim Klonen oder in der Genomik, liegt offen zu Tage: methodische, effiziente Nutzung einer relativ kleinen aber auf höchstem Niveau ausgestatteten Infrastruktur, unkomplizierte Verfügbarkeit der Ressourcen und hoch motivierte, unternehmerische Menschen. Eine gewisse Rücksichtslosigkeit mag die Effizienz stärken. Sie erklärt sich aber ebensowenig aus kultureller Fremdartigkeit: Man hat eben auch den Bildungsstand der internationalen Kollegen seiner Generation. Philosophische Ethik kommt da ebensowenig vor wie biologisches Systemwissen oder Geschichte und Theorie der Wissenschaft.

Die Verweigerung gegenüber der Wirklichkeit

Im März 2016 lehnten Gutachter des deutschen Forschungsministeriums den Antrag auf vergleichende Untersuchungen der Hintergründe des - heute als Gen-Editing bekannten CRISPR/Cas9-Verfahrens ab. Die Begründung: Chinas Bedeutung auf diesem Gebiet sei nicht ersichtlich und China unterscheide sich so sehr von Deutschland, dass ein Vergleich keinen Erkenntnisgewinn verspreche. Im April 2015 hatten chinesische Forscher weltweit erstmals den erfolgreichen Einsatz von CRISPR/Cas9 am Menschen publiziert.

Die Finanzierung der Forschung an drei deutschen Universitäten (in Berlin, Hamburg und Erlangen), von elf Stellen, Konferenz- und Forschungsmitteln über drei Jahre wurde als „viel zu hoch“ abgekanzelt: es ging um 530.000 Euro pro Jahr, verteilt über drei Standorte. Ebenso wichtig wie die inhaltliche Arbeit am gegenseitigen Verstehen war der Aufbau einer Infrastruktur, die Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses auf diesem neuen Gebiet und Raum für reale Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit China.

Dies ist ein Fall von vielen. Ein typischer, selbst gemachter Bremsklotz der innovativen Entwicklung deutscher Wissenschaft. Wer so organisiert ist und so denkt, kann nicht kompetent über Wissenschaft auf Weltniveau befinden. Offensichtlich überforderte Gutachter werden nicht korrigiert, selbst wenn sie sich selbst disqualifiziert haben. Mit dieser Verweigerung gegen die Wirklichkeit geht eine willkürliche Einschränkung der Grundlagen der wissenschaftlichen Freiheit einher. Auch wenn jeder Wissenschaftler davon ein Lied singen kann, arrangieren wir uns ebenso wie die Kollegen in China. Wo soll da ein guter Wandel entstehen?

Die betrauten Gremien der öffentlichen Diskussion und Politik-Beratung nehmen die wirklichen Verhältnisse nicht zur Kenntnis - es fehlt ja an grundlegender Forschung dazu. Oder sie verharmlosen die handfesten Probleme doppelter Standards, massiver Übergriffe und Rechtsbeugungen als Kulturfragen. Wenn nun der aktuelle Vorsitzende des Ethikrates die Hände ringt, weil Spitzenforscher in Schanghai es ihren "westlichen" Kollegen gleichtun, dann fragt man sich, in welcher Welt wir leben. Die Publikation in der Fachzeitschrift Cells setzt dieselben Standards voraus, die „ethischen“ Kriterien werden ebenso verlangt wie von Dänen und Franzosen. Zur Standardisierung zählt das Gebot der Verhältnismäßigkeit des Ressourcenverbrauchs. Ob Affen oder Schweine oder Mäuse oder Hefe oder menschliche Embryonen: Konsens ist, dass es sich um Modelle für die Entwicklung von Forschung handelt. Wer das nicht mag, kritisiere nicht einzelne Länder oder Kollegen, sondern die hierfür verantwortlichen Funktionäre, Verfahren, Gesellschaften.

Für Alarmismus gegenüber China besteht kein Anlass

Die immer wieder zitierten Appelle der Experten, bei der Bewertung der Klon-Forschungsergebnisse vorsichtig zu sein, sind wohl begründet. Es handelt sich um Einblicke ins Labor. Im Wesen des Experiments liegt es, dass wir zweifeln. Gute Wissenschaft kann nicht hellsehen, auch nicht, ob die verlangten „hochrangigen medizinischen Zwecke“ je erreicht werden können. Politik und Geldgeber mögen das nicht hören. Ungeduld und das Unterwerfen wissenschaftlicher Integrität unter Vorgaben der Verwaltung und Politik sind globale Probleme. Für Skepsis gegenüber der Integrität unseres Wissenschaftssystems besteht aller Anlass, nicht aber für einen besonderen Alarmismus gegenüber China. Dort erkennen wir die Stärken und Schwächen unserer eigenen Verfassung. Das Erschrecken fällt auf uns selbst zurück.

Hierzulande hatte die Regierung Schröder der Biopolitik ihre neoliberale Wende verordnet, indem sie die Erlaubnis zur Zerstörung menschlicher Embryonen zu einer Frage der nationalen Ökonomie und der Zukunftsfähigkeit Deutschlands erklärte. Das hat Innovation erschwert, ethische und wissenschaftliche Standards kompromittiert und Erfindergeist in die Flasche gesperrt. Reden wir nun im Ernst darüber, daß Chinesen sich auf Marketing verstehen und ihre Äffchen dem Namen der chinesischen Kultur widmen?

Wer erlaubt sich dräuend zu raunen, dass in China "eine umfängliche Strategie gefahren wird, die genetischen Grundlagen menschlichen Lebens zu bearbeiten“? Eine Fülle von Literatur zur „Biopolitik“ liegt auf dem Tisch, Untersuchungen des Umbaus unserer Gesellschaften, ausgehend von Frankreich, England, USA. Bitte keine Steine im Glashaus! 

Es wäre doch einmal etwas anderes, wenn wir, als Gesellschaft, über die grundlegenden ethischen Fragen offen und ernsthaft reden würden, anstatt uns in der Pose rechtschaffener Entrüstung zu verstellen. Dazu haben übrigens die chinesischen Forscher ausdrücklich aufgerufen. Wollen wir mal? 

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